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Jubiläumsfeier als Ausgangspunkt für Neuausrichtung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.08.2007 10:52

Auf 50 Jahre blicken die Weltdatenzentren in diesem Jahr zurück. Doch Feierlaune kam bei ihrem diesjährigen Treffen in Bremen nicht gerade auf. Denn die Zentren müssen sich dringend Gedanken über ihre Zukunft machen. Vom Internationalen Wissenschaftsrat ICSU ist ihnen zum 50. Geburtstag die kritische Frage gestellt worden: "Brauchen wir Euch überhaupt noch?" Die 1931 gegründete ICSU ist so etwas wie der globale Dachverband aller wissenschaftlichen Organisationen - eine Nichtregierungsorganisation, unter ihrem Dach befinden sich auch die Weltdatenzentren.

Selten, nur alle sieben Jahre, treffen sich die Abgesandten aller 52 Einrichtungen - für "viel zu selten" hält das der Klimaforscher Hartmut Grassl. Denn eine regelmäßige Standortbestimmung wäre schon notwendig. Auch wenn die Sinnfrage der ICSU an die Datenzentren zum 50. Geburtstag nicht unbedingt höflich zu nennen ist - berechtigt ist sie schon. Als sie einem halben Jahrhundert gegründet wurden, um die Daten des Internationalen Geophysikalischen Jahres 1957/58 zu speichern, war die Idee von Informationsspeichern, die ihre Daten unterschiedslos an alle Interessenten aus der Wissenschaft abgaben, aufsehenerregend. Doch inzwischen findet die Idee des freien Austauschs von Daten und Informationen unter Wissenschaftlern immer mehr Anhänger, die Weltdatenzentren haben inzwischen starke Konkurrenz bekommen. Andererseits ist offenkundig, dass viele Datenzentren nicht mit der technologischen Entwicklung Schritt halten konnten. In einer beträchtlichen Zahl liegen die Bestände noch auf Datenblättern vor, die erst noch in Computer eingelesen werden müssen, während die wissenschaftliche Avantgarde heutzutage schon darangeht, beliebig über die Welt verteilte Datenbanken über Hochgeschwindigkeitsdatenleitungen miteinander zu vernetzen und an jedem beliebigen Ort verfügbar zu machen.

Etliche Weltdatenzentren sind an diesen Bemühungen beteiligt. "Einige haben ihre Aktivitäten hier vorgestellt, und die sind Weltklasse", urteilt Grassl. So ist das jüngste Weltdatenzentrum, das über Biodiversität in den USA, ein virtuelles, das Datenbestände von zahlreichen Standorten zusammenfasst. Doch auch das WDC Ozeanographie aus China ist, davon hat sich Grassl im Auftrag der ICSU selbst überzeugt, von absolutem Weltklassestandard. "Das liegt daran", so der Klimaexperte, "dass die Regierung in China vor einigen Jahren die Devise ausgab: Daten sind gut für China." Andere Zentren sind dagegen aufgelöst worden, weil sogar die Mittel fehlten, ihre Bestände in elektronische Form zu überführen, von einer internettauglichen Form gar nicht zu reden. "Aber es wurde garantiert, dass diese Datensätze nicht verloren gegangen sind", so Grassl, "die sind dann in andere Datenzentren überführt worden."

Die Weltdatenzentren als Gruppe haben also Grund genug, sich Gedanken über eine Strategie für die Zukunft zu machen. Nicht nur von der Trägerorganisation ICSU werden sie dabei unter Druck gesetzt. Auch die parallel von Regierungen, der EU-Kommission und verschiedenen UN-Organisationen gegründete Group on Earth Observation ( GEO ) setzt die Datenzentren in Zugzwang, denn sie will in zehn Jahren mit ihrem System der Systeme alle Erdbeobachtungsdaten zusammengefasst präsentieren. Eine Option, die auf der Bremer Tagung diskutiert wurde, war daher, sich diesem Projekt einzeln oder als Gruppe anzuschließen.

Der Anschluss, so die Befürworter, habe den Vorteil, dass man sich die arbeitsintensive und kostenträchtige Suche nach Standards für die Meta-Daten sparen könne. Meta-Daten sind so etwas wie Katalogeinträge, die die in Datensätzen gespeicherten Informationen charakterisieren und damit für Suchmaschinen erfassbar machen. Ohne sie ist eine Datenbank weniger eine geordnete Kartei als vielmehr ein Datenhaufen, in dem die Suche genauso viel Mühe macht, wie die nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen.

Alternativ könnten sich auch verwandte Zentren innerhalb des WDC-Verbundes nach dem deutschen Vorbild enger vernetzen. Die anderen Zentren könnten von den Erfahrungen dieser Pioniere profitieren und sparten sich auf diese Weise ebenfalls manche aufwendige Vorbereitung. "Es wird immer Unterschiede zwischen den brillantesten dieser Datenzentren und den nachhinkenden geben, aber wir wollen, dass Netzwerke aus Datenzentren entstehen", erklärte Hartmut Grassl auf der Tagung im Namen der ICSU.

Die radikale Frage des Weltwissenschaftsverbandes nach dem Sinn der Datenzentren wird am Ende sicher nicht negativ beantwortet. Zu bedeutend sind die Datenbanken für die Wissenschaften und zu wichtig der Grundsatz des freien Austauschs. "Wenn wir überhaupt Nachhaltigkeit für die Menschheit erreichen wollen, das heißt, gute Lebensbedingungen für die kommenden Generationen, dann brauchen wir die Erforschung des globalen Wandels", so Hartmut Grassl, "und die Weltdatenzentren leisten auf dem Weg einen wesentlichen Beitrag."