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Null Grad in Greenwich

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Die einheitliche Einteilung der Erde in Längen- und Breitengrade ist Voraussetzung genauer Standortbestimmungen und Taktgeber einer internationalen Weltzeit. Dabei hatten viele Länder ursprünglich ihre ganz eigenen Koordinatensysteme – bis zu einer Grundsatzentscheidung am 13. Oktober 1884.

Wäre es nach dem kleinen Inselstaat San Domingo gegangen, sähen Zeitzonen und Längengrade heute wohl anders aus. San Domingo stimmte als einziger Teilnehmer der „International Meridian Conference“ gegen Greenwich. Die Mehrheit der angereisten Landesvertreter entschied sich vor genau 125 Jahren jedoch für den Londoner Vorort und den Längengrad, der ihn und seine Sternwarte querte. Dieser sollte ab sofort die Rolle des für alle Länder gültigen Nullmeridians übernehmen – jener imaginären Linie von Pol zu Pol, von der aus alle restlichen Längengrade in Richtung Ost und West gezählt werden. Damit war der Weg frei für ein weltweit gültiges einheitliches Netz von exakten Ortsangaben und Zeitzonen.

Hinweisschild Nullmeridian


Das Hinweisschild am Royal Observator in Greenwich macht deutlich: Am Nullmeridian treffen östliche und westliche Hemisphäre aufeinander (Bild: Steve F-E-Cameron, Wikimedia Commons).

Auch lange vor dieser Grundsatzentscheidung wurden Längen- und Breitengrade schon zur Standortbestimmung benutzt. Der Nullpunkt aller Breitengrade ist dabei durch den Erdkörper selbst vorgegeben, nämlich durch seinen Äquator. Bei den Längengraden, die sich als Großkreise durch die beiden Pole um den Globus spannen, gibt es eine solche natürliche Vorgabe nicht. Viele Jahre verwendeten europäische Seefahrer einen Nullmeridian, der durch  die Kanareninsel Ferro, heute El Hierro, lief. Kein Wunder, für sie markierte das Eiland den Rand der Welt. Später setzten sich nationale Interessen durch. Viele Länder legten den Nullpunkt ihrer Kartennetze auf ihre eigenen Hauptstädte und Sternwarten; für die Franzosen lief der Längengrad null durch Paris, für die Russen durch St. Petersburg.

Am 13. Oktober 1884 schließlich einigte man sich auf Greenwich – nicht nur deshalb, weil ein Großteil des gesamten Handelsverkehrs auf Seekarten beruhte, die sich bereits auf den Greenwich-Meridian bezogen, sondern auch, weil sich damit eine unangenehme Nebenwirkung der neuen Welteinteilung nicht ganz so drastisch auswirkte. Nahm man Greenwich ebenso wie für die Längengrade auch für die Zeitzonen als Ausgangspunkt und zog man nach Westen eine Stunde ab und nach Osten eine Stunde dazu, so traf man am Ende genau auf der anderen Seite der Weltkugel wieder zusammen – nur dass hier nicht eine Stunde zwischen den angrenzenden Zeitzonen lag, sondern ein ganzer Tag. Diese Datumsgrenze, die Schnittlinie zwischen gestern und heute, lag dank der Wahl Greenwichs mitten im Pazifik und kreuzte so nur wenige bewohnte Inselgruppen.

Nachdem die Entscheidung getroffen war, setzte sich der neue Nullmeridian langsam durch. Deutschland übernahm ihn 1885, Frankreich 15 Jahre später, Österreich-Ungarn sogar erst 1918. Heute kennt jedes Schulkind die Trennlinie, die die Welt in östliche und westliche Hemisphäre teilt und Basis für sämtliches Kartenmaterial und modernste Satellitenortung wie dem Global Positioning System GPS ist. Dabei liegt der Nullmeridian gar nicht mehr auf den ursprünglichen historischen Koordinaten des Greenwich-Observatoriums. Der prominente Längengrad ist längst von der Erdoberfläche getrennt. Seit 1980 bezieht er sich auf ein Referenzmodell der Erde. Es ist im Grunde eine Fortsetzung der Geschichte: zunächst unabhängig von nationalen Ansprüchen, dann unabhängig von der Erde und ihrer ständig durch Kontinentalverschiebung und Gezeitenkräfte in Bewegung befindlichen Kruste. Der „echte“ Nullmeridian verläuft heute mitten durch den Greenwich Park rund 100 Meter östlich vom alten Standort entfernt. Die Touristen, die sich tagtäglich vor der in Metall gegossenen historischen Linie ablichten lassen, wird das vermutlich nicht stören.

TM, iserundschmidt 10/2009


Weitere Informationen zum Nullmeridian finden Sie hier. Den Text des Konferenzberichtes können Sie hier nachlesen.

Moderne Geowissenschaften sind ohne genaue Positionsbestimmung nicht denkbar. Geowissenschaftliche Projekte, auch die des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN, nutzen direkt oder indirekt die Vermessung des Erdkörpers – manchmal sogar direkt zur Frühwarnung vor Naturkatastrophen.

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