Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Members holgerkroker 0806 Explosion am Himmel

Explosion am Himmel

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.06.2008 08:51

Die bevorzugte wissenschaftliche Erklärung für Tunguska ist immer noch der Himmelskörper, der allerdings nicht mehr eingeschlagen, sondern in der Luft über dem sibirischen Fluss explodiert ist. Doch auch von einer solchen Explosion sollten Spuren zurückbleiben – und auch die sind bisher nicht entdeckt worden.

TschekoseeDer Tscheko-See ist ein kleiner See, nur rund acht Kilometer vom Epizentrum des 30. Juni 1908 entfernt. „Mit dem Einschlag selbst sollte der Tscheko-See nichts zu tun haben, davon waren russische Geologen überzeugt“, erzählt Giuseppe Longo, „weil sein Boden mit mindestens 70 Metern Sediment bedeckt ist, gingen sie davon aus, dass der See mindestens 5000 Jahre alt ist.“ Dennoch zogen die Italiener 1999 Bohrkerne aus dem Seesediment. Bei den Analysen in Bologna entdeckten sie schließlich, dass nur der oberste Meter des Sediments fein geschichtet war, wie es sich für einen Seeboden gehört. Und diese Schichten reichten genau bis ins Jahr 1908 zurück. Darunter herrschte Chaos. Auch die seismischen Untersuchungen ergaben eine verräterische Reflektionsschicht, die allerdings bedauerlicherweise in ziemlicher Tiefe liegt. Dennoch ist Longo überzeugt: „Wir glauben, dass der Tscheko-See der Krater des Tunguska-Ereignisses ist. Dieser Horizont wäre dann unser Einschlagskörper oder – falls es doch ein Komet war – der Horizont, der durch ihn zusammengepresst wurde.“

Über Tunguska, so die vorherrschende Meinung ist in acht Kilometern Höhe ein Meteorit oder Komet zerborsten und der Luftdruck der Explosion hat für die bekannten Muster am Boden gesorgt. „Wir glauben nun“, so Longo, „dass dieser Einschlagskörper in der Atmosphäre in mehrere Teile zerbrach wie der Komet Shoemaker-Levy 9.“ Dieser Komet raste im Sommer 1994 in den Planeten Jupiter, und die Erde schaute zu. Die Raumsonde Galileo befand sich im Anflug auf den größten Planeten des Sonnensystems und sendete Daten vom Einschlag. Ähnliches soll 1908 über dem sibirischen Osten passiert sein. Der Himmelskörper, ob Asteroid oder Komet, zerplatzte in der Erdatmosphäre, dann zerbarst das erste und größte Stück über dem Epizentrum zu Staub.

Giuseppe LongoAber das war Giuseppe Longo zufolge nicht alles: „Unserer Meinung nach spielte in Tunguska neben dem Hauptkörper noch ein zweites, etwa ein Meter großes Fragment eine wichtige Rolle. Es muss durch das Zerbersten des Hauptkörpers abgebremst worden und langsamer weitergeflogen sein.“ Dieses Geschoss schlug dann acht Kilometer jenseits des Epizentrums am Fluss Kimchu ein. Der heutige Tscheko-See soll der lang gesuchte Krater sein. Allerdings fehlt diesem Krater das klassische Kennzeichen eines Einschlagskraters, der Kraterrand. Das ist einer der Kritikpunkte, die an dieser Idee geäußert werden. Für Giuseppe Longo greift sie nicht. Schließlich schlug das Trümmerstück nicht auf hartem Stein, sondern in sehr weichem Sumpfboden ein, mit Permafrost darunter. Das Geschoss sei einfach im Untergrund verschwunden, und dieser habe wegen seiner sumpfigen Konsistenz die Einschlagsenergie ohne große Spuren geschluckt.

Die Theorie vom Kratersee Tscheko schlug in der Szene hohe Wellen. In Fachzeitschriften erscheinen Artikel und Gegenartikel. Auf die Idee angesprochen, geben Wissenschaftler gerne Kommentare. So hält Lars Franzén, Geographieprofessor an  der Universität Göteborg den Tscheko-See lediglich für das Resultat von tauendem Permafrost. Auch er war in Tunguska, mit einer anderen Expedition. „Ich suche in Hochmooren nach absolut runden Eisenkügelchen, von denen wir wissen, dass sie nur in Schmelzen entstehen.“ Solche Kügelchen bilden sich bei heftigen Vulkanausbrüchen, vor allem aber, wenn kosmische Partikel in die Erdatmosphäre eintauchen und bis auf das widerstandsfähige Eisen verglühen. Tatsächlich fand Franzén ein paar Eisenkügelchen mehr als erwartet. Das, erklärt er, spreche für eine kosmische Ursache. Allerdings kämen so massive Körper wie Asteroiden nicht in Frage, die hätten sehr viel mehr Material hinterlassen müssen.

Gefällte BäumeUnd so favorisiert Franzén etwas anderes: „Ich denke, ein Komet ist die wahrscheinlichste Ursache.“ Tatsächlich steht die Kometenhypothese auf ähnlich wackeligen Füßen wie die Asteroidenhypothese. Denn beide stützen sich auf geochemische Indizien: etwa auf Spuren von Eisen oder  im Harz der alten Bäume eingeschlossene Staubteilchen. Auflösen könnte das Dilemma nur eine ausgedehnte Expedition an die Tunguska, doch die ist auch 100 Jahre nach dem Ereignis soweit von der Zivilisation entfernt wie 1908. Und moderne Transporthubschrauber, die die für tiefe Bohrungen notwendige Ausrüstung transportieren können, sind teuer. Longo: „Eigentlich wollten wir in diesem Juli wieder hin, aber uns fehlt das Geld. Weil wieder alles Gerät mit einem einzigen Helikopter herangeschleppt werden soll und wir uns für die Arbeit in dem schwierigen Sumpfgebiet eine industrielle Bohrplattform leihen müssten, dürfte es sehr teuer werden. Wir versuchen derzeit, Sponsoren für Juli 2009 zu finden.“ Besonders spendabel haben sich Forschungsförderorganisationen bisher nicht gezeigt.