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Ein AUGE auf CO2

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:37 — abgelaufen

Je weniger klimaschädliches CO2 wir ausstoßen, desto besser für das Klima. Darum erforschen zahlreiche Projekte des GEOTECHNOLOGIEN-Programms, ob und wie sich Kohlenstoffdioxid unterirdisch speichern lässt. Im Dachprojekt AUGE nimmt Dr. Martin Streibel vom GFZ Potsdam ihre Ergebnisse unter die Lupe.

AUGE: Auswertung der GEOTECHNOLOGIEN-Projekte zur CO2-SpeicherungEs ist eine Mammutaufgabe, die Dr. Martin Streibel als Koordinator des GEOTECHNOLOGIEN-Auswertungs-Projektes, kurz AUGE, zu bewältigen hat. Nichts weniger als den aktuellen Stand der nationalen Forschung auf dem Gebiet der geologischen Kohlendioxidspeicherung plant er zu durchleuchten. Notwendig ist dieses Mammutprojekt, um eine Übersicht über die bisherigen Ergebnisse zu erhalten und sie für die weitere Verwertung aufzubereiten. Besonderes Augenmerkt liegt auf der Auswertung der besonders sicherheitsrelevanten innovativen Untersuchungs- und Nachweismethoden, die im Rahmen der Projekte entwickelt wurden. Alle Ergebnisse zusammen werden die wissenschaftliche Grundlage bilden, mit deren Hilfe die im Kohlendioxid-Speichergesetz (KSpG) formulierten Kriterien für Sicherheitsanforderungen und Genehmigungsverfahren für Erprobungs- und Demonstrationsanlagen weiterentwickelt werden können. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Denn die Menge an Berichten, Daten und Erkenntnissen aus dem hierzulande größten Programm zur Erforschung der Carbon Capture and Storage-Technologie, kurz CCS, ist enorm. Alleine aktuell laufen dazu 14 Projekte unter der Fahne der GEOTECHNOLOGIEN, Dutzende weitere Forschungsvorhaben konnten seit Beginn des Programms im Jahr 2005 bereits abgeschlossen werden.

Studien und Workshops

CO2 aus Abgasen von Kohlekraftwerken soll künftig herausgefiltert und im Boden gespeichert werden. (Bild: V. Polednik/Wiki Commons)Und damit nicht genug: Das Arbeitsprogramm des AUGE-Projekts sieht neben der Ergebnisaufbereitung weitere Untersuchungen vor. Bestehende Wissenslücken sollen identifiziert und der Forschungsbedarf mit neu initiierten Studien gedeckt werden. „Nach dem derzeitigen Stand gehe ich davon aus, dass ein großes Studienthema das Problem der Wechsellast von Kohlekraftwerken sein wird“, so Streibel. Der Trend gehe dorthin, die Kohle nur noch ergänzend zu den Erneuerbaren Energien einzusetzen, also an Tagen mit geringer Sonneneinstrahlung oder wenn Windstille herrscht. Dementsprechend wird die Auslastung der Kohlekraftwerke variieren und die in den Speicher eingeleitete CO2-Menge stark schwanken. In den bisherigen Modellierungen ging man jedoch davon aus, es würde kontinuierlich eingespeist. Die veränderte energiepolitische Situation macht somit neue Untersuchungen nötig. Als weiteres sicherheitsrelevantes Studienthema nennt Streibel die induzierte Seismizität, die von den Speicheranlagen ausgelöst werden könnte.

Zusätzlich sollen die Endergebnisse des AUGE-Projekts sowohl auf nationaler Ebene als auch mit internationalen Wissenschaftlern diskutiert werden. So ist geplant, die heißen Themen, also besonders kritische Fragen rund um die langfristige Sicherheit der Speicherung, in Expertenworkshops zu diskutieren. Schon heute ist das AUGE-Projekt international vernetzt. So reiste Koordinator Streibel im Sommer 2013 nach Norwegen zur „Trondheim Conference on CO2 Capture, Transport and Storage“ einer der führenden Konferenzen rund um die CCS-Technologie, um sich dort mit Geowissenschaftlern aus aller Welt auszutauschen und Kooperationen aufzubauen.

Orakel von Delphi

Neben den Workshops ist ein sogenannter Delphi-Prozess geplant. Er soll dafür sorgen, dass die finalen Projektergebnisse – wissenschaftliche Richtlinien für die Genehmigung der CO2-Speicherung – auf einem breiten Konsens in der Forschungsgemeinschaft, der Regulationsorgane und der betroffenen Industrie fußen. Dazu werden rund 80 Experten aus diesen Bereichen in mehreren Runden anonym und einzeln zu den erarbeiteten Richtlinien befragt, ähnlich wie Ratsuchende im antiken Griechenland das Orakel von Delphi aufsuchten. Die Antworten der jeweiligen Runde werden jeweils ausgewertet und den Experten wieder vorgelegt, bis einerseits ein Konsens in möglichst vielen Fragen hergestellt ist und andererseits besonders starke Kritikpunkte an den Projektergebnissen identifiziert sind. Am Ende des Delphi-Prozesses, in der Abschlussphase von AUGE im Jahr 2015, werden die kritischen Punkte in einem kleineren Plenum von rund 20 Experten abschließend diskutiert.

Abgehakt

In der ersten Projektphase haben sich Streibel und seine Kollegen zunächst einen Überblick über ihre Aufgaben verschafft und den Fahrplan erstellt. In einer detaillierten Tabelle sind für jede weitere Projektphase genaue Zeiträume und Ziele definiert. Ein erster Workshop mit Experten aus den Geowissenschaften im Mai 2013 ist bereits abgehakt, mit dem erfreulichen Ergebnis, dass keine weitere Forschung für ein Demonstrationsprojekt mehr notwendig ist. Stattdessen soll es künftig verstärkt konkrete Forschung im Rahmen eines Demonstrationsprojektes geben, an dem die bisherigen Resultate zur Sicherheit von Speicheranlagen abgeprüft und innovative Methoden erprobt werden können. Ein Etappenziel des AUGE-Programms ist damit bereits erreicht. Die beteiligten Geowissenschaftler gehen davon aus, dass sich die verbliebenen Fragen insbesondere zu Parametern, die die mechanischen Eigenschaften des Untergrundes betreffen, am besten anhand des praktischen Versuchs beantworten lassen. Diese Vorarbeiten im Rücken, kann AUGE nun mit Kraft in medias res gehen.

ES, iserundschmidt 12/2013


Als Dachprojekt wird AUGE in der mittlerweile dritten Phase des GEOTECHNOLOGIEN-Forschungsschwerpunktes Erforschung und Entwicklung von Technologien für eine sichere und dauerhafte Speicherung des Treibhausgases CO₂ vom BMBF gefördert.