Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Archiv Aus der Praxis „Hier kann Forschung einen konkreten gesellschaftlichen Beitrag leisten“

„Hier kann Forschung einen konkreten gesellschaftlichen Beitrag leisten“

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Geotechnologien öffentlich machen, Ausstellungen planen, Geoforscher und Unternehmer vernetzen – neun Jahre lang war das das Tagesgeschäft von Ludwig Stroink. Ende August 2009 ist er als Leiter der Geschäftsstelle GEOTECHNOLOGIEN ausgeschieden. Im Gespräch mit planeterde zieht er ein erstes Resümee.

Seit Oktober 2000 leitete Ludwig Stroink die Geschicke des von ihm mit aufgebauten Koordinierungsbüros für das gemeinsam von der DFG und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Forschungs- und Entwicklungsprogramm GEOTECHNOLOGIEN. Insgesamt knapp 100 Projekte hat er dabei direkt oder indirekt begleitet, darunter Themen, die neue technische Standards setzten, die gesellschaftlich und politisch heiß diskutiert wurden und sogar Bestsellerautoren inspirierten. Im Herbst letzten Jahres hat der 50jährige Geowissenschaftler seinen Posten bei den GEOTECHNOLOGIEN gegen den des Leiters "Wissenschaftliche Kooperationen und Internationale Zusammenarbeit" im Wissenschaftlichen Vorstandsbereich des Helmholtz-Zentrums Potsdam, Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ getauscht. Wir sprachen mit Ludwig Stroink über vergangene Projekte und zukünftige Herausforderungen.

planeterde: Herr Dr. Stroink, neun Jahre lang waren Sie Leiter des Koordinierungsbüros GEOTECHNOLOGIEN. Welches persönliche Fazit ziehen sie aus Ihrer Arbeit dort?

Stroink: Ein wichtiges Fazit aus meiner Sicht ist, dass es allen Beteiligten gelungen ist, ein in seiner fachlichen Breite und in seinem Förderansatz sehr ambitioniertes Forschungsprogramm erfolgreich umzusetzen. Das konnte letztlich nur durch ein gemeinsames Engagement von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Steuerungsausschuss, Koordinierungsbüro und Förderorganisationen gelingen. Allein durch das BMBF wurden bislang knapp 100 Verbundprojekte gefördert. Hinzu kommen zahlreiche Schwerpunktprogramme der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die unter dem „Dach“ der GEOTECHNOLOGIEN durchgeführt werden. Bis heute haben sich 45 Universitäten und 32 Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen an den Verbundprojekten beteiligt – mit zunehmender Tendenz. Das Programm erfüllt damit einen ganz wichtigen Anspruch moderner Forschung: Einen Rahmen zu bieten, in dem sich leistungsfähige globale Netzwerke aus Universitäten und Außeruniversitären Forschungseinrichtungen bilden und erfolgreich profilieren können. Nicht vergessen sollte man in diesem Kontext die stetig ausgebaute Zusammenarbeit mit der Industrie. Hier konnten wir in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielen. Bis heute haben sich weit über 50 Unternehmen an den Projekten der GEOTECHNOLOGIEN beteiligt. Eine Reihe technologischer Neuentwicklungen konnten patentiert, bzw. lizensiert werden und die Initiative Geotechmarket, ein neues Instrument des Technologietransfers, zeigt erste Erfolge.

planeterde: Welchen Forschungsschwerpunkt, welches Projekt hat Sie persönlich am meisten fasziniert? Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Stroink: Es fällt schwer, hier zu differenzieren. Schauen Sie sich die Themenschwerpunkte doch einmal an: Fast alle haben einen direkten Bezug zu unserem Alltag. Für mich ein ganz besonderer Reiz, da Forschung hier einen konkreten gesellschaftlichen Beitrag leisten kann. Eine Erfolgsgeschichte der GEOTECHNOLOGIEN ist aber ohne Zweifel die technische Entwicklung der Kleinsatelliten CHAMP, GRACE und GOCE, ihr Einsatz in internationalen Satellitenmissionen sowie die Auswertung und Anwendung der hier gewonnenen Daten. Seit 2001 bietet das Programm den idealen Rahmen für interdisziplinäre, grenzüberschreitende Vorhaben dieser Größenordnung. Nicht zuletzt durch diese intensive Förderung konnte sich Deutschland – unter Federführung des Deutschen GeoForschungsZentrums (GFZ) und der TU-München – auf diesem High-Tech-Gebiet inzwischen weltweit profilieren.

