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Leben auf dem Feuer

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Über 450.000 spektakuläre Aufnahmen von Vulkaneruptionen schoss das Ehepaar Katia und Maurice Krafft auf ihren Forschungsreisen – bis ihnen ihre Berufung schließlich zum Verhängnis wurde. Die Ausstellung ELEMENTS, die eine Auswahl ihrer Bilder zeigt, kommt nun erstmals nach Deutschland.

Kurze Zeit nach ihrer ersten Begegnung an der Straßburger Universität waren Katia und Maurice Krafft auf dem Weg nach Stromboli. Auf der italienischen Insel war der gleichnamige Vulkan ausgebrochen, und die jungen Forscher hatten ihre geringen Ersparnisse zusammengelegt, um seine Eruption hautnah mitzuerleben. Einige Bilder, die die Kraffts von dem aktiven Vulkan gemacht hatten, stießen nach ihrer Rückkehr schließlich auf so großes Interesse, dass die Vulkanologen schon bald von ihren Fotografien leben konnten.

Immer aufwendigere Expeditionen konnte sie so in Angriff nehmen; immer außergewöhnlichere Aufnahmen brachten sie mit nach Hause. Mehr als 150-mal reisten die Kraffts in den gut 20 Jahren ihres Forscherlebens zu aktiven Vulkanen. Schnell hatten sie sich den Ruf als Pioniere im Fotografieren und Filmen von Eruptionen gemacht, die mit waghalsigen Manövern an ihre Aufnahmen gelangten – oft nur wenige Meter vom Lavastrom entfernt. Häufig waren die Kraffts die Ersten, die nach einem Ausbruch am Ort des Geschehens eintrafen, was ihnen die Bewunderung, aber auch den Neid vieler Kollegen einbrachte.

„Politische Vulkane sind viel gefährlicher als natürliche!“

Neben ihrer künstlerischen Klasse waren ihre Vulkanbilder häufig auch ein nicht zu unterschätzender Faktor bei der Beurteilung von Gefährdungslagen. Als beim philippinischen Vulkan Mount Pinatubo erste Aktivitäten zu verzeichnen waren, führten die Kraffts einer Gruppe von Entscheidungsträgern eine Videoaufnahme vor, die sie zuvor vom ausgebrochenen kolumbianischen Vulkan Nevado del Ruiz gemacht hatten. Die verheerenden Folgen der Eruption, die auf dem Material dokumentiert waren, überzeugten die Skeptiker schließlich von der Notwendigkeit einer Evakuierung.

In einem Interview von 1991 mit der Fachzeitschrift „Volcano Quarterly“ unterstrich Maurice Krafft, wie wichtig visuelle Eindrücke bei der Beurteilung von Katastrophen sein können. So würden sich Behörden, die nur langweilige Berichte vorgelegt bekämen, häufig kein Bild davon machen, wie schnell Lavaströme in die Täler schießen könnten; „Unmöglich!“, wäre ihre Reaktion, wenn man sie darauf hinweisen würde. Erst mit Bildern und Videos von Vulkaneruptionen wäre es häufig möglich, sie schließlich vom Gegenteil zu überzeugen. Ein guter Vulkanologe, so Maurice Krafft einmal, müsse neben einem exzellenten Wissenschaftler auch immer ein guter Kommunikator im Umgang mit den Verantwortungsträgern sein. Sein ernüchterndes Fazit: „Politische Vulkane sind viel gefährlicher als natürliche!“

„Werden wir eines Tages verstehen, wie sie genau funktionieren“, sagte Maurice Krafft einmal, „dann werden sie nicht mehr interessant für uns sein.“

Ihre Leidenschaft für aktive Vulkane entwickelten die Kraffts schon in jungen Jahren. Katia verspürte mit vierzehn zum ersten Mal den Wunsch, Vulkanologin zu werden, Maurice Krafft sah seinen ersten aktiven Vulkan bereits im Alter von sieben Jahren. Sein Vater, der seine Leidenschaft für Eruptionen teilte, brachte ihn nah an den aktiven Stromboli. „Vielleicht zu nah“, wie Maurice später lachend feststellte. Doch seine Leidenschaft war geweckt. In den kommenden Jahren wurde er Zeuge von weiteren Ausbrüchen. Als es ihm einige Jahre später nach Abschluss seines Studiums an der Straßburger Universität nicht möglich war, eine Anstellung als Geologe zu finden, die ihm eine Beschäftigung mit aktiven Vulkanen ermöglichte, gründete Maurice Krafft kurzerhand sein eigenes Forschungszentrum, das sich fortan hauptsächlich auf eruptierende Vulkane konzentrierte. Ihn faszinierte vor allem das unmittelbare an seiner Arbeit. Ein aktiver Vulkan gebe einem immer eine direkte Antwort auf seine Hypothesen. „Wenn du an einem aktiven Vulkan arbeitest und sagst, er würde nicht ausbrechen, und er explodiert plötzlich, dann weißt du, dass du falsch gemessen haben musst.“ Abgesehen von ihrer enormen Größe faszinierte ihn das geheimnisvolle, unvorhersehbare Temperament der Feuerberge: „Werden wir eines Tages verstehen, wie sie genau funktionieren“, sagte Maurice Krafft einmal, „dann werden sie nicht mehr interessant für uns sein.“

