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Gewalt aus der Tiefe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 03.07.2008 17:12

Einschlag oder Explosion eines Meteoriten oder Kometen ist eindeutig der Favorit unter den wissenschaftlichen Erklärungen, aber es gibt viele Ungereimtheiten. Kein Wunder also, dass eine Reihe von Forschern die Ursache für Tunguska in der Erde selbst sucht. Dabei fahndet mancher auch nach den Ursachen für wesentlich größere, wirklich katastrophale Ereignisse aus der Erdgeschichte.

„Vor allen Dingen die italienische Gruppe, aber auch russische Gruppen haben chemische Elementhäufigkeiten und Isotopenhäufigkeiten untersucht“, erklärt etwa der Bonner Astrophysiker Wolfgang Kundt, „aber wenn man den Text las, dann stand da, die geringfügigen Anomalien, die man gefunden hat, passen sehr gut zu irdischen vulkanischen Phänomen.“ Tatsächlich gibt es ein grundlegendes Problem, erklärt Romano Serra von der Universität Bologna: „Wenn man Tunguska verstehen will, steht man vor der Schwierigkeit, dass es sich bei der Gegend dort um einen uralten Vulkan handelt.“ Dieser Vulkan brach vor rund 250 Millionen Jahren aus und holte sich seine Lava von ganz tief unten im Erdinneren.  Die Eruption war gewaltig und schier endlos. Die Lavaströme von damals bedecken immer noch als 1,5 Kilometer dicke Basaltschicht ein Gebiet, so groß wie Westeuropa. „Rund um uns sehen wir Basalte von identischer Zusammensetzung wie viele Meteoriten und Asteroiden sie haben. In einem solchen Umfeld lässt sich nur schwer feststellen, was terrestrisch ist und was nicht“, muss Meteoriten-Verfechter Serra zugeben, „das ist so, als ob man in einer Diskothek ausgefeilte akustische Untersuchungen machen wollte.“

Sibirisches PanoramaUnter den Basalten soll aber eine große Erdgaslagerstätte stecken. Deshalb ist Wolfgang Kundt überzeugt: dass es eine Methanexplosion war. „Die Hauptzerstörung kam dadurch zustande, dass etwa zehn Megatonnen an Gas in weniger als einer Minute ausgeströmt sind. Es gab also einen gewaltigen Überdruck, der dann ein Sturmgebiet angeregt hat, das nach allen Seiten davonfliegt. Methan ist  in Form eines Pilzes in große Höhen geschossen. Bei Atomexplosionen gehen diese Pilze bis in etwa 30 Kilometer Höhe, hier waren es 200 Kilometer.“ Auch Vladimir Epifanov vom Sibirischen Forschungsinstitut für Geologie, Geophysik und Minerale in Nowosibirsk glaubt an eine Methanexplosion. Er schreibt, dass die lokale Erdbebenwarte schon Tage vor dem Ereignis Beben registriert habe. Das soll das Erdgas gewesen sein, das über die Förderschlote des uralten Vulkans hoch drängte. Seine These: Zunächst strömte der Methanstrahl unbemerkt aus dem Boden, dann erreichte er die Ionosphäre und eine elektrische Entladung entzündete ihn. Wie bei einer Zündschnur fraß sich das Feuer die Gasspur entlang zurück. In fünf Kilometern Höhe reichte der Sauerstoff für eine Explosion. Die war der Feuerball über Irkutsk, und der  fraß sich immer dem Gas folgend bis auf den Boden durch und verschloss die Kamine wieder.

Der US-Geophysiker Jason Phipps Morgan von der Cornell Universität denkt an einen weit energiereicheren Prozess. Dieser könnte sich vor 250 Millionen Jahre im Gefolge des sibirischen Megavulkanausbruchs vollzogen haben, und das Tunguska-Ereignis von 1908 wäre sozusagen sein schwacher Abglanz. Die Theorie kreist um einen so genannten Verne-Shot, benannt nach seinem Lieblingsautor Jules Verne. Phipps Morgan: „Die Hypothese beschreibt ein besonderes vulkanisches Phänomen, das dann auftritt, wenn unter einem uralten, starren Kontinentkern wie Sibirien ein Mantel-Plume aufsteigt. Ein solcher Plume bleibt manchmal in der Erdkruste stecken und beginnt durch seine Hitze das Gestein zu schmelzen. Ein kohlendioxidreiches Magma entsteht. Die Schmelze kann das gelöste Gas nicht halten. Der Druck steigt ins Unermessliche, bis die alte, starke Kontinentkruste mit einem richtig großen Knall bricht.“

Das Entscheidende dabei: Es entsteht eine schmale Röhre, fast wie ein Strohhalm, durch die das Gas entweicht. Kaum ist es fort, fällt die Röhre wieder in sich zusammen. Dabei prallen die Gesteine mit Geschwindigkeiten schneller als der Schall aufeinander. Die Kräfte, die frei werden, reichen aus, um geschockte Quarze entstehen zu lassen. So etwas kennen wir sonst nur von Asteroideneinschlägen. Ein Verne-Shot wäre ein enorm energiereicher Mechanismus, sehr viel energiereicher als alle Vulkanausbrüche, die die Menschheit jemals beobachtet hat. Und der Verne-Shot von Tunguska vor 250 Millionen Jahren wäre Teil des damaligen Flutbasaltausbruchs.

Und die Ereignisse von 1908? “Sie wären nicht mehr als ein schwache Entgasung, bei der vulkanische Gase die alte Schwächezone nutzten“, so Jason Phipps Morgan. Sozusagen ein ferner Nachklang einstiger Größe. Auf seiner Expedition in die sibirische Taiga hofft Jason Phipps Morgan die Schockquarze auch tatsächlich zu finden. Das hätte Bedeutung für die gesamte Geologie, schließlich könnte sie ein altes Problem lösen. Phipps Morgan: „Ich möchte herausfinden, ob die Verne-Shots erklären, warum mehrfach in der Erdgeschichte der Ausbruch von Flutbasalten gleichzeitig mit Einschlagssignalen und Massenaussterben auftritt.“

Die Verne-Shots würden als Teil gigantischer Vulkanausbrüche die Einschlagsindizien sozusagen fälschen, tatsächlich wären es Ereignisse rein irdischen Ursprungs. Doch bislang sind sie nicht mehr als ein Gedankengebäude, das weiß auch der US-Geophysiker: „Die Verne-Shots sind bislang nur eine Hypothese, die ich nachweisen möchte. In Tunguska ginge das sehr gut, weil die 250 Millionen Jahre alten Sandsteine dort an ein paar Stellen an der Oberfläche liegen. Aber leider ist es schwer, Proben aus Russland zu bekommen, und es ist fast noch schwieriger, an Fördergelder zu kommen für eine Expedition, bei der es um etwas geht, das normalerweise weniger mit Wissenschaft verknüpft ist als mit Aliens und Pyramiden.“