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Menschenfresserwellen und böse Geister

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.01.2008 15:01

Tsunamis sind genauso zerstörerisch wie unvorhersehbar. Deshalb spielen sie in den Sagen der betroffenen Völker eine große Rolle. Häufig aber sind im Laufe der Zeit neue Bewohner in die Gegenden gezogen, die die alten Überlieferungen nicht kennen.

Die Moken, die See-Zigeuner aus Thailand, glauben, dass von Zeit zu Zeit wütende Ahnen die Erde von den Menschen reinigen wollen und deshalb die Menschenfresserwelle Laboon schicken. Wenn Laboon über die Menschen kommt, zieht sich das Wasser erst zurück, um richtig Schwung zu holen. Dann müssen die Menschen laufen und so schnell wie möglich Hügel und Berge erreichen, denn dann kommt mit unfehlbarer Sicherheit die gewaltige Flut, die die Erde reinigen soll. Weihnachten 2004 waren den Ahnen offenbar wieder der Geduldsfaden gerissen und sie sandten Laboon – aber nur die Moken wussten, wie man sich richtig verhält.

Mehr als 300.000 Menschen rund um den Indischen Ozean, Touristen und Einheimische, kamen Weihnachten 2004 um, als ein Tsunami die Küsten von Indonesien, Thailand bis nach Sri Lanka und Indien verwüstete. Sie kannten den Moken-Mythos nicht und flohen daher auch nicht. Im Gegenteil: Touristen und viele Einheimische waren vom Schauspiel des zurückweichenden Ozeans fasziniert. In den Tümpeln drängten sich die Meerestiere. Die Fischer lockte ein unerwarteter Fang, die Seegurken und Aale ließen sich einsammeln. Doch dann kamen die Fluten zurück. „Tsunami sind oft in Mythen übersetzt worden, und der schreckliche Tsunami von 2004 ist da ein sehr interessantes Beispiel“, meint Mythenexpertin Elisabeth Barber vom Occidental College in Los Angeles.

Nicht nur die Moken in Thailand kennen die mörderischen Wellen, auch die Indianer an der Westküste der USA und Kanadas wissen von ihnen. Die Duwamisch, die am Puget-Sund bei Seattle leben, schreiben beispielsweise den roten Sandstein-Findlingen, die sie an ihren Stränden finden, zu, dass sie von a’yahos besessen sind. A’yahos sind Geister, die den Hinterleib einer Schlange und Vorderleib eines Hirschs haben. Die Überlieferung der Duwamisch sagt, dass die a’yahos die Erde beben lassen und jeden, der in ihre Richtung blickt, in Stein verwandeln können. Die Seismologin Ruth Ludwin von der Universität von Washington in Seattle entdeckte schließlich den Kern der Duwamisch-Sagen: Unter dem Gebiet der Metropole verläuft eine Störung, an der sich vor rund 1100 Jahren ein gewaltiges Erdbeben ereignete. Die Erschütterung verursachte im engen Puget Sund eine Flutwelle, die die Sandsteinfindlinge am Strand zurückließ.

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