Mit Isotopen auf der Spur des CO2
Geoforscher aus Deutschland und Kanada wollen die Ausbreitung von CO2 im Untergrund anhand seines „Fingerabdruckes“ überwachen. Hintergrund ist eine vieldiskutierte Option zur Eindämmung des Klimawandels: die unterirdische Speicherung von CO2.
Neben dem Ziel, den Ausstoß an Treibhausgasen zu verringern, werden international noch weitere Maßnahmen gegen den Klimawandel verfolgt. Dazu gehört insbesondere die Speicherung von Kohlendioxid untertage. Aus Abgasen von Industrieanlagen stammendes CO2 würde dabei tief unter der Erdoberfläche deponiert. „Ausgeförderte“ Öl- und Erdgasvorkommen gelten als mögliche Speicherstätten; ebenso wie poröse, von Wasser durchtränkte Gesteinsformationen. Im Fachjargon heißen diese Grundwasserleiter auch „Aquifere“.
Von
Pilotprojekten abgesehen, befindet sich die CO2-Speicherung noch in
der Erprobung. Wie sich Kohlendioxid im Untergrund verhält, ist eine von vielen
Fragen, die in diesem Zusammenhang untersucht werden. Seine Ausbreitung lässt
sich beispielsweise aus der elektrischen Leitfähigkeit des Untergrundes ableiten.
Die Interpretation der Messdaten ist allerdings kompliziert. In der Praxis
dürften daher verschiedene Techniken zum Einsatz kommen, die sich gegenseitig
ergänzen. Ein solches Verfahren entwickeln Geoforscher im Rahmen des Projekts
„CO2ISO-LABEL“: Sie setzen auf eine besondere Form der chemischen
Analyse. „Unser Ziel ist es, die Ausbreitung von CO2 und auch seine Wechselwirkung
mit dem Grundwasser und Gestein mittels stabiler Isotopenmethoden zu
überwachen“, erläutert Dr. Veith Becker vom GeoZentrum Nordbayern, einem
Institut der Universität Erlangen-Nürnberg. Konkret geht es dabei um den
Nachweis bestimmter Arten von Sauerstoff- und Kohlenstoffatomen, die typisch sind
für bestimmte CO2-Quellen und Prozesse.
„Damit können wir zum einen die Ausbreitung des CO2 untersuchen. Aber wir arbeiten auch daran, bestimmte Prozesse zu identifizieren, die durch die CO2-Injektion möglicherweise ausgelöst oder verstärkt werden“, so der Geoforscher. Beispiele dafür seien die Lösung von Kalk und die Aktivität von Bakterien, die im Untergrund siedeln. Das im Herbst 2011 gestartete Projekt wird für drei Jahre im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsprogramms GEOTECHNOLOGIEN gefördert. Ein wichtiger Projektpartner für das Vorhaben ist die Arbeitsgruppe für Angewandte Geochemie der Universität im kanadischen Calgary.
Die Isotopenanalyse werde bereits zur Untersuchung des oberflächennahen Grundwassers genutzt, so Becker. In solch geringen Tiefen seien die Bedingungen vergleichsweise mild. Mögliche Speicherformationen für CO2 würden jedoch viele hundert bis mehrere tausend Meter unter der Erdoberfläche liegen. „Was wir versuchen, ist die Übersetzung auf die extremeren Verhältnisse in großen Tiefen. Dort ist es sehr viel heißer, die Gewässer haben teilweise sehr hohen Salzgehalt und auch der enorme Druck spielt eine Rolle.“
Charakteristische Atome
CO2 ist recht einfach aufgebaut, es besteht nur aus Kohlenstoff und Sauerstoff. Von diesen Atomen gibt es allerdings verschiedene Ausführungen, diese werden auch „Isotope“ genannt. Zwei davon nehmen die Geoforscher ins Visier: „Kohlenstoff-13“ und „Sauerstoff-18“. Sie sind schwerer und auch seltener als die Kohlenstoff und Sauerstoffatome, die gemeinhin in der Natur vorkommen. Experimentell bestimmt wird letztlich das so genannte Isotopenverhältnis. Nimmt man Kohlenstoff als Beispiel, so spiegelt das Isotopenverhältnis die Häufigkeit von Kohlenstoff-13 im Vergleich zum hauptsächlich auftretenden Kohlenstoff wieder. Dieser Wert ist wie ein Fingerabdruck – daher der Projektname „CO2ISO-LABEL, denn das englische Wort „Label“ bedeutet so viel wie „Kennung“ oder „Signatur“.
„Das Isotopenverhältnis ist in der Regel typisch für die Quelle des CO2“,
sagt Veith Becker. „Das Kohlendioxid, das im Untergrund gespeichert werden
soll, stammt zumeist aus der Verbrennung fossiler Rohstoffe. In der Praxis
würden wir uns dieses Verhältnis anschauen und auch die Situation im Untergrund
vor der Injektion, wo je nach Standort bereits größere Mengen CO2 im
Formationswasser gelöst sein können.“ Nach der Einleitung des CO2
würden erneut Gas- und Wasserproben aus der Tiefe entnommen. „Mit Isotopenanalysen
kann man dann feststellen, ob und zu welchem Anteil der nachgewiesene Kohlenstoff
tatsächlich aus dem eingeleiteten CO2 stammt oder möglicherweise aus
gelöstem Kalk“, betont Becker.
