Die Wellenspäher von Hamburg
Tsunamis, durch Seebeben ausgelöste Flutwellen, richten immer wieder verheerende Schäden an. Hamburger Meeresforscher arbeiten an einem „Wellen-Radar“, das vor den anrückenden Wassermassen warnen soll.
Der Begriff stammt aus dem Japanischen und ist dennoch im deutschen Sprachgebrauch längst verankert: „Tsunami“. Übersetzt bedeutet das Wort so viel wie „Hafenwelle“ – eine zugegebermaßen beschauliche Umschreibung für gewaltige Wassermassen, die Küstenregionen überrollen und Menschenleben fordern. Erst im September dieses Jahres traf ein Tsunami den pazifischen Inselstaat Samoa, eine andere Flutwelle richtete auf der indonesischen Insel Sumatra schwere Verwüstungen an.
Vulkanausbrüche,
Hangrutschungen, selbst Kometen-Einschläge können Tsunamis auslösen. Im
Allgemeinen sind jedoch Seebeben die Ursache. Aber nicht jedes Beben erzeugt
eine Flutwelle. Gegenwärtige Frühwarnsysteme werten daher eine Vielzahl von
Parametern aus, um einen Tsunami möglichst zuverlässig erkennen zu können. Die
Messdaten stammen beispielsweise von Messbojen und Unterwassersensoren.
Meeresforscher der Universität Hamburg verfolgen einen anderen Ansatz: Unter
dem Motto „WeraWarn“ arbeiten sie gemeinsam mit einem Partnerunternehmen an
einem „Wellen-Radar“, das Bewegungen der Meeresoberfläche überwacht. Das
Projekt wird im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprogramm GEOTECHNOLOGIEN
gefördert.
Bewährte Technik
Die Hamburger Wissenschaftler knüpfen mit ihren Arbeiten an das bestehende Radarsystem WERA (die Abkürzung steht für WEllen RAdar) an. Es erfasst den Wellengang sowie Strömungen an der Meeresoberfläche. Neben Forschungszwecken dient das System beispielsweise der französischen Marine dazu, die Ausbreitung von auf dem Meer treibenden Ölteppichen vorherzusagen. „Wir testen, ob dieses Verfahren auch als Teil eines Frühwarnsystems infrage kommt“, so Detlef Stammer, Projektkoordinator am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg. „Ein sich auftürmender Tsunami erzeugt Strömungen. Dieses Strömungsmuster, das sich in Küstennähe ausbildet, ist unser Anknüpfungspunkt. Die Frage ist nun, ob sich dieses Muster aus dem allgemeinen Geschehen an der Wasseroberfläche herausfiltern lässt.“
Letztlich verfolgen diese Arbeiten ein Ziel: Die Zuverlässigkeit von Tsunami-Warnungen zu verbessern. Denn bestehende Frühwarnsysteme reagieren bisweilen überempfindlich: Sie schlagen auch dann Alarm – was mitunter umfangreiche Evakuierungsmaßnahmen zur Folge hat – wenn sich keine Flutwelle der Küste nähert. „Uns geht es darum, festzustellen, ob wirklich ein Tsunami kommt“, sagt Stammer.
Wellen reiten auf dem Wasser
Zentrale
Komponente des Messsystems sind diverse Stab-Antennen, die über eine Strecke
von etwa 200 Metern längs der Küste postiert sind. Die Anlage emittiert
elektromagnetische Wellen und empfängt auch das Echo, das diese Wellen bei
Reflektion an der Wasseroberfläche erzeugen. Die Reflexionen sind immer dann
besonders stark, wenn die Wellenlänge der elektromagnetischen Welle und der
Abstand der Wellenberge auf der Wasseroberfläche in einem ganz bestimmten Zahlenverhältnis
zueinanderstehen. Man spricht von „Bragg Effekt“. Aus dem zurückgestreuten
Signal können die Forscher dann neben der Höhe der Wasserwellen auch die
Geschwindigkeit und die Richtung von Meeresströmungen ermitteln. Das ist
ähnlich wie bei „Radar-Fallen“, mit denen die Verkehrspolizei Tempo-Sündern
nachspürt.
Antennen-Anlage des Wellen-Radars WERA an der bretonischen Küste (Foto: Thomas Schlick)
Der Aktionsradius
des Wellen-Radars ist jedoch ungleich größer. „Wenn wir einen Tsunami
rechtzeitig entdecken wollen, dann sollte das System durchaus 250 Kilometer
weit gucken können“, meint Klaus-Werner Gurgel, der ebenfalls am Hamburger
Institut für Meereskunde arbeitet. Entscheidend für die Reichweite ist die Wahl
der passenden Sendefrequenz. Das System arbeitet daher mit elektromagnetischen
Wellen im Megahertz-Bereich. Im Fachjargon spricht man auch vom
„Hochfrequenz-Bereich“ und dementsprechend von einem „HF-Radar“. Außerdem
bedienen sich die Wissenschaftler eines besonderen Phänomens. „Wir nutzen die
sogenannte Bodenwelle“, erläutert Gurgel. „Solche Wellen bewegen sich entlang
einer leitenden Schicht. Das ist in diesem Fall das salzige Wasser des Ozeans.
