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To boldly go where no one has gone before

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Höhenrekordhalter war Auguste Piccard bereits als er am 30.09.1953 eine weitere Bestmarke aufstellt. Nicht an Bord eines aufsteigenden Ballons, sondern in der Druckkapsel eines Tauchboots. Heute vor 54 Jahren sinkt er mit seiner „Trieste“ auf mehr als drei Kilometer Meerestiefe – spektakulärer Auftakt zur Erkundung eines bis heute weitgehend unbekannten Erdteils.

In den dunklen Tiefen der Ozeane erwarten Meeresforscher und Geowissenschaftler stets neue Überraschungen. Hier liegen die tektonischen Nahtstellen der Erde in Form der gewaltigen Erdumspannenden Gebirgskette der „Mittelozeanischen Rücken“, das brennbare Wassereis-Methan-Gemisch so genannter Gashydrate, über 400 Grad Celsius heiße Hydrothermalquellen und Methan atmende Bakteriengemeinschaften. Auch die Lebensbedingungen in mehreren Kilometern Tiefe scheinen außerhalb jeder Norm; totale Dunkelheit, Eiseskälte und ein Druck von einer Tonne pro Quadratzentimeter klingen nicht gerade nach einem Ort, der sich auf unserem Planeten befindet.

Und genau wie die Weiten des Alls geriet auch die geheimnisvolle Welt der Tiefsee schnell ins Visier der menschlichen Neugier. Ein Paradebeispiel für die Erkundung beider Welten ist der Schweizer Wissenschaftler Auguste Piccard. Mit 47 Jahren stellt er 1931 seinen ersten Rekord auf – einen Ballonhöhenrekord, der ihn als ersten Menschen bis in die Stratosphäre in über 15 Kilometern Höhe trägt. Später konzentriert sich Piccard auf die Gegenrichtung und nutzt eben jene Technologie für die Hochdruckumgebung der Tiefsee, die er zuvor für die Druckverhältnisse der Stratosphäre entwickelt hat. Basierend auf der Druckkapsel seiner Ballone entwickelt er das Konzept eines Tauchboots und tauft die Neuentwicklung „Bathyskaph“, zusammengesetzt aus den griechischen Worten für Tiefe („bathos“) und Schiff („skaphos“).

 

Bathyskaph "Trieste"

Bathyskaph „Trieste“ am Haken eines Schwimmkrans in kalifornischen Gewässern © U.S. Naval Historical Center Photograph


Im Auftrag des „Fonds National de la Recherche Scientifique“ baut Auguste Piccard Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts zunächst die Tauchgondel FNRS-2. Danach folgt die legendäre „Trieste“, mit der er schließlich am 30. September 1953 im Mittelmeer als erster Mensch eine Meerestiefe von 3150 Metern erreicht. Etwas mehr als sechs Jahre später nutzt sein Sohn Jacques die „Trieste“, mittlerweile im Besitz der US Navy, und taucht auf den Grund des Marianengrabens, einer Tiefseerinne im westlichen Pazifik. Die dabei erreichte Bestmarke von fast 11 Kilometern Meerestiefe ist nie wieder von einem bemannten Tauchboot gebrochen worden.

Mit Sicherheit ein Grund: Die Kosten-Nutzen-Analyse solcher bemannter Tauchfahrten ging einfach nicht auf. Zu Zeiten der Tiefseerekorde kurz vor und kurz nach der Fahrt des Auguste Piccard ging es noch um die Aktion an sich – frei nach dem englischen Bergsteiger George Mallory, der auf die Frage, warum er den Mount Everest besteigen wolle, antwortete: „Weil er da ist.“ Doch schon bald war klar, dass Aufwand und Kosten durch bemannte Tiefseefahrten in Bathyskaphen in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn standen. Und so konzentrierte sich der technischen Fortschritt mehr und mehr auf unbemannte Tauchfahrzeuge.