Einsatz bei Speicherung und Förderung
Anwendungspotential für die Isotopenanalyse gäbe es aber nicht nur in
der CO2-Speicherung. Becker sieht solche Möglichkeiten auch im
Rahmen anderer Verfahren, die CO2 in den Untergrund leiten. Dies
gelte insbesondere für die Gas- und Erdölförderung mit Hilfe von Kohlendioxid. Bei
dieser „enhanced gas recovery“ oder „enhanced oil recovery“ dient CO2
als Treib- und Lösungsmittel. „Mit zunehmender Ausbeutung nimmt der Druck innerhalb
einer Lagerstätte ab, so dass sich die Restvorkommen nicht mehr so gut oder gar
nicht mehr fördern lassen“, meint Becker. „Wenn man nun Kohlendioxid injiziert,
lässt sich einerseits der Druck erhöhen, andererseits löst sich CO2
in Öl und senkt damit dessen Viskosität. Das Öl wird dünnflüssiger und kann
leichter gefördert werden.“ CO2-gestützte Förderung und CO2-Speicherung
würden auch oft miteinander kombiniert, so der Geowissenschaftler. Das zur
Förderung eingesetzte Kohlendioxid würde dann zu großen Teilen im Untergrund
verbleiben. Darüber hinaus können mit den in CO2ISO-LABEL
entwickelten Methoden auch neue Erkenntnisse über das Verhalten von natürlichem
CO2 im tiefen Untergrund gewonnen werden.
Experimente im Druckreaktor
Feldversuche sind im Rahmen von „CO2ISO-LABEL“ allerdings nicht vorgesehen. Vielmehr untersuchen die Forscher die in der Tiefe stattfindenden Prozesse unter kontrollierten Laborbedingungen. Hier gibt es zahlreiche offene Fragen. Im Untergrund trifft das Kohlendioxid insbesondere auf Wasser und Minerale. Mit diesen kann es in vielfältiger Weise reagieren: So bildet es in Kontakt mit Wasser Kohlensäure – eine Versauerung, die die Auflösung von Kalkgestein bewirken kann. Weil Kalk aus Calciumcarbonat (CaCO3) besteht, können in der Folge Minerale gelöst werden, die wie das eingeleitete CO2 ebenfalls Kohlenstoff und Sauerstoff enthalten. Druck und Temperatur und auch die Anwesenheit von Bakterien haben Einfluss auf das Geschehen. „Bei diesen Prozessen kann es auch zu einer Isotopenfraktionierung kommen. Das heißt, es wird bevorzugt ein bestimmtes Isotop aus dem Gas oder dem Formationswasser entzogen“, sagt Becker. „Dadurch ändert sich das Isotopenverhältnis, was uns prinzipiell die Möglichkeit bietet, solche Vorgänge per Isotopenanalyse nachzuvollziehen.“
Neue
Erkenntnisse versprechen sich die Forscher von Experimenten in einem Druckbehälter,
in dem Wasser, Kohlendioxid und Feststoffe bei regulierbaren Bedingungen
miteinander reagieren können. Temperaturen bis 200 Grad Celsius und bis zum Zweihundertfachen
des normalen Luftdrucks sind bei den Versuchen vorgesehen. „Für die
Untersuchungen können wir nicht nur synthetische Stoffe verwenden, sondern auch
Materialproben von repräsentativen Standorten“, sagt Becker. „Das ist einer der
Gründe für unsere Kooperation mit der Universität Calgary. Die dortigen
Kollegen kommen relativ leicht an entsprechendes Material.“ Allerdings sieht die
kanadische Öl- und Gasindustrie die Ausfuhr von Probenmaterial ins Ausland recht
kritisch, so der Geoforscher. „Die Arbeitsaufteilung in unserem Projekt basiert
deshalb darauf, dass wir die Untersuchungen mit synthetischen Materialien in
Deutschland durchführen und die Experimente mit realen Proben in Kanada.“
Forschungsaufenthalt in Übersee
Vor
wenigen Monaten erst ist „CO2ISO-LABEL“ gestartet. Nachdem das
Einrichten und Testen der Messapparaturen nun weitgehend abgeschlossen ist,
sollen in Kürze die ersten Laborversuche beginnen. „Wir verlassen so langsam
die Planungsphase“, sagt Veith Becker, der sich auf einen bevorstehenden Ortswechsel
einstellt. „Ich selbst werde im Frühjahr nach Kanada fliegen und dann für ein
Jahr dort arbeiten.“
MN, iserundschmidt 01/2012
Mehr Informationen zum Projekt CO2ISO-Label finden Sie hier.








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