Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Archiv Aus der Praxis Dream Team

Dream Team

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Forschen und entwickeln bis zur Marktreife – für diesen mitunter steinigen Weg holen Wissenschaftler immer öfter Industriepartner mit ins Boot. Der Wirtschaftsexperte und Geograph Werner Dransch zeigt, wie dieses Teamwork unter dem Dach des Forschungs- und Entwicklungsprogramms GEOTECHNOLOGIEN gefördert wird.

Die Duisburger TraffGo HT simuliert Menschenmassen, wie sie über Volksfeste und durch Fußballstadien strömen, als Grundlage für Risikoanalysen und Evakuierungsszenarien. 430 Kilometer entfernt erstellt die Potsdamer RSS Remote Sensing Solutions fotorealistische 3D-Karten aus verschiedensten Satellitendaten. Zwei Kleinunternehmen, die seit einigen Monaten ein gemeinsames neues Aufgabengebiet haben: die von Tsunamis bedrohten Gebiete Südostasiens, speziell die indonesische Hafenstadt Padang. RSS liefert dreidimensionale Risikokarten der Region, TraffGo HT mittels computersimulierter Fußgängerströme Evakuierungsanalysen für ihre Bewohner.

Beide Firmen gehören zu den mehr als einem halben Dutzend Partnern des GEOTECHNOLOGIEN-Projekts LASTMILE, das für die 800.000 Einwohner große Stadt an der Westküste Sumatras eine effektive Frühwarnkette entwickeln will. Dabei ist LASTMILE nicht nur ein typisches Projekt des Forschungsschwerpunkts „Frühwarnsysteme im Erdmanagement“, sondern vor allem ein Paradebeispiel für eine Teamarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft, wie sie in Zukunft bei immer mehr Projekten der GEOTECHNOLOGIEN zum Standard werden soll.

Industrieengagement fördern

 

Im FuE-Programm präsent sind Unternehmen schon seit Beginn der Laufzeit im Jahre 1999. Über 5 Millionen Euro Investitionen kommen allein von Industriepartnern; an den über 140 abgeschlossenen und noch laufenden Projekten sind neben Universitäten und außeruniversitären Forschungsinstituten insgesamt 38 Industriepartner beteiligt. Die bisher größte Gruppe stellen kleinere Software-Schmieden wie RSS oder TraffGo HT, deren Wurzeln selbst im Forschungsbetrieb liegen, aber auch Mittelständler wie der deutsche Tunnelbauer Herrenknecht und Großunternehmen wie RWE, Vattenfall Mining & Generation oder die deutsche Vertretung von Gaz de France finden sich unter den Projektpartnern.

„Wir haben bereits gute Kontakte zu Industrieunternehmen, die sich im Rahmen unterschiedlicher Verbundprojekte beteiligen“, so Werner Dransch vom Koordinierungsbüro GEOTECHNOLOGIEN. „Wir wollen aber darüber hinaus auch neue Unternehmen ansprechen, die sich bisher nicht beworben haben.“ Zur Zielgruppe gehören dabei gerade auch kleine und mittelständische Unternehmen – wie die des Projekts LASTMILE. „Hier sind es kleine Ingenieurbüros, die auf Basis von open-source-Lösungen bereits Produkte anbieten und diese auch weiterentwickeln“, erläutert Dransch. Der ausgebildete Geograph kommt selbst aus dem Bereich der Geoinformatik, ergänzt um ein Masterstudium „Wissenschaftsmarketing und -kommunikation“. Seit Sommer 2007 ist er innerhalb des Koordinierungsbüros GEOTECHNOLOGIEN für den Bereich der Wissenschaft-Wirtschaft-Kooperationen verantwortlich.

Genau auf diesem Sektor soll in Zukunft mehr geschehen als bisher. „Der Technologietransfer war von Hause aus schon eine Säule des Programms GEOTECHNOLOGIEN, neben der Öffentlichkeitsarbeit und der Wissenschaftskoordination“, betont Werner Dransch. „Es zeigt sich aber, dass nach rund sieben Jahren Laufzeit des Programms man doch verstärkt darauf Wert legen sollte, Synergien zwischen den Verbundprojekten sowie zwischen den Unternehmen und Wissenschaftlern zu identifizieren und zu verbessern.“ Eine nachhaltigere Betreuung der einzelnen Projektpartner, Erleichterung des Zugangs zum Programm für Unternehmen – diese Punkte sollen zu einer weiteren Stärkung der Industriepräsenz im Programm führen.

