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Faszination Helfen

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Wenn ein Tsunami auf einen dicht besiedelten Küstenstreifen trifft oder ein Erdbeben ganze Stadtteile mit baufälligen Häusern zum Einsturz bringt, schlägt die Stunde von Menschen, für die selbstlose Hilfe in den Katastrophengebieten der Erde ein Lebenseinhalt geworden ist.

Als im August 2002 eine Wolkenfront über die Alpen zieht, ahnen wohl die Wenigsten, welche Spur der Verwüstung sie auf ihrem Weg Richtung Norden noch hinterlassen wird. In kürzester Zeit gehen gewaltige Wassermassen nieder; vormals beschauliche Flüsse schwellen zu reißenden Strömen an. Besonders betroffen ist die Elbe; ihr Pegel schnellt in Dresden auf annähernd 10 Meter. Deutlich mehr, als das Flussbett aufnehmen kann. Überall in der Region treten die Fluten über die Ufer und verwandeln ganze Landstriche in Seenlandschaften.

Was folgte war der größte Einsatz des Technischen Hilfswerks (THW) in seiner Geschichte. 24.000 Helfer konnte die Schutzorganisation in jenen dramatischen Augustwochen aktivieren. Insgesamt rund 1.750.000 Stunden leisteten die zum größten Teil ehrenamtlichen Mitarbeiter dringend benötigte Hilfeleistungen, trugen Sandsäcke, pumpten Keller leer und befreiten Menschen aus Häusern, die durch die Wassermassen von der Außenwelt abgeschnitten waren.

Dabei engagiert sich das THW beileibe nicht nur im Inland. So waren Kräfte des Hilfswerks beispielsweise auch in Kaschmir im Einsatz, nachdem im Jahr 2005 ein Beben in der von Pakistan verwalteten Region zahlreiche Dörfer buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht hatte. Auch als in China der Zyklon Nargis über das Land fegte und rund 80.000 Menschen ihr Leben verloren, waren die Mitarbeiter des THW wenig später vor Ort und leisteten wichtige Überlebenshilfe.

Instandsetzen einer Wasserleitung

 

THW-Kräfte setzen eine beschädigte Wasserleitung in Nabatiye (Libanon) in Stand. (Bild: THW/Frank Winterfeldt)

 

Breit gefächerter Einsatzkatalog

Doch was unterscheidet einen Einsatz in Folge eines Tsunamis von dem nach einem Erdbeben? Welche Schritte sind nach einer Überschwemmung zu unternehmen, welche nach einem Vulkanausbruch? Dr. Fritz Helge Voß vom THW Sachsen, Thüringen sieht bei der Einsatzplanung vor allem einen Unterschied in der Dauer der Naturkatastrophen: „Ein Hochwasser wie das der Elbe entwickelt sich über Wochen, ein Erdbeben ist nach wenigen Augenblicken wieder vorbei – wenn man von den Nachbeben absieht.“

Darüber hinaus laufen aber viele Einsätze ähnlich ab, unabhängig von dem Ereignis, das ihnen vorausgegangen ist. In der Regel haben es die Helfer mit beschädigten Häusern und Infrastruktur zu tun, wenn sie in einem Katastrophengebiet eintreffen. Meist gilt es zunächst, die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen und sicherzustellen, dass baufällige Gebäude die Opferzahl nicht noch weiter steigen lassen.

Auch vor einer der unwahrscheinlichsten Naturkatastrophen macht der breit gefächerte Katalog an Einsatzoptionen des THW dabei nicht halt: „Natürlich ständen wir auch im Falle eines Meteoriteneinschlags bereit“, versichert Dr. Voß, auch wenn diese Einsatzart nicht gesondert geübt werden würde. „Auch hier hätten wir es ja vorrangig mit bekannten Schäden an Infrastruktur oder Gebäuden zu tun – letztendlich ist auch das eine kurzfristige, punktuelle Schadenslage“, relativiert Voß den Einschlag eines Himmelskörpers.

Herzlicher Empfang

 

Herzlicher Empfang für die THW-Helfer im Libanon. (Bild: THW/Frank Winterfeldt)

 

Einsatzbereit in wenigen Stunden

Ein Hilfeersuchen an das THW kann im Bedarfsfall über verschiedene Kanäle erfolgen. Bei außereuropäischen Katastrophen stellen etwa UN, Nato oder auch die EU eine entsprechende Anfrage. Das Hilfsgesuch der Institutionen wird mit einem entsprechenden Hilfsangebot des THW beantwortet. Nach einer Einigung erfolgt schließlich der Einsatzauftrag vom Bundesinnenministerium oder dem Auswärtigen Amt. Erst im Anschluss kann das THW beginnen, seine Helfer in die entsprechende Krisenregion zu verlegen.

