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Warnung vor der Flut

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 08.09.2007 15:24

Aubrey Manning war von 1973 bis 1997 Inhaber des renommierten Lehrstuhls für Naturgeschichte an der Universität Edinburgh und ist einer der bekanntesten Verhaltensforscher Großbritanniens. Seit seiner Emeritierung widmet sich Manning neben der weiter laufenden Forschung der populären Darstellung von Wissenschaft. Er wurde einem breiteren Publikum als Präsentator von Naturwissenschaftssendungen der BBC bekannt. Manning wurde von der britischen Königin für seine wissenschaftlichen Verdienste zum Officer of the British Empire und zum Fellow der Royal Society of Edinburgh ernannt. Für Planeterde besuchte Holger Kroker den Forscher in Edinburgh.

Frage:Professor Manning, wie beurteilen Sie den Einfluss  des Menschen auf das System Erde?

Manning: Nun, ich glaube, für eine ziemlich lange Zeit haben wir überhaupt keine Wirkung entfaltet. Erst in den vergangenen 50 oder 60 Jahren wurde deutlich, dass die Dinge aus dem Ruder laufen, dass die Tätigkeit des Menschen das gesamte System Erde drastisch beeinflusst. Besonders seit dem zweiten Weltkrieg gab es einen enormen Anstieg der menschlichen Bevölkerung, durch den Siegeszug der Antibiotika, die Kontrolle der großen Seuchen,  Pocken, Cholera und so weiter. Wir haben jetzt nur noch eine kleine Zahl von wirklichen Killerkrankheiten, vor allem Malaria in den ärmeren Ländern. Aber in den reichen Staaten war die Eindämmung dieser Krankheiten doch sehr effektiv. Den gewaltigen Bevölkerungsanstieg, den wir zu verzeichnen haben, würden Biologen einen Ausbruch, eine Massenvermehrung, nennen. Populationen wachsen  unter natürlichen Bedingungen nicht, sie können zeitweilige Ausbrüche zeigen,  aber sie werden immer wieder durch Krankheiten, Fressfeinde oder Nahrungsmangel auf Normalmaß zurückgestutzt. Wir Menschen haben diese Mechanismen durch verschiedene technische Tricks ausgehebelt. Aber ich glaube, wir kommen nicht länger ungeschoren davon. Die Erde  wird  durch  Überbevölkerung geradezu verkrüppelt. Bei einer Weltbevölkerung von mindestens 6,3 Milliarden und mehr sehe ich für uns eine Zukunft voraus, in der wir alle eingepfercht sein werden mit außerordentlich geringen Möglichkeiten.

Frage: Welche Zukunft sehen Sie denn für die Menschheit?

Manning: Nun, man kann jetzt schon starke Stressfaktoren sehen. Ich denke, eine gute Hälfte der 6,3 Milliarden Menschen lebt unter nicht gerade tollen Umständen. Ein gutes Leben gibt es nur hier im reichen Norden. Hier lebt rund ein Fünftel der Weltbevölkerung und verbraucht zum Beispiel etwa 85 Prozent der fossilen Energie. Wir sind glücklich, hier im reichen Norden, und ich nehme an, dass viele von uns die noble Idee begrüßen, dass ein solches Leben für alle Menschen wünschbar wäre. Aber wenn wir uns die Ressourcen der Erde ansehen, dann ist es absolut undenkbar, dass 6,3 Milliarden Menschen so leben wie wir. Es gibt nicht genug  preiswerte fossile Energie, es gibt nicht genug fruchtbares Ackerland. Wir haben schon alles gute Ackerland erschlossen. Das Ideal, wir könnten derzeit unbewohntes oder nicht kultiviertes Land erschließen, um Lebensmittel für eine wohlhabende Menschheit zu produzieren, ist meines Erachtens eine Illusion. Man kann die Sahara nicht bewässern und fruchtbar machen, weil es nicht genug Wasser gibt, zumindest wenn man unsere derzeitigen Bewässerungsmethoden einsetzt. Wir  brauchen jemanden, der uns auf die Schulter tippt und sagt: Augenblick mal, denk einmal darüber nach, was Du tust! Und so ein Denkanstoß ist zum Beispiel der Klimawandel. Wir müssen also umdenken, und ich denke, wir haben eine relative kurze Bedenkzeit dafür. Es gibt Schätzungen, dass rund 50 Jahre bleiben, um umzusteuern und dabei einen guten Lebensstandard zu bewahren und Katastrophen zu vermeiden. Bei Verzögerungen, denke ich, wird es schwierig.

Frage: Und wohin sollten uns diese Denkanstöße bringen?

