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Idee sucht Know-how

erstellt von timo_meyer zuletzt verändert: 17.11.2016 13:36 — abgelaufen

Die Handels- und Kommunikationsplattform „Geotechmarket“ versteht sich als Brückenkopf zwischen den Geowissenschaften und der Industrie, zwischen Labor und Markt. Doch um Forscher und Unternehmen zu fruchtbaren Kooperationen zusammenschweißen zu können, müssen Hemmschwellen abgebaut werden.

Es ist keine neue Erkenntnis, dass eine gute Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft Standort- und Wettbewerbsvorteile schaffen kann und dass in vielen Forschungslabors wirtschaftliche Schätze schlummern, die es zu heben gilt. Und so setzen immer mehr Forschungsinstitute, Universitäten und Unternehmen auf Kooperationen und enge Kontakte zwischen Labor und Produktion.

Um diese Interaktion speziell auf dem weiten Gebiet der Geowissenschaften zu fördern, gibt es seit Anfang 2008 die überregionale Handels- und Kommunikationsplattform „Geotechmarket“. Betrieben von der Geschäftstelle GEOTECHNOLOGIEN und finanziert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung will die Plattform die Kontakte zwischen Anbietern aus der Wissenschaft und Abnehmern aus der Wirtschaft verstärken und die Bildung von strategischen Kooperationen im geowissenschaftlichen Umfeld fördern – als eine Art Katalysator für den Transfer von Geo-Wissen und -Hightech in marktfähige Produkte. Bedarf gibt es dafür mehr als genug.

Forschungsergebnisse werden nicht ausreichend umgesetzt

‚Die deutsche Erdsystem-Forschung bleibt im Bereich Technologietransfer noch hinter ihren Möglichkeiten’ – so steht es in einer hauseigenen Publikation zu Geotechmarket. Einer der Verantwortlichen hinter der Plattform, Geograph und Wirtschaftsexperte Werner Dransch: „Bisher werden geowissenschaftliche Forschungsergebnisse, die sich aus öffentlich finanzierten Vorhaben ergeben, nicht ausreichend in neue Produkte, Verfahren und Dienstleistungen umgesetzt.“ Dadurch bestünde ein hoher Unterstützungs- und Vermarktungsbedarf bei den wissenschaftlichen Einrichtungen, so Dransch, der in der Geschäftsstelle GEOTECHNOLOGIEN für den Bereich der Wissenschaft-Wirtschaft-Kooperationen verantwortlich ist. Für ihn liegt die Grundproblematik in der unterschiedlichen Wahrnehmung einzelner Forschungsbereiche: „Örtliche Transferstellen sind sicherlich sehr aktiv, aber sie können ihren Schwerpunkt meist nicht auf die Geowissenschaften legen, sondern konzentrieren sich eher auf die aktuellen Entwicklungen in den Gesundheits- und Life Science Wissenschaften sowie auf die technologischen Entwicklungen in der Photovoltaik und Nanotechnologie.“

Dieser Lücke im Techniktransfer versucht man mit Geotechmarket beizukommen. „Wir orientieren uns am Bedarf der Geowissenschaftler und unterstützen sie im Marketing, in der Kontaktaufnahme zu interessierten Unternehmen und in der Organisation und Moderation von Matching-Gesprächen“, fasst Dransch die ersten Schritte der Plattformtätigkeit zusammen. Dass eine solche Unterstützung der Forscher bei ihrer ersten Annährung an die Gefilde der Unternehmen und Anwender eben auch zur Förderung wissenschaftlicher Projekte gehört, das hat man beim Forschungs- und Entwicklungsprogramm GEOTECHNOLOGIEN schon früh begriffen. „Neben der Koordinierung der Forschungsaktivitäten und der Öffentlichkeitsarbeit ist der Transfer von Wissen und Technologien die dritte Säule der Aktivitäten des Koordinierungsbüros GEOTECHNOLOGIEN“, erklärt dessen Leiter Dr. Ludwig Stroink. „Diese dritte Säule ist bereits zu Beginn des Programms im Jahr 2000 als wichtig bewertet worden. In Anbetracht der aktuellen Diskussionen über den Technologietransfer eine sehr vorausschauende Entscheidung.“

Beispiel Tunnelbau

 
Der Tunnelbau (hier unter dem Gotthard-Gebirgsmassiv) ist ein gutes Beispiel für den erfolgreichen Transfer geowissenschaftlicher Erkenntnisse in die Anwendung. © AlpTransit Gotthard AG


Vom Labor aus fünf Schritte

Ins Leben gerufen wurde Geotechmarket im Frühjahr 2007, und das nicht nur als grobes Konzeptpapier. Als Herzstück der Plattform war bereits damals ein fünfstufiges Verfahrensmodell vorgesehen – ein „Routenplaner“ für einen möglichst effizienten Transfer von Forschungserkenntnissen in die wirtschaftliche Anwendung. Den Startpunkt des Modells markiert dabei das so genannte „Innovations-Scouting“, bei dem potenzielle Anwärter für den Technologietransfer ins Auge gefasst und, gerade auch aus marktwirtschaftlicher Sicht analysiert werden. Entweder werden die Forscher auf Geotechmarket aufmerksam oder aber die Markt-Macher treten direkt an die Forschergruppen heran – beide Wege seien hier möglich, so Werner Dransch. Für den letzteren Schritt jedenfalls können er und seine Kollegen auf einen einmaligen Adressdatenbestand zurückgreifen: eine qualifizierte, deutschlandweite Datenbank mit den Daten von über 900 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Doch wie sieht der Weg durch den Transferprozess in der Praxis aus? Dransch nennt ein Beispiel: „Ein aktuelles Projekt ist die Wasseraufbereitung auf Basis der Elektrokinetik. Hier stehen wir mit mehreren Interessenten im Gespräch, um erste Feldversuche im kleintechnischen Maßstab, zum Beispiel in einer Kläranlage, durchzuführen. Parallel läuft eine Marktrecherche, um in fremden Branchen geeignete Technologieabnehmer zu identifizieren und sie auch hier persönlich anzusprechen.“ Dieser letzte Punkt ist für die Verantwortlichen entscheidend. „Die persönliche Kontaktaufnahme mit den Wissenschaftlern und Unternehmen ist ein wichtiges Merkmal der Initiative Geotechmarket.“