Die elektromagnetische Welle klebt gewissermaßen an der Meeresoberfläche und
breitet sich somit bis weit hinter den Horizont aus.“
Bremsklotz Schelfkante
Die Ursache eines
Tsunami hingegen spielt sich meist tief unter dem Meeresgrund ab: Es ist ein
Beben, das den Boden des Ozeans erschüttert und damit auch die darüber
liegenden Wassermassen in Schwingung versetzt. Diese Störung breitet sich mit
der Geschwindigkeit eines Düsenjets in alle Himmelsrichtungen aus. Auf hoher
See kaum bemerkbar, kann sie sich in Küstennähe zu einem Tsunami auftürmen. Der
Vorgang setzt im Bereich der Schelfkante ein, wo die Tiefsee in flache
Küstengewässer übergeht und der Meeresboden zunehmend ansteigt. Die Hamburger
Forscher setzen darauf, einen anrückenden Tsunami bereits zu diesem Zeitpunkt
und damit möglichst weit vor der Strandlinie erkennen zu können. An der
Schelfkante verliert die sich im Wasser ausbreitende Störung an Geschwindigkeit.
„Doch die Energie muss ja irgendwo hin“, sagt Gurgel. „Das bedeutet, dass
Strömungen in der gesamten Wassersäule angeregt werden. Die sehen wir dann auch
an der Oberfläche.“
Kurze „Integrationszeiten“ gefragt
Um derlei
Wasserbewegungen nachweisen zu können, müsse das aktuelle Wellen-Radar
insbesondere hinsichtlich der „Integrationszeiten“ modifiziert werden,
berichten die Hamburger Forscher. Dabei geht es um jene Zeitspanne, während der
das System Messdaten mittelt. „Ein Ergebnis von WeraWarn ist die maximal
möglich Integrationszeit, um einen Tsunami überhaupt noch erkennen zu können“,
so Gurgel. „Wenn wir in der Ozeanografie Strömungen messen, nehmen wir
neun-Minuten-Mittelwerte. Beim Seegang mitteln wir typischerweise über 18
Minuten. Für den Tsunami jedoch müssen wir runter auf zwei Minuten. Die Welle
läuft ja sehr schnell. Mitteln wir zu lange, werden die Strukturen, die sich an
der Meeresoberfläche abbilden, einfach verschmiert.“
Vorwarnzeit
Vorausgesetzt der
Tsunami würde an der Schelfkante erkannt, wie viel Zeit würde verstreichen, bis
die Welle die Küste erreicht? Die Forscher haben sich auch mit dieser Frage
befasst. Sie ist von zentraler Bedeutung für die „Vorwarnzeit“, das ist jene
Zeitspanne, die der Bevölkerung bliebe, um sich in Sicherheit zu bringen. Die
Geschwindigkeit eines Tsunami in Küstennähe hängt ab von der Struktur des
Schelfs sowie von der Entfernung zwischen Schelfkante und Küste. Für eine
Modellrechnung haben die Hamburger Wissenschaftler die Schelfkante 100
Kilometer vor die Küste verlegt und die Wassertiefe – beginnend bei 200 Metern
Tiefe – in Richtung Strandlinie kontinuierlich ansteigen lassen. „Unter diesen
Voraussetzungen haben wir eine Laufzeit von 40 bis 45 Minuten“, berichtet
Gurgel.
Stand der Entwicklungen
Konkrete Pläne für einen Testbetrieb gibt es noch nicht. Doch die technischen Verbesserungen des Wellen-Radars – sie wurden von einer Partnerfirma durchgeführt – sind weitgehend abgeschlossen. Insbesondere war das System bislang nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt und musste umgerüstet werden. „Ein Tsunami würde uns sonst durch die Lappen geben“, gibt Gurgel zu bedenken. Des Weiteren wurden am Institut für Meereskunde der Universität Hamburg umfangreiche Computersimulationen durchgeführt. Dabei ging es unter anderem um die Frage, was das Wellen-Radar von den Strömungsmustern tatsächlich „sieht“, die für einen Tsunami typisch sind. In der Entwicklung ist zudem die Software, die die verräterischen Strömungssignaturen aus dem allgemeinen Hintergrundrauschen herausfischen soll. Obwohl sich das System also noch im Feldversuch bewähren muss, Klaus-Werner Gurgel ist optimistisch: „Wenn der Tsunami stark genug ist, werden wir ihn sehen. Da bin ich mir recht sicher.“
MN, iserundschmidt 10/2009
Weitere Informationen zum Projekt WeraWarn finden Sie hier. Näheres zur Funktionsweise des HF-Radar finden Sie auf dieser Seite.






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