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Fast ein neuer Kontinent

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 14:44

Das größte Gebirge der Erde taucht in keiner Rangliste auf. Rings um den Planeten ziehen sich die mittelozeanischen Rücken, doch ihre mehrere Tausend Meter hohen Gipfel sieht an der Erdoberfläche niemand. So hoch die Ketten in der Regel auch aufragen, es sind immer noch ein paar Hundert Meter Wasser darüber. Nur hin und wieder stößt wie in der südatlantischen Insel Tristan da Cunha eine Spitze tatsächlich durch die Wasseroberfläche. „Geologisch kennen wir die Rücken recht gut, aber wir Biologen wussten bisher nur grob, was wir dort finden können, und über die Lebensgemeinschaften wussten wir fast gar nichts“, erklärt Odd Aksel Bergstad vom norwegischen Institut für Meereskunde in Bergen. Bergstad hat Mareco, eines der großen Teilprojekte des internationalen Meereszensus geleitet, das sich mit dem mittelatlantischen Rücken beschäftigte.

Tiefseefisch"Der Rücken erwies sich als so etwas wie ein hotspot des Lebens", berichtet Mareco-Wissenschaftlerin Tracey Sutton vom Virginia Institute of Marine Science. Für das Leben unter Wasser sind die mittelozeanischen Rücken demnach so anziehend wie über Wasser die bedeutendsten Metropolen. "Für Mareco haben wir den mittelatlantischen Rücken zwischen Island und den Azoren untersucht", erklärt Monty Priede, Professor für Ozeanographie an der Universität Aberdeen und Mitglied der Projektleitung. Rund 2800 Kilometer liegen zwischen den beiden Inselgruppen und die Kontinente sind im Durchschnitt 2000 Kilometer entfernt. Für die Forschungsschiffe bedeutet es daher schon eine tagelange Reise, um überhaupt in die Nähe des Rückens zu kommen. Doch die Besuche haben sich gelohnt. "Es ist, als ob man mitten im Ozean einen zusätzlichen Kontinent hätte, den wir bislang übersehen haben", meint Ozeanographie-Veteran Monty Priede.

Grundsätzlich ist es in den Unterseebergen natürlich genauso wie sonst im Meer: Die Basis fast allen Lebens bilden die Algen, die in den obersten Stockwerken der Ozeane das Sonnenlicht zur Photosynthese nutzen. Bei genauerem Hinsehen gab es aber Überraschungen, denn am und über untermeerischen Gebirgen entstehen turbulente Strömungen, die Plankton hinunter wirbeln und für die Algen Nährstoffe aus der Tiefe an die Oberfläche schaffen. Deshalb gibt es über dem Gebirgszug mitten im Atlantik vergleichsweise viele Algen und damit verhältnismäßig viel zu fressen. "Darauf baut dann eine vergleichsweise kurze und effiziente Nahrungskette auf", erklärt Tracey Sutton weiter. Nach spätestens fünf Mäulern war die höchste Stufe erreicht. Sutton: "Sobald es in der Tiefsee Berge gibt, scheinen viele Lebewesen an ihren Flanken aufzusteigen, um sich weiter oben vollzufressen und dann als potentielle Beute in tiefere Zonen zurückzukehren und so aktiv Kohlenstoff nach unten zu schaffen. An untermeerischen Bergen scheint dieser Teil der Nahrungskette wichtiger zu sein als über den Ebenen." Wer satt werden will, hat es am felsigen mittelatlantischen Rücken deutlich einfacher als über den endlosen Schlammebenen. So gesehen ist der mittelatlantischen Rücken für Tiefseeverhältnisse fast ein Schlaraffenland.

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