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Überraschende Vielfalt tief unten am Meeresgrund

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 31.08.2007 10:12

Erst 1977 hat der Mensch entdeckt, daß es tief unten im Meer Welten gibt, die vollkommen unabhängig von der Sonne existieren und blühendes Leben hervorbringen. Es sind heiße, mineralreiche Quellen, die direkt aus dem Erdinneren sprudeln.

Diese Quellen faszinieren die Wissenschaftler: "Vielleicht ist der Ursprung des Lebens an solchen Stellen zu suchen", begründet es Professor Colin Devey vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. Er ist beteiligt am Konsortium Interridge , in dem sich namhafte Forscher und Institute zusammengeschlossen haben, um die fremde Welt der Meeresrücken systematisch zu erforschen.

Die ersten schwarzen Raucher wurden vor rund 30 Jahren vor den Galapagos-Inseln entdeckt. Sie entstehen in Verbindung mit Vulkanismus, wenn kaltes Meerwasser tief in den Meeresboden eindringt, aufgeheizt und mit Mineralien beladen wird, und dann als mehr als 300 Grad Celsius heiße Quelle wieder herausschießt. Nur der Tiefseedruck verhindert, dass diese Quellen kochen. Beim Kontakt mit dem eisigen Umgebungswasser fallen schwarze, schwefelhaltige Minerale aus, die die Schlote der Schwarzen Raucher wachsen lassen. In dieser Umgebung hat es das Leben außerordentlich gut. Schwefelliebende Bakterien finden ein Schlaraffenland und auf ihnen baut ein ganzes vielgestaltiges und vor allem sehr farbiges Ökosystem auf.

Im Jahr 2000 wurde noch ein zweites, vollkommen neues Ökosystem am mittelatlantischen Rücken gefunden: "Lost City" , eine Stadt aus Kalk. Sie liegt genau an der Stelle, wo die Erdkruste auseinander reißt, nur dass hier keine Lava gefördert wird, weil dieser Bereich gerade ruhig ist. Durch dieses tiefgründige Zerreißen gelangen dort Gesteine an die Oberfläche, die aus acht Kilometern Tiefe stammen. "Diese Gesteine sind im Erdmantel entstanden, bei hohen Drücken und Temperaturen. Kommen sie mit dem kalten Meerwasser in Kontakt, laufen sofort chemische Reaktionen ab: Die Minerale nehmen Wasser auf, wandeln sich in Serpentinit um, und dabei entsteht Wärme", erklärt Professor Deborah Kelley von der Universität von Washington in Seattle. Bei diesen Prozessen wird das Wasser erwärmt und mit Unmengen an gelöstem Kalk, Wasserstoff und Methan beladen. Trifft es auf das kalte Meerwasser, fällt der Kalk wieder aus und bildet die faszinierenden Türme von Lost City.

Doch verglichen mit den Schwarzen Rauchern scheint Lost City eine Geisterstadt zu sein, in der sich kaum etwas bewegt. Doch das trügt. Es gibt eine Unzahl von einzelligen Lebewesen, die sich alle auf die Verarbeitung von Methan spezialisiert haben. Kelley: "Wir finden auch Tiere, die aber anders als an den Black Smokern sehr klein sind, meist kleiner als ein Zentimeter." Überdies haben diese Tiere durchscheinende Schalen, so dass sie im Wasser nur schwer zu entdecken sind. Nach ersten Abschätzungen ist die Vielfalt der Lebensformen in Lost City größer als in den Schwarzen Rauchern, auch wenn es von jeder Art offenbar weniger Individuen gibt.

Beide Ökosysteme stehen bei Wissenschaftlern hoch im Kurs, wenn es darum geht, die Wiege des Lebens auf der Erde zu suchen. Denn beide existieren tief unten am Grund eines Ozeans, der empfindliches Leben vor Meteoriteneinschlägen und harter Sonnenstrahlung schützt, und beide bieten das, was Leben zu allererst immer braucht: Eine reichlich sprudelnde Energiequelle. Noch ist kein zweites Lost City entdeckt - aber die Gesteine, die heute dort entstehen, bildeten sich schon, als die Erde noch jung war. Was heute unter Lost City passiert, gab es damals überall. Die Forscher hoffen deshalb von Lost-City viel über das frühe Leben zu lernen.