 

Dauerhaft “State of the Art”

 

Doch welchen Stellenwert haben FuE-Programme wie die GEOTECHNOLOGIEN bzw. die Beteiligung an ihnen für Unternehmen überhaupt? Dazu Thomas Edelmann von der badischen Herrenknecht AG: „Programme dieser Art ermöglichen Entwicklungsschritte, die vom einzelnen nicht erbracht werden können oder immer nur Teileaspekte abdecken.“ Herrenknecht, Marktführer im Bereich des Tunnelvortriebs, ist GEOTECHNOLOGIEN-Partner innerhalb des Themenschwerpunkts „Erkundung, Nutzung und Schutz des unterirdischen Raumes“.

Die notwendige Bündelung von Kompetenzen, die Edelmann anspricht, ist vor allem ein wichtiges Argument für kleinere Firmen ohne eigene Forschungskapazitäten, für die der Zugang zum Programm auch Zugang zu finanzieller Förderung und einem umfassenden Forscherpool bedeutet. Aber für ein Unternehmen wie Herrenknecht? Bei dem Mittelständler mit Stammsitz in Schwanau – Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich, knapp 1800 Mitarbeiter stark – sitzen die Wissenschaftler in der konzerneigenen Forschungsabteilung. Für deren Leiter Thomas Edelmann macht dies jedoch keinen Unterschied. Was zählt, ist der Blick über den eigenen Tellerrand: „Neben der gegenseitigen Nutzung von Wissen und Erfahrung bedeuten Fördermaßnahmen wie das Programm GEOTECHNOLOGIEN natürlich auch, die am Problem orientierte Lösung mit der größten Wirtschaftlichkeit ausfindig zu machen“, so der Bauingenieur, „Damit werden Herrenknecht Produkte aus verschiedenen Blickwinkeln optimiert und bleiben so dauerhaft ‚State of the Art’.“

 

Hightech unter dem Gotthard


Hightech unter dem Gotthard. Im Bereich Tunnelbau engagiert sich das badische Unternehmen Herrenknecht im GEOTECHNOLOGIEN-Projekt AUTOSEIS – als Partner eines Teams aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. © AlpTransit Gotthard AG

 

Und die Forschungsgruppen? Welche Vorteile ziehen sie nach Meinung der Experten aus einer Kooperation mit den Unternehmen. Thomas Edelmann sieht hier vor allem die Nähe zur Anwendung: „Für die Hochschulen bedeutet es die Möglichkeit, praxisnahe Forschung zu betreiben, die in der Regel schnellstens umgesetzt wird. Damit kann man auch im universitären Wettbewerb seinen Studenten interessante und herausfordernde Aufgaben stellen.“ Nähe zur Praxis, Zugang zu marktwirtschaftlichem Know-How und bereits auf dem kommerziellen Sektor bewährten Produkten –so trifft langjährige Tsunamiforschung auf bewährte Evakuierungsprogramme wie bei LASTMILE, geowissenschaftliche Explorationsmethoden auf ingenieurstechnische Großprojekte wie den Rekordtunnel unter dem Gotthard-Gebirgsmassiv. Trotzdem: Nicht immer stehen die im Programm fest eingebundenen Geowissenschaftler einer Industriebeteiligung positiv gegenüber. Hier Anreizsysteme zu schaffen, darin sieht Werner Dransch eine große Herausforderung für die GEOTECHNOLOGIEN. Denn schließlich bestimmen nicht zuletzt die Ideen und Visionen der Geoforscher das Angebot des Programms, mit dem dieses an die Unternehmen herantreten kann.

 

Perspektiven für Unternehmen

 

Wo könnten wir uns mit dieser Expertise beteiligen? Mit welchen Instituten können wir zusammenarbeiten? Hat eine Firma erst einmal die zentralen Fragen gestellt, stehen ihr für eine Beteiligung gleich mehrere Wege offen, etwa die Zusammenarbeit mit einer Forschungseinrichtung, die durch die GEOTECHNOLOGIEN vermittelt wird oder die Beteiligung mit der eigenen Forschungsabteilung. Auch eine dritte Variante ist möglich: die rein finanzielle Beteiligung an einem Projekt.

