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Trügerische Ruhe

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Erdbeben und Vulkanausbrüche werden in Deutschland in der Regel nur als Teil der Medienberichterstattung wahrgenommen, wenn sich Naturkatastrophen in oft weit entfernten Ländern ereignet haben. Dabei schlummern auch unter unseren Füßen Gefahren, die vor ihrem Auftreten nur schwer erkannt werden können.

Wird es in Deutschland auf absehbare Zeit noch einmal aktiven Vulkanismus geben? Kann bei uns die Erde beben, wie sie es im April im italienischen L’Aquila tat, wo fast dreihundert Menschen ihr Leben und Tausende ihr Heim verloren? Konnten inzwischen Fortschritte bei der Vorhersage von Erdbeben oder Vulkanausbrüchen erzielt werden?

Mit diesen Themen beschäftigt sich Professor Martin Meschede vom Institut für Geographie und Geologie der Uni Greifswald am 25. Juni im Rostocker Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum. Sein Vortrag mit dem Titel „Erdbeben und Vulkane als Ursachen für Katastrophen: Ist so etwas auch bei uns in Deutschland möglich?“ findet im Rahmen der vom FuE-Programm GEOTECHNOLOGIEN ausgerichteten Wanderausstellung „Unruhige Erde“, die noch bis zum 25. Oktober in Rostock zu sehen sein wird. planeterde sprach mit Professor Meschede über einige Aspekte seines Vortrags.

Martin Meschede


Prof. Dr. Martin Meschede, Universität Greifswald (Foto: Jan Meßerschmidt, Universität Greifswald)

planeterde: Herr Professor Meschede, gleich die wichtigste Frage vorneweg: Wie akut ist die Erdbebengefahr in Deutschland?

Meschede: Im Abstand von 30 bis 40 Jahren wackelt im Südwesten von Deutschland regelmäßig die Erde. Das letzte größere Beben war 1978, davor in den Jahren 1911 und 1943. Orientiert man sich an dieser Wiederholungsrate, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es in dieser Gegend in absehbarer Zukunft zu einem weiteren Erdbeben kommt, relativ hoch. Es wird aber höchstwahrscheinlich nicht die katastrophalen Ausmaße annehmen, die es im April in Italien zu verzeichnen gab. Das bisher letzte Beben, das auch in Deutschland nennenswerte Schäden verursacht hat, hatte 1992 sein Epizentrum in Roermond in den Niederlanden. Mit einer Stärke von 6,0 auf der Richter-Skala hat es sich bis nach Bonn ausgewirkt, wo leider auch eine Frau ums Leben gekommen ist.

planeterde: Kann auch in anderen deutschen Regionen die Erde spürbar beben?

Meschede: Auch im Norden Deutschlands kann man nicht davon ausgehen, dass es immer ruhig bleibt. Erst Mitte Dezember letzten Jahres fand in Schonen, einer Provinz im Süden Schwedens, ein kleines Erdbeben statt, das auch auf Rügen noch spürbar war. Die Wahrscheinlichkeit, dass in diesen Regionen die Erde bebt, ist aber natürlich nicht mit der von Hochrisikogebieten wie San Francisco oder Tokio zu vergleichen. Nur ausschließen können wir das auch dort nicht. Das kann man nirgendwo auf der Erde.

planeterde: Ist die große Gefahr, die von Naturkatastrophen ausgeht, nicht teilweise auch ein vom Menschen verursachtes Problem – schließlich werden risikoreiche Gebiete immer dichter besiedelt.

Meschede: Das ist sicherlich richtig. 1964 gab es zum Beispiel in Alaska eines der schwersten Erdbeben, die je gemessen wurden. Zum Glück ereignete es sich aber in einer kaum bewohnten Gegend, wodurch zusammen mit dem sich anschließenden Tsunami insgesamt 125 Toten zu beklagen waren; den Umständen entsprechend eine vergleichsweise geringe Zahl. Wäre ein Ballungsraum von diesem Beben betroffen gewesen, hätten möglicherweise Hunderttausende ihr Leben verloren.

planeterde: Zu einem anderen Aspekt Ihres Vortrags: Naturkatastrophen sind in der deutschen Medienberichterstattung allgegenwärtig. Aber wie sieht es vor diesem Hintergrund eigentlich mit dem geowissenschaftlichen Verständnis in unserer Gesellschaft aus?

Meschede: Heute wird viel über Geowissenschaften geredet. Schauen Sie sich zum Beispiel die ganze Diskussion um den Klimawandel an. Dabei ist jedoch auffällig, dass sich die Leute häufig mit den Zeiträumen und Mengenangaben in geologischen Dimensionen schwer tun.

planeterde: Können Sie hierfür ein Beispiel geben?

