POLARSTERN auf Jungfernfahrt durch Nordwestpassage
GeoNews 22.08.2008
FS Polarstern auf dem Weg zu Messungen in die Ostsibirische See - Forschungsschiff durchfährt erstmals Nordwestpassage
Das
deutsche Forschungsschiff Polarstern, das vom Alfred-Wegener-Institut
für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft betrieben
wird, befährt erstmals die Nordwestpassage. Polarstern hat am 12.
August den Hafen von Reykjavik verlassen, Grönland südlich umschifft
und befindet sich derzeit am Beginn der Nordwestpassage. Ziel ist die
Ostsibirische See, wo geowissenschaftliche Messungen an der
Schnittstelle zwischen dem Mendelejew-Rücken und dem ostsibirischen
Schelf im Fokus der Expeditionsteilnehmer stehen. Die im Rahmen des
Internationalen Polarjahres angestrebten Messdaten sollen helfen zu
verstehen, wie die untermeerischen Gebirgszüge und Becken des
Arktischen Ozeans gebildet wurden. Diese Expedition führt die
Wissenschaftler in 68 Tagen rund um den Nordpol, denn die Rückfahrt
soll über die Nordostpassage stattfinden.
Auf
den Spuren Alfred Wegeners, der die Theorie der Kontinentalverschiebung
1915 begründete, möchten die Wissenschaftler die tektonischen
Zusammenhänge am Grund des Nordpolarmeeres klären. Sie bedienen sich
dazu seismischer Messmethoden, die einen Blick in die Schichtabfolgen
von Gesteinen und Sedimenten im Meeresboden ermöglichen. „Am
Meeresboden finden wir Gebirge, die ähnlich hoch sind wie die Alpen,“
sagt Fahrtleiter Dr. Wilfried Jokat. „Diese sind teilweise von
Sedimenten überlagert, so dass wir unter die Oberfläche schauen müssen,
um Hinweise auf die geologische Entstehungsgeschichte des
Mendelejew-Rückens zu finden,“ so der Geophysiker weiter.
Wo
der Mendelejew-Rücken auf den Ostsibirischen Schelf trifft, treten
mitunter sehr alte Schichten an die Oberfläche des Meeresgrundes.
Finden die Wissenschaftler mit Hilfe der Messtechnik an Bord von
Polarstern solche Stellen, so wollen sie versuchen mit einem Schwerelot
Kerne zu ziehen, denn hier treten 50 Millionen Jahre alte Gesteine an
die Oberfläche. Normalerweise können mit dem Schwerelot, mit dessen
Hilfe man Kerne der oberen zehn bis 15 Meter ziehen kann, nur Schichten
bis zu einem Alter von einer Million Jahre beprobt werden. Sowohl die
Sedimentkerne als auch die seismischen Profile sollen dazu genutzt
werden, einen Vorschlag für eine zukünftige arktische Tiefenbohrung
weiter zu stützen. Im Rahmen des internationalen Tiefbohrprogramms IODP
(Integrated Ocean Drilling Program) soll in den nächsten Jahren ein
langer Bohrkern gewonnen werden, der von Forschern aus aller Welt mit
Spannung erwartet wird, denn er wird weitere Einblicke in die
erdgeschichtlichen Zusammenhänge der Arktis in den letzten 100
Millionen Jahre offenbaren.
Weiterhin
gibt es in der Ostsibirischen See Gebiete mit hohen
Sedimentationsraten. Wenn es gelingt, hier Sedimentbohrkerne zu ziehen,
lassen diese Rückschlüsse auf die Klimageschichte in der jüngeren
geologischen Vergangenheit zu. So gibt der Gehalt an organischem
Kohlenstoff in Sedimentkernen Hinweise auf die biologische Aktivität
und Forscher können die Temperatur und die Eisbedeckung bis zu eine
Million Jahre vor unserer Zeit rekonstruieren. Auch in der
Gegenwart gelangt organischer Kohlenstoff über Flüsse in den arktischen
Ozean, weshalb sich die Ozeanografen für die Ostsibirische See
interessieren. Ähnlich wie bei den vorhergehenden Fahrtabschnitten
nehmen sie Wasserproben und messen Temperatur, Salzgehalt und Tiefe.
Zusätzlich bestimmen sie den Gehalt an terrestrischem Kohlenstoff im
Wasser, über den sie berechnen können, aus welchen Flüssen das
untersuchte Wasser stammt und wie lange es unterwegs ist. Diese Daten
sollen helfen, die auch klimawirksamen Strömungssysteme im
Nordpolarmeer besser zu verstehen.
Veränderungen in den
Meeresströmungen wirken sich ebenfalls auf die belebte Umwelt aus.
Daher ermitteln Biologen die Artenzusammensetzung in Proben
verschiedener Gebiete und Tiefen und vergleichen diese mit Messungen
aus den 1990er Jahren. So können sie ableiten, ob sich beispielsweise
eine veränderte Eisbedeckung auf die biologische Produktivität des
Systems auswirkt. Detaillierter soll die Ruderfußkrebsart Oithona
similis untersucht werden, die sowohl im Arktischen als auch im
Antarktischen Ozean und in der Nordsee auftritt. Wie sie sich in diesen
unterschiedlichen Klimazonen erfolgreich fortpflanzen kann, wollen die
Forscher in Experimenten an Bord ermitteln.
Abenteuerliche Bedingungen
All diese
Untersuchungen sind von äußeren Faktoren wie dem Wetter und vor allem
der Eisbedeckung abhängig. So war noch vor zwei Monaten unklar, ob
Polarstern durch die Nordwestpassage fahren kann, ein alternatives
Messprogramm für die Grönlandsee lag in der Schublade. Die aktuellen
Satellitenbilder zeigen, dass die Nordwestpassage nahezu eisfrei ist
und wahrscheinlich ohne große Probleme befahren werden kann. Weiterhin
wird sich Fahrtleiter Jokat während der Expedition mit kanadischen und
US-amerikanischen Kollegen kurzschließen, die derzeit in der
Beaufortsee Vermessungsarbeiten durchführen. Sie können direkte
Eindrücke der Eisbedingungen weitergeben, die kein Satellit liefern
kann.
Nach der Rückfahrt von Polarstern durch die
Nordostpassage wird das Forschungsschiff voraussichtlich am 19. Oktober
wieder in Bremerhaven eintreffen.
Hier finden Sie die aktuellen Wochenberichte von Polarstern.
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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Alfred-Wegener-Instituts, Folke
Mehrtens (Tel. 0471 4831-2007; E-Mail: Folke.Mehrtens@awi.de).
Das Alfred-Wegener-Institut forscht in der Arktis, Antarktis und den Ozeanen der mittleren und hohen Breiten. Es koordiniert die Polarforschung in Deutschland und stellt wichtige Infrastruktur wie den Forschungseisbrecher Polarstern und Stationen in der Arktis und Antarktis für die internationale Wissenschaft zur Verfügung. Das Alfred-Wegener-Institut ist eines der fünfzehn Forschungszentren der Helmholtz-Gemeinschaft, der größten Wissenschaftsorganisation Deutschlands.








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