Doch nicht nur die noch weitgehend ungeklärten Vorgänge im Inneren der Vulkane üben eine große Faszination aus. Gerade auch Bilder wie die der Kraffts, geschossen im Inneren der Feuerwelten, vermitteln eine völlig andere, bislang unbekannte Sicht auf die enormen Naturgewalten, gewinnen ihnen mitunter gar etwas Sinnliches ab. Eine ganze Ausstellung mit insgesamt 68 ausgewählten Fotografien der Kraffts wird ab dem 7. März auch in Deutschland Besucher in ihren Bann schlagen. „ELEMENTS“ startet in Krefeld und wird im Anschluss noch Bad Dürrenberg und Chemnitz besuchen. Das Koordinierungsbüro GEOTECHNOLOGIEN betreut die Ausstellung als „Netzwerk-Geber“ – dem Büro des gleichnamigen Forschungs- und Entwicklungsprogramms war es durch seine Kontakte möglich, die normalerweise in der Auvergne beheimateten Bilder erstmals nach Deutschland zu holen. Es wird auch die Kommunikation zwischen den drei deutschen Ausstellungsstandorten organisieren.

Blick in die Ausstellung "ELEMENTS"

 

Blick in die Ausstellung ELEMENTS © Museum Vulcania

Der Geologische Dienst NRW wird als Ausrichter der Ausstellung die Aufnahmen der Kraffts mit verschiedenen Exponaten aus verschiedenen Teilen der Welt in Verbindung setzen. So gibt es Schwefel im Bild und als handfestes Stück Mineral, dünnflüssige Stricklava in Hochglanz und im Original. Dennoch würde Diplom-Geologin Dorothea Tenckhoff-Maltry, die mit der Organisation von ELEMENTS betraut ist, nicht von einer streng wissenschaftlichen Ausstellung sprechen: „So weit würde ich nicht gehen, da wir die Aufnahmen der Kraffts in den Vordergrund stellen möchten. Wir wollen die außergewöhnlichen Fotografien aber mit den entsprechenden Exponaten untermalen, die Formen und Farben der Bilder mit ihrer Hilfe noch etwas stärker hervorheben.“

Expertenvorträge, die im Ausstellungsraum direkt zwischen den spektakulären Bildern gehalten werden, versprechen einen tieferen Einblick in die Materie. Außerdem wird der Film der Kraffts „Geheimnisvolle Welt Vulkane“ zu sehen sein. Dorothea Tenckhoff-Maltry ist überzeugt, mit diesem Angebot auf Interessenten in allen Altersgruppen zu stoßen: „Für ältere Schüler, die jetzt im Unterricht das Thema Vulkanismus und Plattentektonik schon behandelt haben, ist unsere Ausstellung sicherlich eine interessante Sache. Eine typische Schülerausstellung ist sie zwar eher nicht, sie kann aber auf jeden Fall dazu beitragen, dass sich Jugendliche für Geowissenschaften interessieren und vielleicht später selber eine Karriere in diesem Bereich einschlagen!“

Fast 30 Jahre voller Expeditionen und Entdeckerreisen lagen hinter den Kraffts, als sie sich 1991 zu ihrem letzten Feuerberg, dem japanischen Mount Unzen aufmachten. Der Vulkan war nach einer Ruhephase von fast 200 Jahren wieder aktiv geworden. Begleitet von einem Kollegen und eine Gruppe von vierzig Journalisten war das Vulkanologen-Ehepaar am 3. Juni 1991 mit Aufnahmen der Eruption beschäftigt, als ein pyroklastischer Strom, der neben ihnen ins Tal raste, unerwartet aus seinem Gesteinsbett trat. Die mehrere hundert Grad heiße Glutlawine erfasste die Gruppe; die Kraffts und ihre Begleiter waren auf der Stelle tot. Einen Tag zuvor hatte Maurice noch einem Fernsehsender ein Interview gegeben. Einer seiner letzten Sätze: „Angst habe ich nie. Ich habe in 23 Jahren so viele Eruptionen gesehen – selbst, wenn ich morgen sterben müsste, mir wäre es egal.“

RD, iserundschmidt 03/2008


Mehr zur Ausstellung ELEMENTS finden Sie auf der Homepage der GEOTECHNOLOGIEN und auf den Seiten des Geologischen Dienstes NRW.

Videoaufnahmen der pyroklastischen Ströme, die im Jahre 1991 den Mount Unzen hinabrasten, finden Sie hier.

Einen Abdruck des vollständigen Interviews, das „Volcano Quarterly“ mit den Kraffts 1991 führte, finden Sie hier.

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