Aber egal für welche Art der Beteiligung sich eine Firma entscheidet, Rahmenbedingungen wie Patentierung oder Verwertungsklauseln dürfen bei keinem Transfer außer Acht gelassen werden. Hier liegt die Kompetenz allerdings nicht bei den GEOTECHNOLOGIEN, sondern bei den Forschungseinrichtungen. „Diese unterstützen wir natürlich bei der Bearbeitung dieser Themen. Was wir aber nicht sein werden, ist beispielsweise eine Patentabteilung, auch wenn natürlich Kontakte zu den Patentagenturen in Deutschland bestehen“, erklärt Dransch, „Schutzrechte, Haftungsklauseln – das sind patentrechtliche Fragestellungen, die wir auch nicht besetzten können. Aber natürlich können wir darauf aufmerksam machen, dass diese Themen auch in der Wissenschaft beachtet werden müssen“. Für einen effizienten Transferprozess sei es erforderlich, so der Experte weiter, dass sich die Wissenschaftler rechtzeitig mit diesen Themen beschäftigen, um bei den Gesprächen mit den Unternehmen als gleichberechtigte Partner aufzutreten. „Diese Sichtweise und das Verständnis bei den Wissenschaftlern zu etablieren und damit den Zugang zu den Unternehmen zu erleichtern, das ist eine wichtige Aufgabe der GEOTECHNOLOGIEN.“

Eine andere Herausforderung ist das interne Qualitätsmanagement, das alle eingereichten Förderprojekte durchlaufen müssen. Wer inhaltlich nicht überzeugen kann, Zeitpläne zu oberflächlich bearbeitet oder Förderkriterien nicht eingehalten hat, wird von einem internationalen Gutachterkreis noch in der ersten Antragsreihe ausgesiebt. Auch „im laufenden Prozess“ der Förderung behalten Werner Dransch und seine Kollegen die Projekte im Auge. Status-Seminare zeigen den aktuellen Stand der Dinge und bieten eine Plattform für Diskussionen und projektübergreifende Kontaktpflege.

 

Gemeinsame Exkursion von Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft zum CO2-Testspeicher bei Ketzin.

Gemeinsame Exkursion von Vertretern aus Wirtschaft und Wissenschaft zum CO2-Testspeicher bei Ketzin. Regelmäßige Treffen stärken das Netzwerk aus Forschern und Unternehmern. © GEOTECHNOLOGIEN

 

Bis zur letzten Meile

 

Bleibt die Frage, wie lange die Kooperations-Projekte zwischen Unternehmen und Forschungsgruppen durch das Koordinierungsbüro im Rahmen des GEOTECHNOLOGIEN-Programms begleitet werden können. „Die ersten Meilen können wir übernehmen, aber die letzte und vorletzte Meile, da wird es schwieriger werden“, erläutert Dransch die einzelnen Abschnitte des Technologietransfers, der auf der letzten Meile mit dem „marktfähig machen“ eines Produkts bzw. Prototypen abschließt. „Vielleicht noch in gewisser Weise mit Unterstützung des Wissenschaftlers, aber das ist eigentlich eine Leistung, die das Unternehmen selbst erbringen sollte“, so Dransch. Für die Arbeit der GEOTECHNOLOGIEN läge der spannendste Abschnitt wahrscheinlich einen Schritt davor: So falle auf die vorletzte Meile die finale Umsetzung von der Theorie in die Anwendung, von Laborerkenntnissen hin zum Prototyp. „Da sehe ich durchaus Potenziale, den Transfer effektiver zu gestalten, verbunden mit der Frage, was die GEOTECHNOLOGIEN konkret leisten können, damit dies auch umsetzbar ist.“ Wie gut diese Herausforderung im Rahmen des FuE-Programms gemeistert werden kann, werden die Frühwarnsysteme, Treibhausgasspeicher und Riesentunnel der Zukunft zeigen.

TM, iserundschmidt 01/2008


Weitere Informationen zum Thema Wissenschafts-Wirtschafts-Kooperationen bei den GEOTECHNOLOGIEN bis hin zu Förderrichtlinien und Antragsformularen finden Sie hier.

Nähere Einblicke ins Projekt LASTMILE finden Sie auf den Seiten des FuE-Programms GEOTECHNOLOGIEN und hier.

Verweise
Bild(er)