Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Members holgerkroker 1004 Ende einer Belästigung

Ende einer Belästigung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.04.2010 15:10

Im 15. Jahrhundert war der Atlantik von Neufundland bis Maine erfüllt vom "Gesang" des Kabeljaus. "Die See wimmelt von Fischen, die wir nicht nur mit Netzen herausholen können, sondern auch mit Körben, die wir zusammen mit einem Stein hinablassen, so dass sie ins Wasser sinken", so berichtete 1497 der Mailänder Botschafter in England Raimondi de Soncino an seinen Herzog über die Entdeckungsfahrt Giovanni Cabotos nach Neufundland.

Gigantischer KabeljauDie Nachricht von den reichen Fischgründen verbreitete sich schnell, und schon bald brachen Fischer aus ganz Europa dorthin auf, um den Alten Kontinent mit Stockfisch zu versorgen. Die Fischgründe entlang der nordamerikanischen Atlantikküste schienen ein Schlaraffenland zu sein: Als 1602 der Engländer Bartholomew Gosmold an einer Stelle landete, die heute Cape Cod heißt - Kabeljaukap -, fühlte er sich durch den Kabeljau sogar belästigt.

Die Fischerei blieb bis ins späte 20. Jahrhundert ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die nordamerikanische Atlantikküste. Am 2. Juli 1992 schloss das Fischerei-Unternehmen "Canadian Grand Banks Northern Cod Fishery" seine Tore - nach einem halben Jahrtausend des Firmenbestehens: In Neufundland und Labrador war der Kabeljaubestand zusammengebrochen. Ebenso weiter südlich vor der Küste von Maine. Der Grund: die Industrialisierung der Fischerei nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Fabrikschiff "Fairtry" hat 1951 den Anfang gemacht, und seitdem durchkämmen immer größere und vor allem immer besser ausgestattete Supertrawler die Meere. Sie schleppen beispielsweise anderthalb Kilometer lange Netze durchs Meer, deren hochhaushohen Öffnungen nichts entkommt. Leistungsstarke Winden holen die bis zu 1200 Tonnen schwere Beute an Bord.

Trawl für Trawl verschwindet der Reichtum des Meeres in den Bäuchen der Schiffe - ausgenommen, zerlegt und eingefroren. Bis so gut wie nichts mehr übrig ist. Von Fischen "belästigt" wird sich heute niemand mehr fühlen. Und auch für die Zukunft scheint es so zu bleiben. Denn die Ökosysteme haben sich umgestellt. Seine angestammte Rolle als dominanter Räuber an der Spitze der Nahrungsnetze hat der Kabeljau ausgespielt. Heutzutage ist es seine ehemalige Beute, die Jagd auf ihn macht. Tiefseegarnelen und Heringe, die früher von den erwachsenen Raubfischen gejagt wurden, fressen nun ihrerseits dessen Eier und Larven. Und das tun sie derart massiert, dass sich der Kabeljau offenbar nicht mehr erholt.