Natürliche Wasserspeicher
In vielen trockenen Gebieten der Erde sind es einzig die Gebirge, die eine regelmäßige und zuverlässige Wasserversorgung garantieren. Sie speichern mit Gletschern und Feuchtgebieten Niederschläge und geben sie über das Jahr verteilt gleichmäßig wieder ab. Doch die Wasserspeicher sind bedroht – und mit ihnen die Fruchtbarkeit der angrenzenden Länder.
Der Indus, der viel Wasser aus dem westlichen Himalaya abführt, macht ein Gebiet erst urbar, das sonst eine Halbwüste wäre. „Diese zuverlässigen Abflüsse ermöglichen eigentlich im Tiefland erst eine Landwirtschaft, wie sie ohne Gebirge nicht möglich wäre“, berichtet Daniel Viviroli von der Universität Bern. Eine vergleichbare Situation herrscht im Süden Afrikas, wo der Orange River Schmelzwasser aus dem Hochland von Lesotho in die Ebenen am Kap führt und dort die Fruchtbarkeit des Landes garantiert.
Auch im Südwesten der USA hängt alles von einer großen
Wasserader ab, dem Colorado River. „Arizona, New
Mexico und das südliche Colorado sind alle ernsthaft durch Dürre gefährdet, aus
seiner Vielzahl von Gründen”, erklärt Philip Mote von der Universität von
Washington in Seattle. Hier sind es geringere Schneemengen im Winter, geringere
Niederschläge während des Jahres und vor allem in den Sommermonaten verstärkte
Verdunstung, die die Wasserversorgung gefährden. Für den Hydrologen ist gerade
das Einzugsgebiet des Colorado ein Musterbeispiel für den menschlichen Einfluss.
„Wir können hier zum ersten Mal sagen, es gibt einen nachweisbaren menschlichen
Einfluss auf die Hydrologie des amerikanischen Westens, die weitgehend vom
Schneefall abhängt.“ Rund 70 Prozent des Flusswassers besteht aus geschmolzenem
Schnee, verringert sich dessen Menge, hat das sofort drastisch fühlbare
Konsequenzen für sämtliche Anrainerstaaten des Colorado.
Auch Afghanistan hängt stark von wasserspeichernden
Gletschern ab. „Das Land hat etwa 3500 bis 4000 Gletscher, die fast alle im
östlichen Landesteil liegen, die meisten davon in Höhen von über 5000 Metern“,
erklärt Bruce Molnia vom USGS. Bei 5000 Metern liegt dort zurzeit die Höhe,
unterhalb der sämtlicher Schnee am Ende eines normalen Sommers wegtaut und sich
damit kein Gletscher halten kann. Daher sind bereits viele tiefer liegende Gletscher
verschwunden. „Wir befinden uns in Afghanistan gerade im Übergang zu
ausschließlich hochliegenden Gletschern“, so Molnia, „die zwar weiterhin
Schmelzwasser produzieren werden, aber bei weitem nicht so umfangreich wie in
der Vergangenheit.
Von diesem Wasser hängen jedoch die Menschen im Osten und auch viele im Westen des Landes ab. „Das Trinkwasser der großen Städte stammt zum großen Teil aus Gletscherwasser“, so Molnia. Auch das Grundwasser wird durch die Eisspeicher immer wieder aufgefüllt. Wie lange die Grundwasserleiter den verringerten oder gar ausbleibenden Nachschub überstehen, ist mangels verlässlicher Daten nicht genau zu sagen. „Aber wenn die Bevölkerung und die Wirtschaft wachsen, wird schon bald die Menge des Wassers nicht mehr ausreichen“, warnt Molnia. Ein ausgefeiltes Wassermanagement, das auch den Nachbarn Iran miteinbezieht, wird daher unumgänglich sein.
In vielen Gebirgen der tropischen Regionen speichern keine
Gletscher sondern Feuchtgebiete das Wasser und geben es gleichmäßig an die
Flüsse ab. „Das Resultat ist vergleichbar, beide sind hervorragende Speicher
und geben das Wasser sehr gleichmäßig und zuverlässig ab“, erklärt Wouter
Bouyaert von der Universität Bristol. So berühmt die Gletscher des
Kilimandscharo etwa sind, so unbedeutend sind sie für den Wasserhaushalt des
umgebenden Hochlands von Arusha. Hier ist der Regenwald an den Berghängen der
Wasserspeicher, aber auch dieser gerät unter wachsenden Druck. Die steigenden
Temperaturen setzen ihm zu, mehr noch aber der Siedlungsdruck der Menschen. Sie
roden immer größere Teile des Urwaldes, graben sich damit aber langfristig
buchstäblich selbst das Wasser ab. „Die Zusammenhänge sind sehr komplex“, so
Bouyaert, „und es gibt im Grunde kaum wissenschaftliche Informationen darüber,
wie sich diese Ökosysteme verhalten und noch weniger Prognosen, wie sie sich
entwickeln werden.“
Anleihen bei den Feuchtgebieten der gemäßigten Breiten, die vergleichsweise gut erforscht sind, sind kaum möglich. „Die tropischen Feuchtgebiete überbrücken längere Perioden ohne Niederschläge, was sie von ihren Äquivalenten in gemäßigten Breiten unterscheidet“, meint Bouyaert. In den Anden hängen etwa 100 Millionen Menschen vom Wassernachschub aus solchen Feuchtgebieten ab, dennoch stehen diese Gebiete unter wachsendem Druck. „Man beginnt, die Feuchtgebiete urbar zu machen“, so Bouyaert, „und weil diese Pflanzen sehr empfindlich sind, werden die Wasserspeicher schnell zerstört.





