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Katastrophe mit Ansage

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Über 600 Jahre hatte der Pinatubo geruht, ehe er am 15. Juni 1991 für einen der gewaltigsten Vulkanausbrüche des vergangenen Jahrhunderts sorgte. Obwohl von der gigantischen Eruption viele Menschen betroffen waren, fielen ihre Folgen dank umfangreicher Vorkehrungen noch relativ glimpflich aus.

Überraschend kam die gewaltige Ausbruchserie des Pinatubos im Juni 1991 nicht. Schon ein Jahr vor den Eruptionen hatte der Schlund des philippinischen Vulkans sporadisch angefangen, zu dampfen, später waren immer wieder kleinere Erdbeben am Fuße des Bergs zu spüren. Ob auch ein besonders starkes Beben, das sich ein knappes Jahr vor dem großen Ausbruch in der Region der Insel Luzon zutrug, als Vorbote der drohenden Katastrophe zu werten ist, darüber gehen die Ansichten in der wissenschaftlichen Community bis heute auseinander.

In einem Punkt waren sich die Experten im Vorfeld des Jahrhundertausbruchs aber einig: Der 600-jährige Schlaf des Pinatubos wird in Kürze ein jähes Ende finden. An dieser Theorie bestand spätestens dann kein Zweifel mehr, als sich der damals noch knapp 1800 Meter hohe Vulkankegel mit Beginn des Jahres 1991 sukzessive begann aufzublähen.

Als schließlich am 7. Juni das erste Mal Lava aus dem Berg austrat, war ein Großteil seiner unmittelbaren Anwohner bereits in eine sichere Entfernung evakuiert worden. Ein Erfolg für die Wissenschaft: Anders als bei anderen Ausbrüchen war es am Pinatubo gelungen, die Zeichen der drohenden Eruption frühzeitig richtig zu deuten.

 

Helfer aus dem All

Ein wichtiges Werkzeug, um bevorstehende Vulkanausbrüche verlässlich einschätzen zu können, sind heute Satelliten. Mit Hilfe der künstlichen Erdtrabanten lassen sich Oberflächenmodelle von außergewöhnlicher Genauigkeit erstellen: Obwohl die Aufnahmen nicht selten aus Höhen von über fünfhundert Kilometern geschossen werden, erreichen diese Bilder inzwischen Auflösungen von etwa einem Meter. Mit Infrarotsensoren an Bord der Raumflugkörper können zudem Temperaturänderungen, etwa hervorgerufen durch Magma im Rumpf eines Vulkans, großflächig dargestellt werden.

TerraSAR-X

Erdbeobachtungssatelliten wie der deutsche TerraSAR-X ermöglichen Aufnahmen der Erde in einer Auflösung von bis zu einem Meter (Bild: Astrium GmbH).

Nach einem Ausbruch helfen die Bilder aus dem All, die Ausbreitungsrichtung der ausgestoßenen Asche- und Gaswolken in der Atmosphäre zu bestimmen. Als im letzten Jahr der zu zweifelhaftem Ruhm gelangte Eyjafjallajökull Feuer spuckte, waren Tausende Fluggäste auf diese Analysen angewiesen. Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sind Satellitenbilder zudem für die Wahrnehmung von Ausbrüchen in entlegenen, dünn besiedelten Regionen wichtig: Manch vulkanische Aktivität würde ohne die Auswertung dieser Aufnahmen gänzlich unbemerkt bleiben.

In dichter besiedelten Regionen erleichtern Satelliten die Koordination von Hilfsmaßnahmen. Sie geben Aufschluss darüber, welche Gebiete am meisten von der Naturgewalt in Mitleidenschaft gezogen worden sind, ob Straßen noch passierbar sind oder ob eingestürzte Brücken einen größeren Umweg der Helfer erforderlich machen.

 

Kilometerlage Schlammlawinen

Am Fuße des Pinatubos wurden dank vorausschauendem Krisenmanagement 60.000 Menschen, die in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Vulkan lebten, aus der Gefahrenzone evakuiert. Ein großer logistischer Aufwand, der sich jedoch spätestens im Angesicht des Ausbruchs am 15. Juni als gerechtfertigt herausstellte.

Als sich die Lava-Massen Bahn brachen, wurde die Spitze des Berges geradezu weggesprengt; der Vulkan verlor in den stürmischen Tagen Anfang der 1990er Jahre fast 300 Meter seiner Höhe. Schnell bildete sich über dem Krater des Berges eine 20 Kilometer hohe Aschewolke. Starke Regenfälle spülten Ströme aus Vulkanasche und Geröll in kilometerlangen Schlammlawinen in die Täler. Eine graue Ascheschicht legte sich über das Land, große Teile fruchtbares Ackerland wurden vernichtet, ganze Dörfer wurden unter der Schlammschicht begraben.

Aller Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz verloren bei dem Jahrhundertausbruch etwa 800 Menschen ihr Leben – die meisten von ihnen, weil die Dächer ihrer Häuser dem Asche-Wasser-Gemisch, das sich über das Land legte, nicht standhalten konnten. Dennoch: Angesichts eines der größten Vulkanausbrüche des zwanzigsten Jahrhunderts müssen die ergriffenen Maßnahmen rund um den Pinatubo als Erfolg gewertet werden; ohne exakte Vorhersagen und einem beherzten Eingreifen der zuständigen Behörden wäre die Opferzahl vermutlich in die Zehntausende gegangen.

RD, iserundschmidt 06/2011


Veranstaltungstipp: Zur frühzeitigen Erfassung von Naturgefahren und der Koordinierung entsprechender Hilfsmaßnahmen spielen Satelliten heute eine wichtige Rolle. Neuste Methoden und Erkenntnisse aus der Satellitenfernerkundung sind für eine Wanderausstellung zusammengetragen worden, die zurzeit in Karlsruhe zu sehen ist. Die vom FuE-Programm GEOTECHNOLOGIEN ausgerichtete Ausstellung „Die Erde im Visier“ zeigt mit interaktiven Exponaten, Hands-on-Installationen, PC-Animationen und großformatigen Satellitenaufnahmen leicht verständlich, welchen Nutzen die Raumflugkörper bei der Erforschung des Klimawandels, bei der Suche nach Rohstoffen oder beim Dokumentieren von Prozessen im Erdinneren haben. Die Wanderausstellung macht noch bis zum 28. August im Staatlichen Naturkundemuseum Karlsruhe Station, bevor sie ab Mitte September in Bochum zu sehen sein wird.

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