Was passiert auf Polarstern? Fahrtleiter Fahrbach berichtet live aus der Antarktis - Tag 7
Für planeterde.de berichtet der Fahrtleiter der POLARSTERN, Dr. Eberhard Fahrbach, vom 9. bis zum 14. März. Am letzten Tag seines Logbuchs zeichnet er ein Bild von der "Faszination Forschung", die geprägt ist von der atemberaubenden Natur der Antarktis. Schmerzvolle, aber auch glückliche und erfolgreiche Momente erlebten die Forscher der Schiffs-WG, die am 16. April in Punto Arenas wieder an Land gehen.
Fahrtleiter-Logbuch
Tagebucheintrag, Freitag, der 14. März 2008
Heute war der Tag durch Dampfzeit bestimmt. Wir sind auf dem Weg zu unserem hydrographischen Schnitt durch das Weddellmeer von Kapp Norvegia zur nördlichen Spitze der Antarktischen Halbinsel. Wir müssen auf diesem Schnitt Zeit einsparen, um die bisherigen Verluste auszugleichen und dürfen kein Risiko mehr eingehen, durch schwere Eisfahrt weitere Zeit zu verlieren. Deshalb haben wir uns nach dem Studium der Eiskarten, die auf der Grundlage von Satellitenaufnahmen erstellt werden, und reiflicher Überlegung entschieden, nicht mehr weiter nach Süden vorzudringen, sondern auf etwa 68°30’S durch verhältnismäßig leichte Eisverhältnisse nach Westen zu dampfen. Wenn wir dann auf den geplanten Schnitt treffen würden, wollten wir die Stationsarbeit wieder aufnehmen.
Von wegen "alte Dame". Energisch durchpflügt POLARSTERN in bester Eisbrechermanier die dicken Schollen im Weddellmeer. Spalten in der Scholle laufen der POLARSTERN voraus. Foto: Marielle Lacombe
"Alte Dame" in Höchstform
Diese Rechnung hatten wir aber ohne unsere „alte Dame“ Polarstern gemacht. Mit 25 Jahren hat ein Schiff seine Jugend weit hinter sich gelassen. Offensichtlich war die Polarstern aber der langen Schlechtwetterfahrt leid und sobald sie das Eis am Steven spürte, lief sie auch bei ökonomischer Fahrweise zu Höchstform auf und bestätigte damit ihre hervorragenden Eisbrechereigenschaften. Man hatte das Gefühl, dass sie geradezu Freude daran hatte, ihre Bahn durch die Schollen zu ziehen. Sowie wir bemerkten, dass uns das Eis eher beschleunigte als bremste, änderten wir den Kurs nach Süden, um deutlich früher auf unserer Schnitt zu treffen. Das klingt zwar widersprüchlich, wird aber verständlich, wenn man berücksichtigt, dass Eis brechende und im freien Wasser fahrende Schiffe eine deutlich unterschiedliche Rumpfform haben. Bald wird es wieder im strengen Takt der CTD-Stationen nach Nordwesten weiter gehen. Am Montag werden wir erneut das freie Wasser erreichen.
Bizarres Patchworkmuster: Das dünne, junge Meereis bricht und wird überschoben. Foto: Marielle Lacombe
Unter Beobachtung!
Viele werden traurig sein. Eisfahrt ist nicht nur wissenschaftlich notwendig, um die vielfältigen Prozesse der Wassermassenbildung zu verstehen, sondern sie macht auch Spaß. Die Reichhaltigkeit der Formen und manchmal auch der Farben des Meereises faszinieren immer wieder neu. Auch für Chemiker und Physiker, die auf diesem Fahrtabschnitt in der Überzahl sind, ist die Tierwelt auf den Schollen (Robben und Pinguine), die wir in sicherem Abstand passieren, genauso faszinierend wie die Wale, die wir im freien Wasser getroffen haben. In mehreren Fällen waren sie anscheinend von uns genauso fasziniert, wie wir von ihnen und haben unsere Arbeiten interessiert beobachtet.
Wer beobachtet eigentlich wen? Erstaunt beäugen die Ureinwohner den seltenen Besuch. Foto: Torben Stichel
Harte Arbeit und emotionale Stärke - für ein besseres Verständnis unseres Planeten Erde
Am Ende des Monats werden wir bei King-George-Island eintreffen und ein Teil der Wissenschaftler werden von Bord gehen. Dafür kommt eine französische Gruppe an Bord, deren Ziel die Untersuchung des Antarktischen Zirkumpolarstroms in der Drake-Passage ist. Am 16. April werden wir in Punta Arenas einlaufen und unsere Reise wird zu Ende gehen. Sie hat uns durch tiefsten Schmerz, aber auch durch viele schöne Momente zu einem unermesslichen Datensatz geführt. Es wird Jahre dauern, bis alle Proben und Messdaten analysiert sein werden und einen weiteren Mosaikstein zum Verständnis unseres Planeten Erde geliefert haben werden.
Ich verabschiede mich hier mit den besten Grüßen aller an Bord
Eberhard Fahrbach
Fahrtleiter-Logbuch
Für
planeterde.de berichtet Dr. Fahrbach vom 9. bis zum 14. März von seinen
persönlichen Eindrücken aus der Antarktis. Aufgrund des tragischen
Helikopterunglücks am 2. März bei der Neumayer-II-Station verzögerte
sich die Berichterstattung des Fahrtleiters von der Polarstern. Das Schiff ist vom 10. Februar bis 16. April in der Antarktis.
Tag 1 ( 1.03.08)
Die dunkle Seite der Wissenschaft: Helikopterunglück am 2. März bei Neumayer-II
Tag 2 ( 9.03.08)
Auf Station: Über die "Satelliten" der Ozeane und multikulturelles Arbeiten auf POLARSTERN
Tag 3 (10.03.08)
Über Bord: neue Verankerungen - Strömungsmesser - vermessen wie salzig, warm und schnell polare Strömungen sind.
Tag 4 (11.03.08)
An Bord: die spannende Suche nach einer dreijährigen Meßstation an der Schelfeiskante
Tag 5 (12.03.08)
Tag 6 (13.03.08)
Tag 7 (14.03.08)
Rendezvous der 25 Jahre jungen POLARSTERN mit einigen Ureinwohnern. Quelle: AWI
Berichte und Aktuelles von Polarstern
Weitere Berichte können Sie auf der offiziellen Seite des Internationalen Polarjahres lesen:
Offizielle Wochenberichte der Expedition ANTXXIV/3
Berichte der zwei mitreisenden Lehrer, Charlotte Lohse und Stefan Theisen aus Norddeutschland.
Wo ist Polarstern? Kursplot des Schiffes.
"Polarstern - 25 Jahre Forschung in Arktis und Antarktis" im Delius Klasing Verlag erschienen. Für Hintergrundinformationen siehe auch hier.


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