 

Tauchroboter CHEROKEE

Tauchroboter CHEROKEE vor seinem Abstieg zum Grund des Schwarzen Meeres. Dort unten machte der kompakte Hightech-Kundschafter im Auftrag des GEOTECHNOLOGIEN-Projekts METRO spektakuläre Aufnahmen sprudelnder Methangasquellen. © MARUM_Forschungszentrum Ozeanränder, Universität Bremen


Durch den Einsatz kompakter Tauchroboter, die über ein Datenkabel bequem vom Forschungsschiff aus ferngesteuert werden können – so genannter „Remotely Operated Vehicles“ (ROVs) – oder auch vollkommen autonom arbeitender „Automated Underwater Vehicles“ (AUVs) braucht es heute keinen menschlichen Piloten mehr, der mit in die Tiefe geht. Dies spart Platz für Nutzlast und ermöglicht kleinere und wendigere Geräte, die kommerziell gebaut und vielfältig eingesetzt werden können. So verlegen Tauchroboter beispielsweise Kommunikationskabel am Meeresboden, fädeln Stromleitungen in die Standfüße großer Offshore-Windräder oder überprüfen unterseeische Pipelines auf Schäden. Vor allem aber sind ROVs und AUVs als moderne Nachfahren der Trieste im Auftrag der Wissenschaften unterwegs und bewegen sich dabei alltäglich an Einsatzorten, deren bloßer Besuch dem Allrounder Auguste Piccard einen Eintrag in den Geschichtsbüchern einbrachte.

Gut ablesen lässt sich die Bedeutung der Tauchroboter an den Forschungsergebnissen, die ohne ihren Einsatz nicht hätten gewonnen werden können. Viele im Rahmen des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN geförderte Projekte, ob Laufende oder bereits Abgeschlossene, setzen ROVs als „Außendienstmitarbeiter“ ein. Etwa als Datensammler, die, wie im Rahmen des Projekts MarGIS geschehen, Meeresböden kartieren und detaillierte Foto- und Videomosaike einer normalerweise vollständig im Dunkeln liegenden Welt liefern. Auch die Erforschung der Gashydrate wäre ohne ROVs wie den französischen VICTOR6000 oder den beiden deutschen Tauchrobotern QUEST und CHEROKEE kaum vorstellbar; als mobile Unterwasserplattformen waren sie beispielsweise bereits für die Projekte COMET, LOTUS und MUMM II im Einsatz.

 

„Moving Lander“

„Moving Lander“ © MARUM_Forschungszentrum Ozeanränder, Universität Bremen

 

Mittlerweile gehören zum Hightechrepertoire der Meeresforscher auch Tauchgefährte wie das autonome Wasserfahrzeug MOVE!, das sowohl wie ein Unterseeboot durchs Wasser schweben als auch wie ein Fahrzeug über den Meeresboden rollen kann. Beim Energie- und Antriebskonzept halten sich die Entwickler hier übrigens an Erfahrungen, die in der Raumfahrt und speziell durch den Betrieb der Marsfahrzeuge „Spirit“ und „Opportunity“ gesammelt werden konnten. Wie weiland Auguste Piccard, der die Technik einer Extremreise zur Realisierung einer anderen nutzte, setzen die Ingenieure beim Bau von „Moving Landern“ auf bewährte Konzepte, deren Einsatzterrain von der Welt der Tiefsee nicht weiter entfernt und dabei kaum unwirklicher als diese sein könnte.

TM, iserundschmidt 09/2007


Mehr zur Geschichte des Bathyskaph „Trieste“ finden Sie hier.

Einen ausführlicheren Einblick in die Welt der Tauchroboter und ihrer unumstrittenen Stars finden Sie auch hier auf planeterde.

Mehr Infos zu den Projekten der zweiten Förderphase des GEOTECHNOLOGIEN-Schwerpunkts „Gashydrate im Geo-/Biosystem“ finden Sie hier.

Verweise
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