Meschede: Am Laacher See in Rheinland-Pfalz ereignete sich vor rund 13.000 Jahren ein Vulkanausbruch mit einer Vernichtungswirkung von 500 Hiroshima-Bomben. Für die Menschheitsgeschichte fand dieser Ausbruch vor einer ziemlich langen Zeit statt. Nach geologischen Maßstäben ist er allerdings erst vor einer Sekunde geschehen. Wenn man nun die Behauptung aufstellt, ein Ausbruch eines bestimmten Vulkans sei wahrscheinlich, macht dies nur Sinn, wenn man auch ganz klar dazu sagt, auf welche Zeitdimension sich diese Aussage bezieht. In meinem Vortrag möchte ich deshalb unter anderem den Zusammenhang zwischen Geologie und unserem heutigen Leben mit seiner enormen Geschwindigkeit beleuchten.

planeterde: Zu einem anderen Naturereignis: Wäre ein Vulkanausbruch vor unserer Haustür, etwa in der Eifel, eigentlich vorhersehbar?

Meschede: Ein Vulkanausbruch ist viel besser vorhersehbar als ein Erdbeben, ist aber zumindest in Deutschland auch viel unwahrscheinlicher. Anhand von sogenannten Mofetten, das sind kohlendioxidhaltige Quellen in Vulkangebieten, wie sie sich beispielsweise auch am angesprochenen Laacher See bilden, lässt sich auf die Aktivität im Untergrund schließen. Nur wenn solche schlafenden Vulkane unter Beobachtung stehen, können entsprechende Maßnamen bei einer erhöhten Aktivität unternommen werden.

planeterde: Besteht denn die Hoffnung, dass auch bevorstehende Erdbeben auf absehbare Zeit vorhersehbar sein werden?

Meschede: Zu diesem Thema existieren unterschiedliche Meinungen. Es gibt sicherlich Fachleute, die davon ausgehen, dass man bald dazu in der Lage sein wird. Dies könnte eines Tages mit Hilfe einer großen Anzahl seismischer Stationen gelingen. Ein Erdbeben ist jedoch ein mathematisch gesehen so komplexes, chaotisches System, dass es niemals möglich sein wird, vorherzusagen, ob sich etwa ein 5er- oder 8er-Beben ankündigt.

planeterde: Aber ist denn nicht allein die Möglichkeit, ein Beben vorauszusagen, ausreichend? Mit einer Evakuierung könnte doch unabhängig von der genauen Stärke das Schlimmste verhindert werden.

Meschede: Stellen Sie sich einmal vor, Geologen sagen für eine Stadt wie Tokio, welche zu den größten Städte der Welt zählt, ein Erdbeben voraus. Die Regierung verlässt sich auf diese Aussage und die Stadt wird großräumig evakuiert. Anschließend folgt ein 4er-Erdbeben. Von einem solchen Beben würde die Bevölkerung nicht einmal etwas merken, der Schaden für die Wirtschaft wäre jedoch ungeheuerlich. Die Leute würden bei der nächsten Warnung vielleicht einfach zu Hause bleiben. Stünde dann jedoch auf der Richter-Skala eine 8, läge Tokio in Schutt und Asche.

planeterde: Herr Professor Meschede, vielen Dank für dieses Gespräch.

SK, iserundschmidt 06/2009


Vortrag: „Erdbeben und Vulkane als Ursachen für Katastrophen: Ist so etwas auch bei uns in Deutschland möglich?“

Professor Martin Meschede berichtet über mögliche Gefahren, die durch Erdbeben und Vulkanausbrüche in Deutschland verursacht werden könnten. Auch die Schwierigkeit, diese Naturkatastrophen vorauszusagen, wird in seinem Vortrag thematisiert.

Ort: Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum Rostock, Konferenzraum des Traditionsschiffes im IGA Park, Liegeplatz Schmarl, 18106 Rostock.

Zeit: Donnerstag, 25. Juni 2009, 17:00 Uhr.

Das Schiffbau- und Schifffahrtsmuseum in Rostock ist die zehnte und (vorerst) letzte Station der Wanderausstellung "Unruhige Erde", die seit 2006 durch Deutschland tourt. Weitere Informationen zur Rostocker Station der Wanderausstellung finden Sie hier.

Allgemeine Infos zur Ausstellung gibt es auf den Seiten der GEOTECHNOLOGIEN.

Verschiedene abgeschlossene und laufende Projekte zur Erforschung von Erdbeben und Vulkanen wurden im Rahmen des FuE-Programm GEOTECHNOLOGIEN initiiert, so zum Beispiel „RAPID – Rapid Automatic Determination of Seismic Source Parameters“ und „EXUPERY – Managing Volcanic Unrest – The Volcano Fast Response System“.

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