Manning: Ich muss offen gestehen, dass ich viele ökonomische Theorien nicht verstehe, das ist nicht mein Fachgebiet. Aber soviel entnehme ich ihnen, dass die Mehrheit immer noch glaubt, dass eine wachsende Bevölkerungszahl wachsende Produktion, wachsende Märkte und damit wachsenden Wohlstand bedeuten. Aber wir müssen zu einer Wirtschaftsform kommen, in der es zahlreiche Formen der wirtschaftlichen Betätigung gibt, die aber nicht auf physisches Wachstum ausgerichtet ist. Das einzige was in absehbarer Zukunft noch gefahrlos wachsen kann, sind Ideen. Ich glaube, dass wir eine Zukunft mit großem Potential haben, aber der Verbrauch kann nicht so weiter wachsen wie bisher. Er muss begrenzt werden und ich glaube, dass das zu unserem Besten ist. Das ist für mich absolut keine pessimistische Perspektive, und ich sehe es keineswegs als pessimistisch, wenn wir den Verbrauch einschränken und zu einer bewahrenden Wirtschaft übergehen. Gut, wir werden vielleicht aufhören müssen, große Autos und riesige Flugzeuge zu bauen, aber stattdessen versprechen zum Beispiel Wärmepumpen, Solarenergie oder wassersparende Bewässerungsmethoden wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand.

Frage: Was wäre denn eine für den Planeten erträgliche Bevölkerungszahl?

Manning: Ich glaube, diese Frage ist jedem bereits gestellt worden, der sich mit Bevölkerungsentwicklung befasst. Wenn ich als Biologe darauf blicke, auf welchem Niveau wir uns erhalten könnten, dann wäre die nachhaltige Bevölkerungszahl wesentlich geringer als sie heute ist. Ich wurde das einmal für Großbritannien mit seinen 63 Millionen Einwohnern gefragt, und ich sagte 20 Millionen. Ich glaube, heute würde ich sogar nur 15 Millionen sagen. Ähnliches gilt für die gesamte Erde: Ich würde sagen eine Milliarde wäre eine tolle Sache, denn dann hätten diese eine Milliarde Menschen einen vielfältigen und guten Lebensstandard, mit all den fantastischen Dingen, zu denen Menschen imstande sind. Aber es gäbe eben auch genügend Platz, in dem zum Beispiel Elefanten gedeihen könnten. Ich nehme jetzt Elefanten als symbolische Tiere, weil unter den Umständen, unter denen es Elefanten gut geht, auch Tausende andere Tier- und Pflanzenarten gedeihen.

Frage: Aber wie könnte das Ihrer Ansicht nach erreicht werden?

Manning: Ich habe da keine einfache Lösung. Ich glaube sogar, dass das außerordentlich schwierig wird. Wir sind ziemlich gut darin, mit akuten Krisen umzugehen, einer Flut oder einem Tsunami: Decken, Essen, Unterkünfte und Geld, wirf damit nach dem Problem und es verschwindet – bis zum nächsten Mal. Bevölkerungswachstum verschwindet aber nicht und es gibt kein nächstes Mal. Diese Krise ist also ganz anders als das, was wir sonst so gewohnt sind. Momentan wächst die Weltbevölkerung um etwa 75 Millionen Menschen im Jahr, und was merken wir davon? In Nordafrika strömen ein paar Menschen zusätzlich in die Städte, aber normalerweise ist kaum etwas zu merken. Da baut sich aber ganz langsam etwas auf. Zuerst wird man feststellen, dass die periodischen Hungersnöte etwas näher rücken, aber ganz langsam.  Der Stress erhöht sich immer ein bisschen mehr und wir werden reagieren müssen.

Frage: Und wie könnten wir reagieren?

Manning: Für eine Bevölkerungspolitik bräuchten wir eine Übereinkunft über das gesamte politische Spektrum hinweg, dass die Bevölkerung nicht nachhaltig ist. Tatsächlich wäre es das Haupthindernis, dieses Faktum überhaupt erst einmal zu akzeptieren. Denn wenn wir es akzeptierten und unsere Bevölkerungszahl langsam sinken ließen, würden wir bemerken, dass das sozusagen von selbst geschehen würde. Denn  in Westeuropa allgemein sind die Reproduktionsraten zu niedrig, um den Bevölkerungsstand zu halten.

Frage: Und das ist allgemein ein Grund zur Sorge!

