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Schatzkammern der Naturgeschichte

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.10.2008 15:47

Die ersten Höhlenbärenschädel wurden im 17. Jahrhundert in karpatischen Höhlen gefunden. Sie wurden damals aber noch Drachen zugeschrieben, denn wer hauste schon in solchen Räumen, wenn nicht die feuerspeienden Lindwürmer. Tatsächlich hat man bis heute nicht einen Drachen gefunden, dafür aber unzählige Fossilien. Höhlenbewohner waren nur wenige darunter, denn selbst Höhlenbären oder -hyänen lebten meist im Freien und suchten die Grotten wohl eher ungern auf. Weil sie so abgeschieden von den rauen Verhältnissen an der Oberfläche sind, bilden die Ablagerungen in den Höhlen ein einzigartiges Archiv.

Schichtung in WülfrathIn einem Kalksteinbruch in Wülfrath bei Düsseldorf haben sich in einer Höhle die verkohlten Überreste von zahllosen Pflanzen gesammelt. Doch zwischen fossilen Holzstückchen, Pollenkörnchen und Blattresten entdeckten Paläontologen des Geologischen Dienstes von Nordrhein-Westfalen auch verkohlte Überreste von Insekten- und Spinnentieren. „Wir haben Pseudoskorpione, Zikaden und Käfer gefunden“, berichtet DFG-Stipendiatin Agnes Viehofen. Unter den Funden sind auch die weltweit frühesten Pseudoskorpione, winzige Spinnentiere, die den richtigen Skorpionen sehr ähnlich sehen. Die Fossilien sind zwar nur wenige Millimeter groß, zeigen aber kleinste Details. Unter dem Rasterelektronenmikroskop können die Wissenschaftler die Oberflächenstruktur der ehemaligen Chitinpanzer bis hin zu winzigen Poren, Borsten oder Erhebungen studieren.

„Die Tiere sind dreidimensional und mit Strukturen von fünf bis zehn Mikrometern erhalten, das gibt es sonst nur noch in Bernstein“, erklärt Christoph Hartkopf-Fröder, Paläontologe beim Geologischen Dienst. Der Schlüssel zu ihrer hervorragenden Erhaltung heißt Verkohlung. Die Waldbrände der Unterkreide verwandelten nicht alles in Asche, vielmehr blieben auch viele Pflanzenteile als Holzkohle erhalten. Gleiches geschah mit den Insekten und Spinnentieren, die dort lebten. „Wenn die Temperaturen nicht so hoch sind und auch nicht viel Sauerstoff zur Verfügung steht, wird der Chitinpanzer in Kohle umgewandelt und ist dann außerordentlich widerstandsfähig gegen Umwelteinflüsse“, erklärt Hartkopf-Fröder.

Unterkretazischer PseudoskorpionAm anderen Ende der Welt bieten die Naracoote-Höhlen in Südaustralien einen Blick in die jüngere Vergangenheit des kleinsten und trockensten Kontinents der Erde. Die Höhlen gähnen als tiefe Schlünde inmitten der ausgedehnten Ebene und wurden deshalb vielen Tieren zum Verhängnis. Für die heutigen Paläontologen ist das ein Glücksfall, denn so können sie eine entscheidende Phase der australischen Naturgeschichte rekonstruieren: das Verschwinden der Riesentiere vor rund 45.000 Jahren. „90 Prozent der damaligen Tierwelt gehörte zu diesen Riesenformen“, erklärt Richard Roberts, Geochronologie-Professor an der Universität Wollongong bei Sydney, „und sie alle verschwanden auf einen Schlag.“
Über die Identität des damaligen Übeltäters wogt seit Jahren eine heftige Debatte. Wirklich in Frage kommen nur zwei Verdächtige. „Niemand denkt an einen Meteoriteneinschlag wie bei den Dinosauriern”, so Roberts, „also bleiben nur Klimawandel und der Mensch übrig.” Denn genau passend haben die ersten Aborigines vor rund 60.000 Jahren den australischen Kontinent betreten. Roberts und der Paläontologe Gavin Prideaux von der Flinders Universität in Adelaide glauben mit den Fossilien der Naracoote-Höhlen die entscheidenden Indizien gegen die eingewanderten Menschen gefunden zu haben.  „Klimawandel war sicherlich nicht der Hauptschuldige“, betont Prideaux.

Das Team hat eine Zeitreihe für die vergangenen 500.000 Jahre aufstellen können. Die Forscher fanden Tausende Knochen von mehr als 60 verschiedenen Beuteltierarten, die sie exakt datieren konnten. Bereits vorher hatte eine andere Forschergruppe eine Klimachronologie für die Gegend der Naracoorte-Höhlen aufgestellt. Indem das Team von Prideaux und Roberts jetzt seinen Fossilienbefund mit dieser Klimazeitreihe verglich, konnte es erkennen, ob und wie die Fauna auf den Wechsel von Feucht- und Trockenzeiten reagierte. „Unsere Daten zeigen, dass die Tiere während der vergangenen 500.000 Jahre gut mit den Klimaschwankungen zurecht kamen“, berichtet Prideaux. Wurde es trockener, zogen sich die Tiere zurück, kehrte die feuchtere Witterung zurück, folgten auch die Tiere umgehend.
Über 450.000 Jahre ging das so, bis vor 45.000 Jahren das endgültige Ende kam. Und es kam – als besondere Ironie – zu einer Zeit, mit deren feuchterem Klima die Tiere eigentlich besonders gut hätten klar kommen müssen. Roberts: „Das Klima war es also nicht, was bleibt dann noch übrig? Es war gerade zu der Zeit, als die Menschen den Kontinent eroberten – ein zu auffälliges Zusammentreffen, als dass wir es übersehen könnten.“ Freilich – eine Koinzidenz ist kein Beweis, einen echten Beweis aber müssen die Forscher schuldig bleiben. „Erstaunlicherweise haben wir keinerlei Hinweise auf Menschen gefunden“, so Roberts.


Direkt haben die neu eingewanderten Aborigines die einzigartige Riesentierwelt Australien demnach nicht vernichtet  –  das konnten sie schon mangels Zahl nicht. Doch schon sie wussten, wie sie die Landschaft ihren Bedürfnissen anpassen konnten. „Die Tiere wurden nicht bis zum Aussterben gejagt“, betont Geowissenschaftler Roberts, „aber ihr Lebensraum ist durch den Menschen derart tiefgreifend verändert worden, dass ihnen praktisch die Lebensgrundlage entzogen wurde.“ Viele der gewaltigen Tiere waren extrem spezialisierte Pflanzenfresser, in ihren Ansprüchen vergleichbar etwa mit den heute noch lebenden Koalabären. Sie fraßen Blätter – und mit der Ankunft des Menschen kam der Wandel Australiens vom weitgehend bewaldeten Kontinent zum Buschland. Diesen Wandel konnten die Riesen nicht mitmachen – und sie starben aus.

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