Zeit, die der internationale Abstimmungsprozess, die Phase von Angebot und Nachfrage gekostet hat, gilt es nun aufzuholen. Spezielle Einheiten und vordisponiertes Gerät an Flughäfen sorgen dafür, dass sich das THW in sechs bis acht Stunden nach Einsatzauftrag zum Katastrophenort begeben kann. Damit die Mitarbeiter auf die vielfältigen Gefahrenmomente vorbereitet sind, die sie am Einsatzort erwarten können, werden sie eingehend geschult. „Wir bemühen uns, unsere Mitglieder durch eine gute Ausbildung in die Lage zu versetzen, Gefahren frühzeitig zu erkennen“, erklärt Voß, ständiger Vertreter des THW-Landesbeauftragten in Sachsen und Thüringen. „Die eigentliche Abschätzung vor Ort, wie groß die Gefahr ist und welche konkreten Maßnahmen zu ergreifen sind, können wir aber niemandem abnehmen“, so Dr. Voß, „dafür haben wir unsere ausgebildeten Führungskräfte.“ Manchmal, wie etwa beim Einsatz in Pakistan, wo es zu einer Reihe Nachbeben kam, gehöre aber auch ein wenig Glück dazu, gesteht Fritz Helge Voß ein.

Häufig ist das THW in Regionen der Erde beschäftigt, in denen ein professionell durchgeführter Einsatz mit modernem Gerät Begehrlichkeiten wecken kann. Zwar kommt es vor, dass Hilfsprojekte der Hilfsorganisation bis zu zwei Jahre dauern – zum Beispiel beim Aufbau und Betreiben einer Werkstatt, die die örtlichen Einwohner in die Lage versetzen soll, sich künftig selbst zu helfen. Im Regelfall verlassen die Helfer aus Deutschland den Einsatzort nach geleisteter Soforthilfe aber wieder. „Das fällt gar nicht leicht“, räumt Voß ein, „aber wir haben ja auch ehrenamtliche Helfer. Lange kann ich die nicht aus ihren Arbeitsverhältnissen raushalten.“ Hauptaufgabe des THW ist humanitäre Hilfe – ist die Situation im Krisengebiet stabilisiert, sind andere Institutionen wie das Ministerium für Technische Zusammenarbeit oder die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit für den Wiederaufbau und eine anschließende Entwicklungshilfe zuständig.

 

Selbstlose Hilfe

Was aber treibt Menschen an, sich ehrenamtlich zu engagieren; sich womöglich weit entfernt von ihrer Heimat in Gefahr zu begeben? Dr. Voß verweist auf das Elbehochwasser: „Als 2002 das Wasser über die Ufer trat, waren die Menschen spontan bereit, Sandsäcke zu schleppen. Manche wollen aber auch dann etwas der Gesellschaft zurückgeben, wenn sie nicht unmittelbar betroffen sind.“

Von der „Faszination Helfen“ wird auch sein gleichnamiger Vortrag handeln, den Voß am 18. September in Dresden im Rahmen der GEOTECHNOLOGIEN-Ausstellung „Unruhige Erde“ halten wird. Natürlich wird er dabei auch, dem Ausstellungsthema „Unruhige Erde“ entsprechend, darstellen, welche Aufgaben das THW nach einer Naturkatastrophe zu erfüllen hat – aber auch, wie sich jeder einzelne in einer Notsituation an einer Hilfsaktion beteiligen kann.

Über mangelnde Unterschützung muss sich das THW nicht beklagen. Die Zahl der freiwilligen Helfer stieg in den letzten Jahren kontinuierlich. „Das ist natürlich sehr schön“, freut sich Voß, „wir bemühen uns auch sehr um neue Mitglieder, indem wir eine solide Ausbildung und eine vernünftige Technik bereitstellen.“ Dennoch ist sich der stellvertretende Landesbeauftragte nicht sicher, ob dieser erfreuliche Trend auch in Zukunft anhalten wird. Vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft wird es für das THW zwangläufig schwerer werden, qualifizierte Leute anzuwerben.

Zu beobachten ist zudem, dass in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit die Bereitschaft, organisiert zu helfen, geringer ausgeprägt ist als in Landstrichen mit besser situierten Bewohnern. Voß erklärt sich das Phänomen so: „Vielleicht denken sich die Menschen: ‚Wenn ich wenig erhalte, brauche ich auch nicht viel zu geben’.“ Hält diese Entwicklung an, wäre das angesichts einer immer anfälligeren und komplexeren Gesellschaft allerdings fatal für die Handlungsfähigkeit des THW, mahnt Voß. Die Gewinnung neuer ehrenamtlicher Mitglieder sei somit auch in Zukunft einer der zentralen Aufgaben des Technischen Hilfswerks.

 

Vortrag: „Faszination ‚Helfen’“

 

Dr. Fritz Helge Voß gibt Einblicke in die Arbeitsweise des Technischen Hilfswerks und berichtet von Einsätzen der Hilfsorganisation nach Naturkatastrophen im In- und Ausland.

Ort: Staatliche Naturhistorische Sammlungen Dresden, Japanisches Palais, Palaisplatz 11

Zeit: Donnerstag, 18. September, 18:00 Uhr

RD, iserundschmidt 09/2008

 


Die Staatlich Naturhistorische Sammlung Dresden ist die achte von insgesamt zehn Stationen der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die noch bis Sommer 2009 durch Deutschland reisen wird. Nach Dresden wird die Ausstellung noch die Städte Karlsruhe und Rostock besuchen. Weitere Informationen zur Dresdner Station der Wanderausstellung finden Sie hier.

 

Allgemeine Infos zur Ausstellung finden Sie auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN.

Verweise
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