Manning: Das ist ein Grund zur Sorge, weil wir so tief in dieser Idee vom stetigen Wirtschaftswachstum verhaftet sind. Dieses Wachstum erfordert ständig mehr Leute, um die Produktion und die Märkte zu verbessern. Ich finde es unglaublich enttäuschend, dass so viele  Regierungen in Westeuropa sagen, sie seien besorgt über die Bevölkerungsentwicklung. Sie wollen vermutlich nicht, dass die Bevölkerungszahl stark steigt, aber sie machen sich Sorgen, dass sie sinkt. Weil sie denken, dass das schlecht für die Wirtschaft ist. Also ermutigen wir Immigration, also gibt es in einigen Ländern Anreize für das Kinderkriegen. Das ist nicht gründlich durchdacht. Da brauchen wir wohl noch mehr Denkanstöße, aber wir werden uns langsam aus diesen Denkmustern lösen.

Frage: Wie soll das geschehen?

Manning: Es würde einen Ansatz in Politik, Kultur und Gesellschaft erfordern, der heute undenkbar ist. Zu allererst würden wir ein konsistentes Vorgehen brauchen, nicht wahr? Derzeit schwanken wir in den Demokratien von einer Politik zur anderen, rechts, links, wieder zurück. Wir können noch nicht einmal für zwei Jahre eine konsistente Politik durchhalten. Aber die ist nötig. In Westeuropa werden wir uns gerade erst bewusst, dass Bevölkerungszahlen, die Größe der menschlichen Bevölkerung etwas ist, über das wir nachdenken sollten. Die Bevölkerung in Großbritannien steigt jedes Jahr um 300.000 Menschen, ein großer Teil dieses Anstiegs geht auf das Konto von Immigration.  Die Planung von nachhaltigen Bevölkerungszahlen ist noch   kein Thema, wir nehmen ihre Entwicklung einfach so hin.

Frage: Aber was sollten wir tun?

Manning: Wenn wir die Geburtenrate so niedrig ließen wie sie momentan ist, dann müssten wir als allererste Begleitmaßnahme erkennen, dass Menschen sehr wertvoll sind und dass wir niemandem erlauben sollten, Mitglied unserer Gesellschaften zu werden, der dieser Gesellschaft nicht helfen und an ihr teilhaben will oder kann. Und das bedeutet das langweilige alte Klischee, das unser ehemaliger Premierminister Blair gebraucht hat: Erziehung, Erziehung, Erziehung! Wir  alle in Westeuropa wissen, dass es bei uns viele junge Leute gibt, die nicht produktiv sind, die nicht viel tun. Und das ist eine Verantwortung für uns alle. Das bedeutet für uns alle, dass wir viel mehr Geld, Steuergeld, in eine erstklassige Erziehung stecken müssen, damit die Jugend ihren produktiven Platz in der Gesellschaft findet. Und dann, denke ich, würden wir bemerken, dass uns keineswegs die Leute ausgehen. Denn ich denke ebenfalls, dass die meisten Menschen nur die Hälfte ihres Potentials ausschöpfen.

Frage: Verlangen Sie in letzter Konsequenz nicht eine Bevölkerungspolitik wie in China?

Manning:  Da muss ich Ihnen in gewisser Weise zustimmen. Soweit ich weiß haben, bisher nur zwei Nationen gezielt versucht, ihre Geburtenrate schnell zu senken. Die eine war Singapur unter Lee Kwan-Yew vor einigen Jahren und die andere, wie Sie schon sagen, China. Die Methoden, die beide anwandten, waren drakonisch, und beide sind natürlich politisch gesehen Diktaturen oder Oligarchien, die ziemlich weitreichende Kontrolle über ihr Volk besitzen. Ihre Frage geht dahin, ob wir die Bevölkerungszahl schnell verringern können, ohne auf diese Methoden zurückzugreifen? Nein, ich glaube nicht, dass das geht. Wir werden Anreize schaffen und sowohl mit Zuckerbrot als auch mit Peitsche arbeiten müssen. Die Frage ist, und die stelle ich hier ganz theoretisch, wird irgendein reiches Land willens sein, so etwas zu tun? In einer Demokratie werden drakonische Maßnahmen eindeutig nicht möglich sein, denn wer wird schon für Zwangsabtreibungen stimmen. Wer wird dafür stimmen, dass Kinder zu haben besteuert wird. Also was werden wir tun? Ich glaube, in den reichen westlichen Staaten brauchen wir keine drakonischen Maßnahmen, um die Bevölkerungszahl zu senken. Vorausgesetzt, wir führen eine vernünftige Diskussion über die Bevölkerungspolitik und kehren von dieser aberwitzigen Einstellung ab, dass wir permanent mehr Menschen brauchen, um den Reichtum zu mehren, können wir es den Menschen überlassen, und uns vielleicht auf Anreize beschränken, weniger  Kinder zu bekommen.

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