Dabei hat man ein möglichst breites Spektrum unterschiedlicher Anwender im Auge. Werner Dransch erläutert, warum: „Im Fokus stehen vor allem Wirtschaftsbranchen außerhalb des Geo-Umfeldes, denn viele Basistechnologien, die in den Geowissenschaften entwickelt werden, sind als Querschnittstechnologien auch für andere Anwendungen geeignet. Ein Beispiel ist hier die lasergestützte Materialprüfung – „Laser-Mikropyrolyse“ genannt – bei der potenzielle Anwendungen sowohl in der Erdölbranche als auch in der Forensik und in der Alters- und Herkunftsbestimmung von Kulturobjekten zu sehen sind. So führen geringfügige Modifikationen und softwaretechnische Parametrisierungen häufig zu neuen Anwendungsgebieten. Darin unterscheiden sich die Geowissenschaften von vielen anderen Wissenschaftsbereichen.“

 

Mehrzwecktechnologien

In manchen geowissenschaftlichen Technologien steckt das Potenzial für ganz unterschiedliche Anwendungen. So kann ein Verfahren, das bei der Wasseraufbereitung zum Einsatz kommt, gleichzeitig unter bestimmten Voraussetzungen auch zur Stabilisierung von Kirchturmfundamenten herangezogen werden. © THW


Anreize bieten, Hemmschwellen überwinden

Auch wenn die Vorteile einer stärkeren Zusammenarbeit zwischen Geoforschern und Industrie auf der Hand liegen, so gibt es doch immer noch Hemmschwellen auf beiden Seiten. Meist sind es fehlende Kenntnisse über die Ansprüche und Arbeitswelten des jeweils anderen, die Wissenschaftler von der Anwendung fernhalten und Unternehmen lieber auf eigene hausinterne Forschungsabteilungen zurückgreifen lassen anstatt Kontakte zu externen Labors zu knüpfen.

Geotechmarket soll diese Grenzen überwinden und hat dazu einige Anreize zu bieten. Geotechmarket-Gründer Ludwig Stroink: „Die Geowissenschaftler haben hier die Möglichkeit, sich an einer Stelle umfassend über den Stand der Forschung zu informieren, mit anderen Experten ihre Technologie zu diskutieren und diese dann mit unserer Unterstützung marktorientiert weiter zu entwickeln und auf Geotechmarket zu veröffentlichen. Die Plattform unterstützt somit die Wissenschaftler dabei, der inzwischen vielfach erhobenen Forderung der Mittelgeber nach einem effizienten Wissens- und Technologietransfer nachzukommen.“ Keine Selbstverständlichkeit, wie der Geologe betont.

Was die Verantwortlichen mit Geotechmarket geschaffen haben, ist jedenfalls viel mehr als nur ein Sammelbecken viel versprechender Projekte. Ob es auch in diesem erweiterten Sinne genutzt werden wird, muss sich allerdings erst noch zeigen. Zurzeit befinden sich Markt und Transferprozess noch in der Testphase. Doch erste Kontakte zu geeigneten Kooperationspartnern und Technologieabnehmern sind bereits geknüpft; auch erste Erfahrungen aus einem persönlichen Aufeinandertreffen von Forschern und Unternehmern liegen bereits bevor. So lud man Anfang 2008 zum ersten gemeinsamen Innovationsworkshop Geotechmarket. Hier wurden die konkreten Bedürfnisse der Wissenschafter im Transferprozess erörtert, neue Technologien vorgestellt und nicht nur diskutiert, sondern auch in einer ersten Trendbewertung beurteilt. „Besonders wichtig war uns aber das Urteil externer Experten“, sagt Werner Dransch „so haben wir – die aus unserer Sicht – besonders aussichtsreichen Entwicklungen durch eine Patentanwaltskanzlei validieren lassen. Damit haben wir einige vielversprechende Technologien ausgewiesen, für die wir mittlerweile Flyer erstellt haben, um den nächsten Schritt, die Marktrecherche anzugehen.“ Und was hat er persönlich aus dem Workshop mitgenommen? „Meine wichtigste Erkenntnis war, dass der persönliche Dialog zu den bedeutendsten Elementen im Transferprozess zählt, auch wenn dies sehr zeitaufwendig ist. Die persönliche Unterstützung in den ersten Schritten des Transferprozesses ist anscheinend ein mit entscheidender und häufig unterschätzter Punkt für eine erfolgreiche Vermarktung innovativer Technologien.“

TM, iserundschmidt 10/2008


Weitere Informationen zur Plattform Geotechmarket finden Sie hier.