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Überraschend belebt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 15:27

Lange sah es so aus, als könnten die Meere nicht mit den Kontinenten mithalten: Der tropische Regenwald erschien als Non-plus-Ultra der Artenvielfalt, allenfalls die tropischen Riffe sollten ihm Paroli bieten können. Der Rest der Meere - große Fischschwärme, reichlich Biomasse, aber ansonsten Monotonie. Kein Vergleich zur Vielfalt der Käfer beispielsweise. Inzwischen ist klar, dass diese Ansicht irrig ist, auch wenn wir immer noch nicht einmal in Ansätzen wissen, wer alles in den Ozeanen lebt. Etwa in dem mit Abstand größten Lebensraum der Erde: dem freien Wasser. Zwischen 200 Metern Tiefe, wenn das eindringende Sonnenlicht nur noch für ein immer mehr verblassendes Zwielicht reicht, bis etwa 100 Meter über dem Boden spannt sich ein riesiges Wasseruniversum auf, das schon aufgrund seiner schieren Größe schwierig zu erforschen ist.

QualleSelbst mit den Hightech-Methoden, die beim Meereszensus zum Einsatz kamen, haben wir nicht viel mehr als eine grobe Übersicht über diesen gigantischen Lebensraum gewonnen, doch schon der bot Überraschungen. "Wir haben versucht abzuschätzen, wer alles in dem freien Zwischenwasser lebt: Wir haben alle möglichen Organismen gesammelt - Fische, Krebstiere oder Quallen - und ihre Biomasse abgeschätzt. Dabei stellte sich heraus, dass die 'Geleetiere' in diesem Ökosystem höchst wichtige Rollen spielen", erklärt Steve Haddock, Wissenschaftler am Forschungsinstitut des Monterey Bay Aquarium im kalifornischen Moss Landing.

Die gelegentlichen Quallenplagen an Nord- und Ostsee sind nichts im Vergleich zu der Dominanz der Tiere im Zwischenwasser. Steve Haddock: "Wenn wir die Tiefsee mit Hilfe von ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen erkunden, sehen wir, dass der tiefere Teil des Meeres ständig von ihnen dominiert wird." Unterhalb von 300, 400 Metern erfüllen die Tiere alle möglichen ökologischen Rollen: Einige fressen mikroskopisch kleine Partikel, andere Krebse, wieder andere Fische oder andere Quallen. Sie sind ein wichtiger Spieler im Ökosystem des Zwischenwassers. Allerdings gibt es durchaus Fische, deren Diät vor allem aus Quallen zu bestehe scheint. Die sind zwar nicht nahrhaft, aber die schiere Masse gleicht es aus.

Das Zwischenwasser ist eine Zone, in der bestenfalls ein sehr dämmriges Zwielicht herrscht. Daher erzeugen viele Tiefseetiere ihr Licht selbst oder lassen es von leuchtenden Bakterien erzeugen. Die biologischen Lichter spielen in der Tiefsee eine große Rolle - beim Täuschen, Tarnen oder Werben. Man kann sie als Tarnkappe nutzen, um mit dem Restlicht zu verschmelzen. Oder eine Lichtwolke ausstoßen, um seine Feinde zu verwirren - und darauf hoffen, dass der Lichtblitz einen anderen Räuber auf eben diesen Feind aufmerksam macht… Man kann sich mit einem potentiellen Partner verständigen, Beute anlocken - aber auch Forscher. Steve Haddock beispielsweise will im Rahmen des Meereszensus herausfinden, wie sich die Tiefseeorganismen ihre Leuchtquellen zugelegt haben.

QualleHaddocks bevorzugtes Forschungsobjekt sind Staatsquallen: "Sie sind die Cousins der Quallen, aber sie können bis zu 30 Meter lang werden. Wenn man so will sind sie Vorhänge aus Tentakeln, die töten, was ihnen zu nahe kommt." Im Grunde sind Staatsquallen auch keine Tiere, vielmehr sind sie Wohngemeinschaften von Hunderten oder Tausenden hoch spezialisierten Nesseltiere, die fast so etwas wie die Organe eines Organismus bilden. Es gibt Fresspolypen, Tastpolypen, Wehrpolypen, Geschlechtspolypen, Deckpolypen, Schwimmbojen und Schwimmglocken. Die Arbeitsteilung ist extrem erfolgreich. "Wir beschreiben gerade eine neue Art von Staatsquallen, die wir bei der Volkszählung der Meere gefunden haben", erzählt Haddock, "sie lebt in der Zwielichtzone und lockt ihre Beute mit kleinen, leuchtenden Anhängen an ihren Tentakeln an. Krill kann diesem grünen Leuchten nicht widerstehen und wird gefressen." Andere Staatsquallen setzen rotes Licht ein, um neugierige Beute anzulocken, eine Entdeckung, die eine heftige wissenschaftliche Diskussion auslöste. Schließlich wirkt rotes Licht in der Tiefsee schwarz und wird deshalb gerne zur Tarnung eingesetzt. Außerdem sollen die Augen vieler Tiefseetiere Rot nicht wahrnehmen. Trotzdem werden immer mehr Jäger bekannt, die mit Rotlicht täuschen. Wäre es nicht zu erkennen, gäbe es sie nicht.

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