Das frühzeitige Aufgreifen innovativer und visionärer Forschungsthemen zeigt auch in anderen Forschungsschwerpunkten sichtbare Erfolge. Beispiele sind die weltweit vernetzten Arbeiten zur Erforschung der Gashydrate oder der CCS-Technologie („Carbon Dioxide Capture and Storage“, Anm. d. Red.). Diese Technologie könnte eines Tages einen wichtigen Beitrag zur Reduzierung der anthropogenen CO2-Emissionen leisten. Schon 2005 wandte sich das Programm GEOTECHNOLOGIEN diesem neuen Forschungsfeld zu, mit verschiedenen Forschungsprojekten zur geologischen Speicherung des Klimagases CO2. Diese Projekte waren die ersten bundesweit koordinierten Aktivitäten zu dieser Thematik. Heute ist Deutschland ein gefragter Partner auf diesem technologischen Zukunftsfeld, das damit ein weiteres Beispiel für die vorausschauende Forschungsplanung in den GEOTECHNOLOGIEN ist.

Vor Ort

Ludwig Stroink (rechts) vor Ort – hier im Gespräch mit Geowissenschaftlern, Unternehmern und Journalisten an der CO2-Testlagerstätte im brandenburgischen Ketzin. © GEOTECHNOLOGIEN 

 

planeterde: Das klingt nach einer Erfolgsstory. Aber, Hand aufs Herz, was hätte besser laufen können?

Stroink: Ich glaube, Optimierungsbedarf gibt es noch dahingehend, die zahlreichen Verbundprojekte zwischen Wissenschaft und Wirtschaft im Sinne eines übergreifenden Systemverständnisses gezielter aufeinander abzustimmen – ein sicherlich sehr ambitionierter Ansatz, dessen praktische Umsetzung einen langen Atem benötigt. Die kontinuierliche Arbeit des Steuerungsausschusses, der internationalen Gutachter und der Geschäftsstelle zeigt aber Erfolge. Nicht nur in den einzelnen Kernbereichen werden Synergiepotenziale gezielt genutzt. Auch darüber über hinaus existiert eine vielfach enge Kooperation der unterschiedlichen Verbundprojekte. Die enge Zusammenarbeit mit internationalen Partnern ist aufgrund des globalen Ansatzes des Programms selbstverständlich.

planeterde: Wie werden sich die GEOTECHNOLOGIEN in Zukunft entwickeln? Welche Aufgaben werden Ihrer Meinung nach auf das Programm zukommen?

Stroink: Das Programm und die ausgezeichneten Forschungsergebnisse genießen inzwischen internationale Anerkennung. Deshalb wurde die Laufzeit erst kürzlich um weitere fünf Jahre durch das BMBF verlängert. In wenigen Tagen erscheint die vierte Auflage der Programmschrift GEOTECHNOLOGIEN, die sich erneut an den großen gesellschaftlichen Fragestellungen orientiert. Mehr als 60 Experten unterschiedlichster Disziplinen und Forschungseinrichtungen waren an ihrer Fertigstellung beteiligt. Ich bin mir sicher: Solange dieser in weiten Teilen „Bottom-up“ gesteuerte Prozess auch weiterhin Anwendung findet, wird es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch in den nächsten Jahren gelingen, hochaktuelle Themen aufzugreifen und wissenschaftliche wie technologische Maßstäbe zu setzen.

planeterde: Soviel zur Zukunft des Programms. Welche Aufgaben werden denn in Zukunft auf Sie zukommen? Werden Sie auch in Ihrer neuen Position noch mit den GEOTECHNOLOGIEN in der einen oder anderen Weise zu tun haben?

Stroink: Ich denke ja. In meinem neuen Verantwortungsfeld „Wissenschaftliche Kooperationen und internationale Zusammenarbeit“ im Vorstandsbereich des Deutschen GeoForschungsZentrums werde ich ganz automatisch mit dem einen oder anderen Projekt der GEOTECHNOLOGIEN zu tun haben. Unentbehrlich werden jedoch die Erfahrungen und die zahlreichen nationalen und internationalen Kontakte sein, die ich in den letzten Jahren sammeln konnte.

planeterde: In einem früheren Interview mit planeterde kündigten Sie für 2010 eine weitere GEOTECHNOLOGIEN-Wanderausstellung an. Werden Sie trotz ihres Ausscheidens aus dem Koordinierungsbüro an dieser Ausstellung noch konzeptionell mitarbeiten?

Stroink: Nein. Die erste Planungsphase habe ich noch begleitet. Mit dem Ausscheiden aus dem Koordinierungsbüro ist meine Mitarbeit aber auch dort beendet.

planeterde: Was können Sie Ihrer Nachfolgerin, Frau Dr. Ute Münch, mit auf dem Weg geben?

Stroink: Den Wunsch, dass sie die Freude und Zufriedenheit an der Arbeit findet, die ich während der Aufbauphase des Programms und in den darauf folgenden Jahren hatte.

planeterde: Herr Dr. Stroink, vielen Dank für dieses Gespräch.


Mehr zum Helmholtz-Zentrum Potsdam, Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ finden Sie hier. Die Programmzeitschrift GEOTECHNOLOGIEN können Sie hier herunterladen.

TM, iserundschmidt 01/2010