POSEIDON-Blog geht in dritte Runde
Seit dem 3. Mai ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX auf Forschungsexpedition. Ausgangspunkt des dritten und letzten Fahrtabschnitts ist die westspanische Hafenstadt Vigo, in der das Forschungsschiff mit spezieller Messtechnik bestückt wird, mit der die Wissenschaftler den Meeresboden am galizischen Kontinentalhang untersuchen und die Eigenschaften seiner Sedimente bestimmen wollen. Direkt von Bord berichten Bremer Forscher exklusiv für planeterde im POSEIDON-Logbuch über ihr Bordleben. Fahrtleiter Tilo von Dobeneck und sein Team setzen den Blog am 2. Juni fort.
POSEIDON-Blog geht ins Finale
Zu den Forschungszielen und
dem Hintergrund des dritten Fahrtabschnitts ein paar Worte des Fahrtleiters und
Geophysikers, Tilo von Dobeneck. Am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften MARUM koordiniert
er den Forschungsbereich „Sedimentationsprozesse“ und bestimmt an der Universität Bremen die
Geschicke seiner Abteilung Marine Geophysik.
Was ist das bemerkenswerte des dritten Fahrtabschnitts?
Im Gegensatz zu den ersten zwei Abschnitten sind wir direkt nach dem Ablegen im
nordwestspanischen (oder besser "galizischen") Hafen Vigo bereits in
unserem Arbeitgebiet. Wir werden das flache, bis zu etwa 200 Meter tiefe
Schelfmeer vor Galizien - also den "ertrunkenen" Kontinentalrand
Iberiens -und speziell die Schelfkante, den Übergang zum inneren
Kontinentalhang, untersuchen. Dass es einen "inneren" und einen
"äußeren" Kontinentalhang vor Galizien gibt, ist eine Besonderheit,
die daher rührt, dass sich vor langer Zeit - beim Aufbrechen des Atlantiks -
ein Randstück der iberischen Halbinsel ablöste und ein Stück weit in das neue
gebildete Ozeanbecken "hinunterrutschte". Diese Scholle namens
"Galiziabank" befindet sich heute als 2000 Meter tiefe submarine
Plattform etwa 100 Seemeilen der Küste vorgelagert. Sie erlangte durch das
Tankerunglück der PRESTIGE im November 2003 traurige Berühmtheit.
< Arbeitsgebiet vor Vigos Küste
Im Fokus: Sediment
Die Fragestellungen unserer Fahrt sind vorwiegend sedimentologischer Natur:
Wie bewegt sich die Sedimentfracht der spanischen und portugiesischen Flüsse Duoro und Minho über den Schelf?
Wie und wo werden Sedimente zwischengelagert, wo findet der "Export" zum Kontinentalhang statt?
Wie verändert sich Korngrößen und Mineralogie der Sedimente entlang des Transportweges und welchen Beitrag an dieser Transformation haben physikalische und chemische Prozesse?
Wie groß- oder kleinräumig sind die resultierenden Sedimentverteilungsmuster am Meeresboden?
Und wie hat der eiszeitlich -
warmzeitliche Wechsel der Meerespiegelhöhe und des Klimas an Land diese
Vorgänge beeinflusst?
Neue Meerestechnik auf Jungfernfahrt mit POSEIDON
Für derartige Untersuchungen benötigen wir Untersuchungsmethoden, die es uns
ermöglichen, die Verteilung der Sedimente in der Fläche und in der Tiefe zu
erfassen. Die Topographie und Feinstruktur des Meeresbodens tasten wir mit
akustischen Methoden ab: einem im Rumpf von POSEIDON in Vigo einzubauenden
Fächerecholot namens Multibeam Sonar und, für noch mehr Detail, ein
tiefgeschlepptes Sidescan Sonar System. Seismische Daten vom Aufbau der
obersten Sedimentschicht liegen bereits in Fülle von der früheren
POSEIDON-Expedition P342 vom September 2006 vor. Wir werden an vielen Stellen
die Sedimente entweder oberflächlich mit dem "Großkastengreifer" oder
auch, etwa sechs Meter tief eindringend, mit dem "Vibrolot" oder dem
"Schwerelot" beproben.
Weltpremiere für den Tiefseeschlitten
Und wir möchten einen neuen, in Kooperation der Universitäten von Bremen und Vigo entwickelten Tiefseeschlitten erproben und einsetzen, der uns in die Lage versetzt, mittels elektromagnetischer Messungen am Meeresboden die "elektrische Leitfähigkeit" und die "magnetische Suszeptibilität" der Sedimente entlang von Profilschnitten zu vermessen. Diese physikalischen Sedimenteigenschaften sagen etwas über die Porosität (und damit über Kompaktionsgrad und Korngröße) sowie über den Mineralbestand und -zustand der Sedimente aus (dazu später mehr im Blog!).
Der Ersteinsatz einer
neuartigen Messtechnik auf dem offenen Meer ist nicht nur wissenschaftliches
Neuland, sondern erfordert auch einen gemeinsamen Lernprozess von Wissenschaft
und Schiffsbesatzung. Wie setzt man ein solches System sicher aus und nimmt es
wieder auf? Wie stabil verhält sich der Schlitten im Wasser und am Meeresboden
in Abhängigkeit von Zugpunkt, Zugwinkel und Schleppgeschwindigkeiten? Wie
bewältigt das System Kollisionen mit Hindernissen?
Das Team
Wir sind eine bremisch-galizische Crew aus Sedimentologen, Geophysikern und
Geochemikern. Die Gruppe der "Seniorwissenschaftler" bilden der
Bremer Schelfsedimentologe Till Hanebuth, der Magnetiker und Sedimentologe
Daniel Rey und die Geochemikerin Belén Rubio aus Vigo (und ich, Tilo von
Dobeneck, Geophysiker und Fahrtleiter). Weiterhin nehmen die Doktoranden
Hendrik Müller und Hendrik Lantzsch aus Bremen sowie Alba Andrade und Ángel
Mena Rodríguez aus Vigo teil. Wir haben zudem zwei "EUROPROX Research
Students" aus Bremen, Bastian Wiechand und Arne Schwab, mit im Team.
Und, bei so viel Technik unverzichtbar, den Bremer Ingenieur Christian
Hilgenfeldt. Wilhelm Weinrebe aus Kiel wird am 2. Juni in der Ría de Vigo das
Multibeam Sonar kalibrieren und anschließend per Schlauchboot
"ausgeschifft".
Viel Spaß beim Lesen unserer Berichte von Bord im POSEIDON-Blog!
29.5-1.6.: Ankunft bei Freunden
Die Bremer Forscher: Fahrtleiter Tilo von Dobeneck, Sedimentologe Till Hanebuth und ihr "Nachwuchs", die Doktoranden Hendrik Müller (Geophysiker) und Hendrik Lantzsch (Geowissenschaftler).





