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Nackt bis auf den Fels - Überraschung am Grund des Pazifik

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Arbeiten am Ozeangrund hieß für die Hightechbohrer, Forschungs-U-Boote und Tauchroboter der Geoforscher bisher immer Wühlen in meterdicken Meeresablagerungen. Doch die Lehrmeinung von einem durchgängig beschichteten Meeresboden muss wohl überdacht werden. Rund 4000 Kilometer östlich von Neuseeland ruht am Grund des Pazifik eine blanke Felsplatte so groß wie das Mittelmeer.

Für viele Forschungsprojekte, deren Zielgebiete in den dunklen Abgründen der Tiefsee liegen, gehören Schlick- und Sedimentschichten zum Alltag. Nicht wenige Missionen, die genau diese Meeresablagerungen ins Visier nehmen und mitunter Überraschendes zutage fördern - ob neue Erkenntnisse zum Aufbau unterseeischer Hydrothermalquellen (planeterde berichtete), das Aufspüren neuer klimarelevanter Gashydratvorkommen wie im Projekt METRO oder die erstmalige Detailanalyse exotischer Methanfresser wie bei MUMM II. Im Rahmen des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN hatten Bremer Forscher diese winzigen Mikroben, die das Treibhausgas Methan per "Anaerober Oxidation" veratmen, ins Visier genommen … u. a. am Fuße des arktischen Schlammvulkans Haakon Mosby.

Selbst die Klimageschichte unseres Planeten kann man aus den Sedimenten herauslesen … wenn man sie denn findet. Normalerweise alles andere als ein Problem. Doch als das amerikanische Forschungsschiff "Melville", ausgestattet mit schwerem Bohrgerät, im Frühjahr 2006 einige tausend Kilometer von der Küste Neuseelands entfernt den Ozeanboden des Südpazifik mit seismischer Ausrüstung abtastete, war keine Spur von Ablagerungen zu entdecken. Unter dem Schiffsrumpf gähnte eine nackte Felsplatte von zwei Millionen Quadratkilometern Fläche.


Nackte Platte im Pazifik

Ganze zwei Millionen Quadratkilometer (hier dunkelblau umrandet) sind fast gänzlich frei von Sedimenten. (c) ius


Das Fehlen aussagekräftiger Sedimentschichten war aber keineswegs ein Grund zum Trauern. Schließlich ist die "Bare Zone" getaufte Freifläche vermutlich schon seit rund 80 Millionen Jahren in ihrem heutigen Zustand - seit sich die basaltische Kruste der Region aus dem Material des Erdmantels bildete. Hier bietet sich den Forschern erstmals ein direkter Zugang zum Basissockel der Weltmeere, der normalerweise durch Schlick und Sand, Tonminerale und Reste von Mikroorganismen verdeckt wird. Nicht nur einzigartige Lebensformen, sondern auch Meteoritenstaub, ansonsten im durchschnittlich mehrere hundert Meter mächtigen Bodensatz der Meere verborgen, könnte auf dem nackten Fels wie auf dem Präsentierteller verteilt sein.

Warum ausgerechnet an dieser Stelle des Südpazifik der Ozeangrund so lange "sauber geblieben" ist, darüber spekulieren Forscher im Fachblatt "Geology" und nennen eine ganze Reihe möglicher Ursachen. Zum einen sei das Oberflächenwasser dieser Pazifikregion extrem nährstoffarm, was einen direkten Einfluss auf das Plankton habe. Weniger Futter bedeutet weniger Plankton, und weniger Plankton heißt auch weniger Plankton-Überreste, die sich in Jahrmillionen auf dem Ozeangrund anhäufen können. Und selbst wenn die Kalkschalen in großer Zahl herunterrieseln würden, lange verweilen würden sie vermutlich in den Abgründen der "Bare Zone" sowieso nicht. Der Boden liegt hier unterhalb der "Kalzit-Kompensationstiefe", jenseits derer das Kalzit von Muschelschalen oder Skeletten vollständig im sauren Wasser gelöst wird. Vulkanisch aktive Zonen wie etwa Hydrothermalquellen, die diverse chemische Elemente abscheiden könnten, sind in dieser Gegend des Pazifiks ebenso rar wie von Stürmen herangetragenes Material. Schließlich ist die "Bare Zone" weit entfernt von jeder größeren Landmasse, die sandigen Nachschub liefern könnte.

Die Entdeckung der "South Pacific Bare Zone" zeigt einmal mehr, dass die einzigen noch verbleibenden "weißen Flecken" unserer Landkarten in den Ozeanen liegen.

Ein oder zwei dieser Merkmale seien für eine Tiefseeregion keineswegs ungewöhnlich, betonen die Meeresgeologen in ihrem Artikel. Alle vier an einem Ort anzutreffen, das sei jedoch eine Premiere - eine mehr als ungewöhnliche Kombination, die seit 80 Millionen Jahren besteht.

Die Entdeckung der "South Pacific Bare Zone" zeigt einmal mehr, dass die einzigen noch verbleibenden "weißen Flecken" unserer Landkarten in den Ozeanen liegen. Selbst manche Mondebene ist besser erkundet als die Tiefsee - jener "Erdteil", der fast 60 Prozent der Planetenoberfläche bildet. Ein Terrain, dem sich nicht nur Meeresforscher wie der 1997 verstorbene Franzose Jacques Cousteau oder der US-Amerikaner Robert Ballard verschrieben haben. Sogar Starregisseur Steven Spielberg nahm sich bereits dem Thema an, mit einer Unterwasser-Fernsehserie, die von Ballard persönlich als technischer Berater begleitet wurde. Jede Episode wurde stets mit dem Satz eingeleitet: "The 21st Century... Mankind has colonized the last unexplored region on earth - the ocean." Auch wenn die Besiedlung der Meere wohl noch für einige Zeit Zukunftsmusik bleiben wird, was den Ozean als letzte unerforschte Region der Erde betrifft, so könnte die Wirklichkeit die Fiktion bald eingeholt haben. Einer lückenlosen Kartierung der Tiefsee sind die Geoforscher mitten im Südpazifik jedenfalls wieder ein kleines Stück näher gekommen.

TM, iserundschmidt 12/2006 


Die Zusammenfassung des Original-Artikels finden Sie auf den Seiten der Geological Society of America (GSA).

Überraschende Eindrücke bieten sich auch an anderer Stelle am Grund der Tiefsee - zum Beispiel an den geologisch äußerst aktiven "Mittelozeanischen Rücken". Was es mit diesen Regionen auf sich hat, sehen Sie hier auf planeterde.

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