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Rechnung mit Bewertungs-Unbekannten

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 08.09.2007 15:15

Es ist eigentlich eine simple Subtraktionsrechnung, die die österreichischen Wissenschaftler aufgestellt haben. Sie haben die so genannte gesellschaftliche Aneignung von Nettoprimärproduktion ermittelt, genau wie zahlreiche Forschergruppen vor ihnen auch schon. Hinter diesem Begriff verbirgt sich der Anteil am Pflanzenwachstum, den der Mensch direkt und indirekt für sich beansprucht. Aber wie bei jeder simplen Rechnung steckt der wahre Teufel im Detail der Datengewinnung. Denn hinter den scheinbar so nackten und exakten Zahlen verbergen sich Bewertungen, Schätzungen, Voraussetzungen.

Ausgangspunkt ist die Biomasseproduktion der Grünpflanzen. Denn sie sind die Basis der Nahrungskette, mit ihrer Photosyntheseleistung stellen sie die Grundlage des Lebens auf der Erde erst her. Jedes Tier, jeder Pilz, auch die meisten Bakterien leben von ihrer Leistung. Indem sie Pflanzen fressen oder zersetzen, wandeln sie deren Biomasse in eigene um, und natürlich wächst die gesamte Biomasse dadurch nicht. Erschwert wird die Erfassung dadurch, dass man nicht die Produktivität der tatsächlichen Pflanzen erfassen will, sondern die einer theoretischen Vegetation, die wachsen würde, wenn es die Eingriffe des Menschen nicht gäbe. „Die kann man mit Modellen berechnen“, erklärt Helmut Haberl, „die im wesentlichen auf Basis von Boden- und Klimadaten berechnen, welche funktionellen Pflanzentypen würden sich unter diesen Boden- und Klimabedingungen durchsetzen, und wie viel Produktion würden die bei gegebenem CO2-Gehalt der Atmosphäre, bei gegebenen Niederschlags-  und Temperaturenmustern haben.“

Dahinter liegt der Gedanke, dass man dem Menschen jede Veränderung der natürlichen Produktivität zuschreiben muss, die er durch seine Tätigkeit bewirkt. Wenn er also eine Straße durch einen tropischen Regenwald schlägt, vernichtet er für die gesamte Fläche dieser Straße ein hochproduktives Ökosystem und ersetzt dessen Biomasseproduktion durch die eines Asphaltbandes. Ähnliches muss man für Städte, Dörfer, Industriegebiete durchführen, all die Gebiete also, in denen der Mensch die natürliche Vegetation entfernt und seine eigene Nutzung an ihre Stelle setzt.

Von dieser theoretisch möglichen Biomasse muss die tatsächliche Produktion abgezogen werden. „Die ermitteln wir mit einer Anzahl von Methoden, es gibt ja nicht ein Modell, das das berechnen kann, sondern wir verwenden hier die bestmöglichen Datensätze, die weltweit zur Verfügung stehen“, erklärt Karl Heinz Erb, wie Haberl Forscher am Institut für Soziale Ökologie der Universität Klagenfurt. Zu diesen Methoden gehören selbstverständlich landwirtschaftliche Statistiken, aber auch Informationen über Veränderungen der Bodenqualität durch den menschlichen Eingriff. Diese können negativ ausfallen, weil die Produktivität sinkt, sie können aber auch positiv wirken, weil durch Bewässerung oder Intensivierung der Bewirtschaftung die Produktivität steigt.

Als letzten Bestandteil der Rechnung müssen die Forscher ermitteln, wie viel Biomasse der Mensch nun für sich in Anspruch nimmt. Dieser Teil ist auf den ersten Blick am leichtesten zusammenzustellen, denn jeder Staat führt Erntestatistiken und meldet diese an die Weltlandwirtschaftsorganisation FAO. Doch deren Werte sind nicht immer objektiv, sondern sie enthalten oft „politische“ Zahlen. „Es gibt starke Hinweise darauf, dass die FAO Daten in der Forstwirtschaft deutlich die forstliche Ernte unterschätzen“, so Erb. Im Klartext: es wird mehr Holz geschlagen, als von den Staaten zugegeben wird. Die Forscher versuchen, das Ausmaß dieser Verzerrung mit Hilfe von Zahlen aus anderen Quellen abzuschätzen. Dennoch stützen sie sich auf die FAO-Statistiken, weil sie die besten verfügbaren sind und darüber hinaus Grundlage für sämtliche ökonomischen Gesamtrechnungen sind.

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