Situation verschärft sich
Europa kennt bisher nur geringe Wasserprobleme. Doch im Mittelmeerraum deutet sich bereits an, was künftig auch in den Bergregionen der Alpen Realität werden könnte: Knappheit und Mangel gehören immer öfter zum Sommer dazu.
Wasserknappheit oder sogar –mangel machen keineswegs einen
Bogen um Europa. Gerade der Süden des Kontinents leidet zum Teil jetzt schon
darunter, in Zukunft werden sich viele Regionen darauf einstellen müssen. „Wir haben im Ebro-Tal zum Beispiel einen sehr großen
Nutzungsdruck auf das Wasser, wo wir heute noch von einem funktionierenden
Wasserspeicher sprechen, aber wir haben natürlich da schon genau gesehen
relativ große Knappheit“, gibt Daniel Viviroli ein Beispiel.
Auch die Geographin Professor Carmen de Jong vom Hochgebirgsinstitut im französischen Chambéry kann Beispiele anführen: „Nach Informationen von Landwirten aus Savoyen haben sich die Niederschläge seit dem Jahr 2000, einbezogen den extremen Sommer 2003, vor allem im Sommer. Und das hat direkte Auswirkungen auf die Landwirtschaft, auf die Qualität vom Obstanbau, Walnussanbau, aber auch indirekte Effekte, zum Beispiel, dass die Viehtränken auf den Almen im Sommer gefährdet sind.“ Die Messdaten des Ortes Bourg St. Maurice, der auf knapp 900 Metern Höhe im Wintersportgebiet Les Arcs liegt, zeigen ebenfalls, dass sich die Niederschläge in den zurückliegenden 60 Jahren verringert haben.
Auf der anderen Seite des Alpenbogens messen Kärntner Hydrologen seit 54 Jahren den Grad der Grundwassererneuerung. „Da zeigt sich eben“, so de Jong, „dass über die letzten 54 Jahre die Grundwassererneuerung stetig abgenommen hat.“ Rund ein Viertel des Wassers ist so im Vergleich zur Situation vorher bereits verschwunden. Slowenische Bauern berichten ebenfalls davon, dass im Hochgebirge und auch in den durch die Schneeschmelze gespeisten Flüssen weniger Wasser zur Verfügung steht. Verschärft wird die Situation in den Alpen dadurch, dass neben der Landwirtschaft und der einheimischen Bevölkerung ein weiterer Faktor aufgetaucht ist, der einen wachsenden Teil der Wasserressourcen für sich beansprucht: Der Tourismus.
Über 750
Wintersportgebiete gibt es inzwischen in den Alpen, die in Höhen von 700 bis 2700
Meter liegen. Viele von ihnen sind durch den Klimawandel akut bedroht, darunter
beinahe alle deutschen und viele österreichische Wintersportgebiete. „"Alles
unter 1000 Metern Höhe ist zuerst betroffen", sagt de Jong. Die Waffe der
Skigebiete gegen den Klimawandel: Schneekanonen. Bis zu 40 Prozent der
österreichischen und bis zu 90 Prozent der Südtiroler Skigebiete kommen inzwischen
nicht mehr ohne Kunstschnee aus. Das Wasser dafür entnehmen sie dem hochalpinen
Wasserkreislauf, doch anders als normaler Schnee wird Kunstschnee nicht
komplett ins System zurückgeführt, sondern nur zu 70 Prozent. Der Rest
sublimiert oder verdunstet. Um mit der absehbaren Wasserknappheit in den Alpen besser
zurechtzukommen, planen Carmen de Jong und Kollegen aus fünf Alpenländern ein
groß angelegtes Forschungs- und Managementprojekt.
Auch im Mittelmeerraum spielen die Gebirge eine bedeutende Rolle für die Wasserversorgung. „Vor allem auch die Mittelmeerinseln wie Zypern oder Korsika sind direkt und sehr, sehr stark von der Schneeschmelze abhängig“, so Carmen de Jong. Diese Inseln spüren den Klimawandel bereits sehr stark. In Zypern ist in diesem Frühjahr bereits das Wasser rationiert worden, weil nicht mehr genügend vorhanden ist. Im Troodos-Gebirge ist weniger Schnee als üblich gefallen, und der ist auch noch wegen der höheren Temperaturen schneller weggetaut. „Das heißt, auch wenn die Jahressumme der Niederschläge gleich bleibt, wird der ganze Puffer im Frühjahr und Sommer fehlen“, so de Jong. Am Beispiel des Libanon kann Carmen de Jong die Situation verdeutlichen. Das bis zu 3088 Meter hohe Libanongebirge ist der wesentliche Wasserspeicher des Landes. Viele kurze Flüsse bringen das Schmelzwasser von den Bergen in die Küsten- und Hochebenen. „Mein Kollege Amin Shaban hat ebendort gezeigt, dass die letzten 40 Jahren der Abfluss stetig abnimmt“, berichtet die Geographin. Eine Strategie, wie man mit dem geringeren Wasserzufluss umgeht, gibt es im Libanon noch nicht.






Planet Erde auf Twitter

