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Tor zur Hölle

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Vieles ist heute über Vulkane und ihr Ausbruchverhalten bekannt. Das war vor einigen hundert Jahren noch völlig anders: Damals erklärten sich die Menschen Eruptionen der Feuerberge mit heißen Winden im Erdinneren, brennenden Kohleflözen unter der Oberfläche – oder schlicht mit dem Zorn der Götter.

Über Jahrtausende standen die Bewohner der Erde dem Phänomen von ausbrechenden Vulkanen vollkommen ratlos gegenüber. Da die Feuer spuckenden Berge nicht selten ihre Anwohner ins Verderben stürzten, vermuteten die Menschen in der Antike in ihrem Inneren Eintrittstore zur Hölle. Ausbrüche waren für sie ein sicheres Zeichen, den Zorn der Götter heraufbeschworen zu haben.

Gleichzeitig waren Naturforscher aber auch schon früh bemüht, eine wissenschaftlichere Begründung für das Verhalten von Vulkanen zu finden. Griechische Philosophen wie Anaxagoras und Aristoteles vermuteten etwa, dass heiße Winde durch das Innere der Erde fegen würden. Vulkanausbrüche waren für sie auf die Entzündung von komprimierter Luft zurückzuführen.

Diese Ansätze wurden noch einige Zeit weiterverfolgt, gerieten mit dem Untergang des Römischen Reichs aber zunächst in Vergessenheit. Im dunklen Mittelalter spielte naturkundliches Wissen – das auch zu dieser Zeit durchaus existierte – nur noch eine untergeordnete Rolle. Die allmächtige Kirche war vielmehr daran interessiert, auch Naturkatastrophen in ihrem Sinne zu deuten.


Plutonisten kontra Neptunisten


Dabei kamen manche Thesen aus der Wissenschaft den kirchlichen Strippenziehern durchaus gelegen. Antonio Lazzaro Moro, italienischer Naturforscher, beschäftigte sich Mitte des 18. Jahrhunderts zum Beispiel mit der Frage, warum Spuren von Meerestieren auch auf hohen Bergen gefunden werden können. Seine Erklärung: Das Erdinnere sei mit vulkanischem Feuer erfüllt. Die Kraft dieses Feuers habe den einstigen Meeresgrund zu Bergen aufgefaltet – und so sämtliche Landmassen auf der Erde geschaffen. Wichtig war den Kirchenvertretern vor allem Moros Zusatz „es war der Wille des Schöpfers“.

Verschiedene Erklärungsmodelle spalteten die Geologen zu dieser Zeit in zwei Lager: Während die Gruppe der Neptunisten glaubte, dass Gesteinsschichten durch Sedimentablagerungen aus einem einst die gesamte Erde bedeckenden Ozean entstanden seinen, vertraten die Plutonisten die Ansicht, dass sich Granit und Basalt in einer Schmelze im heißen Erdinneren bilden würden.

Abraham Gottlob Werner, Begründer des Neptunismus, fand für die Ausbrüche von Vulkanen eine bestechend pragmatische Erklärung: Da seine Heimat Sachsen reich an Kohleformationen war und folglich bei allen Vulkanen, die er in seiner Umgebung entdeckte, dieser Gesteinstyp gefunden werden konnte, kombinierte er, dass Vulkane von brennenden Kohleflözen im Erdinneren angefacht werden müssten.


Darwin der Vulkanologie


„Wenn Werner einmal zum Stromboli gereist wäre, zum Ätna oder zum Vesuv, hätte er seine Theorie sofort über den Haufen geworfen – doch leider tat er das nie“, erzählt Dr. Eduard Harms, Diplom-Geologe vom Naturkundemuseum Karlsruhe. Ganz anders seine Gegenspieler: Geologen wie James Hutton oder William Hamilton reisten zu aktiven Vulkanen und brachten wertvolle Proben von ihren Expeditionen mit. „Hamilton ist wohl an die 60-mal den Vesuv hochgestiegen und hat die Kristalle von dort sogar nach England bringen und sie dort untersuchen lassen“, berichtet Harms. So ließen sich Aussagen über ihre chemische und mineralogische Zusammensetzung treffen.

Auch James Hutton erkannte schnell, dass Basalte und vulkanische Gesteine nicht in Wasser entstehen, sondern vielmehr eine Aufschmelzung von festem Gestein sein müssen. „Die Arbeit von Hutton war eindeutig ein Wendepunkt in der voranschreitenden Vulkanforschung“, betont Eduard Harms. So beobachtete der auch als „Darwin der Vulkanologie“ bezeichnete Plutonist auf einer seiner Expeditionen, dass ein Basalt in Sedimentgestein eingedrungen war – abgekühltes Magma, schlussfolgerte Hutton richtig.

