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Wertvolle Knollen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 01.04.2008 11:09

Der weltweite Rohstoffhunger kennt keine Grenzen, auch keine geographischen. Deutschland, als Nordseeanrainer bestenfalls Randmeerküstenstaat hat sich 2006 für 15 Jahre zwei Claims im pazifischen Manganknollengürtel zwischen Mexiko und Hawaii zwei Claims gesichert. Ein Abbau ist allerdings noch für lange Zeit nicht in Sicht.

„Dazu braucht man kein Anrainerstaat zu sein“, erklärt Dr. Michael Wiedicke, Chef der Marinen Geologie bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Die Bundesoberbehörde hat die Rechte im Namen der Bundesrepublik erworben. Deutschland als notorisch rohstoffarmer Industriestaat, der gleichwohl starken Bedarf an Metallen hat, will sich so Quellen für die Zukunft sichern, auch wenn der Weg zum Manganknollenabbau noch wesentlich weiter ist als der zum Abbau der Metallsulfide.

Interessant sind die Manganknollen nicht wegen des namengebenden Mangans, auch nicht wegen des ebenfalls reichlich vorhandenen Eisens. „Das Wichtige sind die Wertmetalle Nickel, Kupfer und Kobalt“, so Peter Herzig, „allein beim Kupfer ist der Preis in den letzten zwei Jahren um etwa das Sechsfache gestiegen ist. Das gleiche gilt für Nickel, ein begehrtes Stahlveredler-Element, und dann auch für Kobalt.“ Der Anteil dieser Wertmetalle beträgt zwischen 2,5 und drei Prozent. Deshalb könnte es zukünftig tatsächlich lohnenswert werden, die Knollen aus 5000 bis 6000 Metern Tiefe heraufzuholen und über gewaltige Distanzen mit Schiffen anzulanden. Denn anders als die derzeit anvisierten Schwarzen Raucher liegen die Manganknollenvorkommen nicht in den Hoheitsgewässern irgendeines Staates, sondern auf den Oberflächen der Tiefseeebenen, und die werden von der UN-Behörde für den Meeresboden in Kingston, Jamaika, als gemeinsames Erbe der Menschheit verwaltet.

Wer einen Claim reserviert, muss einen gleich großen dazunehmen, der ebenfalls erkundet und als zukünftige Rohstoffquelle für die Menschheit bewahrt wird. Wer fördert, wird Lizenzgebühren an die Behörde zahlen, die teilweise an die Entwicklungsländer fließen sollen. Im Moment redet von Förderung niemand, nicht zuletzt, weil man nicht weiß, wie man die mit dem Abbau einhergehenden Förderprobleme in den Griff bekommen soll. wie 1978 ein Abbauversuch im Zentralpazifik gezeigt hat. “Man hat damals die Knollen in einem Verfahren gewonnen, das man Airlift-Verfahren nennt. Das ist quasi ein Staubsaugerprinzip, in dem ein Kollektor über den Meeresboden geführt wird, der Knolle und Sediment zum Bergbauschiff fördert, über eine Steigleitung“, so IFM-Geomar-Direktor Peter Herzig. Um profitabel zu sein, müsste täglich mindestens ein Quadratkilometer Tiefseeboden angesaugt werden. Das aber wirbelt gigantische Wolken von Tonpartikeln und Schwermetallen auf, die von starken Tiefenströmungen über gigantische Flächen verfrachtet werden. Zu dieser ersten Wolke in der Tiefsee käme eine zweite, die entsteht, wenn der Schlamm vom Bergbauschiff zurück ins Meer fließt. Auch diese Wolke würde über Tausende von Kilometern verdriftet und nähme dem Phytoplankton das Sonnenlicht. “Man kann sich jetzt überlegen, wo das kleinere Desaster sich abspielen würde, wenn man diese Sedimentfracht dann unterhalb der Oberfläche wieder einleitet, oder – wie manche Kollegen sagen – in 2000 Metern Wassertiefe oder auch in 4000 Metern Wassertiefe“, meint Herzig, selbst Rohstoffgeologe, und fügt hinzu: „All’ das ist nicht umweltverträglich.“

Um von den Ereignissen nicht überrascht zu werden, ließ die Meeresbodenbehörde ein Schutzkonzept entwickeln. Tiefseeexperte Tony Koslow von der Scripps Institution of Oceanography: ”Die Claims liegen im Bereich von 75.000 Quadratkilometern. Produktionsschwankungen einberechnet, würden pro Jahr 300 bis 500 Quadratkilometer umgepflügt – plus die mindestens doppelt so große Fläche, die durch die Sedimentwolken zugedeckt werden wird: Um die Natur zu bewahren, planen wir für die Abbaugebiete ein System von Schutzzonen.  Unsere Simulationsrechungen haben ergeben, dass diese Gebiete von Pufferzonen umgeben sein müssten, damit  sie nicht von den Sedimentwolken beeinträchtigt werden.“

Es wäre ein Abbau nach dem Schachbrettprinzip, bei dem eine Parzelle abgebaut wird, die nächste nicht. Allerdings können die Biologen nur hoffen, dass die Artenvielfalt in den geschützten Zonen genauso hoch ist wie in den abgebauten, und dass sie von ihren Refugien aus die zerstörten Gebiete wieder neu besiedeln. Nicht zuletzt wegen dieser Schwierigkeiten erwarten Fachleute nicht, dass der Manganknollenabbau so schnell Realität wird, ob er wegen der weiten Entfernungen zu den Märkten und der geringen Erzgehalte der Knollen jemals rentabel wird, ist ohnehin fraglich.

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