In der jüngeren Vergangenheit lieferte besonders der 1980 ausgebrochene Mount St. Helens den Forschern in ihrem Bestreben nach verlässlichen Vorhersagemethoden wichtige, wenn auch schmerzliche Erkenntnisse. Den Vulkan im US-Bundesstaat Washington hatten die Wissenschaftler zwar gründlich untersucht, konnten den Ausbruch letztlich aber nicht vorhersagen. Zur Eruption kam es in einem Moment, als keiner damit rechnete – 57 Menschen verloren ihr Leben. Immerhin sorgte die im Anschluss an die Katastrophe fortgesetzte Erforschung der Eruptionsgeschichte des St. Helens dafür, dass 1991 der Ausbruch des Pinatubo-Vulkans auf den Philippinen besser vorhergesagt werde konnte.


Kurze Geschichte der Vulkanforschung


Von Irrwegen und Durchbrüchen auf dem Weg hin zu einem besseren Verständnis von Vulkanen wird Eduard Harms auch in seinem Vortrag „Eine kurze Geschichte der Vulkanforschung“ berichten, den er am 17. März im Naturkundemuseum Karlsruhe im Rahmen der vom Koordinierungsbüros GEOTECHNOLOGIEN ausgerichteten Wanderausstellung „Unruhige Erde“ halten wird.

Dann wird Harms auch auf die heutige Arbeit von Geowissenschaftlern eingehen, die sich neben der Grundlagenforschung vor allem mit der Überwachung von potentiell gefährlichen Feuerspeiern beschäftigt. „Dabei gehen sie mit ganz verschiedenen Methoden vor, etwa mit der Feldforschung an tätigen Vulkanen, mit geochemischen Untersuchungen an Gesteinen und Mineralien und geophysikalischen Modellierungen“, erklärt Eduard Harms. Letztlich gehe es dabei heute wie in längst vergangenen Zeiten immer um die gleiche, alles entscheidende Frage: „Wie funktioniert ein Vulkan?“



Vortrag: „Eine kurze Geschichte der Vulkanforschung“


Dr. Eduard Harms berichtet über die bewegte Geschichte der Vulkanforschung, beleuchtet aber auch aktuelle Erkenntnisse und Methoden auf diesem Gebiet. Auch die Frage „Wie verlässlich lassen sich Vulkanausbrüche heute vorhersagen?“ wird im Rahmen seines Vortrags thematisiert.

Ort: Staatliches Museum für Naturkunde Karlsruhe, Erbprinzenstraße 13, 76133 Karlsruhe.
Zeit: Dienstag, 17. März 2009, 18:30 Uhr.

RD, iserundschmidt 03/2009


Das Staatliche Museum für Naturkunde in Karlsruhe ist die neunte von insgesamt zehn Stationen der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die noch bis Sommer 2009 durch Deutschland tourt und nach Karlsruhe noch in Rostock zu sehen sein wird. Weitere Informationen zur Karlsruher Station der Wanderausstellung finden Sie hier (PDF-Datei). Allgemeine Infos zur Ausstellung gibt es auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN.

Verschiedene abgeschlossene und laufende Projekte zur Erforschung von Vulkanen wurden im Rahmen des FuE-Programm GEOTECHNOLOGIEN initiiert, so zum Beispiel „SUNDAARC – Hochrisikovulkanismus am aktiven Kontinentrand des Sundabogens“ und „EXUPERY – Managing Volcanic Unrest – The Volcano Fast Response System“.

Passend zu seinem Vortrag empfiehlt Eduard Harms zwei Bücher:

Abenteuer Geschichte, Bd. 32, „Vulkane, Feuer der Erde“ von Maurice Krafft, Ravensburger Buchverlag (1993).
Harms
: „Ein toll gemachtes Buch zur Geschichte der Vulkanforschung mit sehr schönen Farbabbildungen. Ein opulentes Werk, obwohl es ein kleines Taschenbuch ist.“

“Melting the Earth: The History of Ideas on Volcanic Eruptions” von Haraldur Sigurdsson, Oxford University Press (1999).
Harms: “Ein sehr detailliertes Werk von einem der berühmtesten Vulkanologen weltweit. Bei der Vorbereitung auf meinen Vortrag hat mir dieses sehr anschauliche Buch gute Dienste erwiesen.“



Verweise
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