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ANNA-Logbuch #4: Jubelschreie und Rekorde

erstellt von eschick zuletzt verändert: 16.02.2016 11:28

Die Meteor hat mittlerweile das Küstengebiet vor Angola erreicht. Hier stoßen Dierk Hebbeln und sein Team auf prachtvolle Kaltwasserkorallen. Welche rekordverdächtigen Funde sie außerdem machten, berichten sie im vierten Teil des Logbuchs auf planeterde.

Lophelia pertusa im Glas – Korallenmetabolismus auf dem Prüfstand. (Bild: C. Orejas)Endlich vor Angola! Angekommen in unserem zweiten Arbeitsgebiet wurde das ROV vorbereitet und die Tauchfahrt ging los. Am Boden angekommen mussten wir gar nicht lange warten, und die ersten lebenden Kaltwasserkorallen kamen uns vor die Linse. Nun durfte nicht nur gestaunt werden, jetzt musste auch ordentlich beprobt werden, damit unsere Biologen ihre Aquarienversuche mit den Korallen endlich beginnen konnten. Von diesem Tag an leben jetzt ein paar Korallen mit Namen Lophelia pertusa im Kühlraum der METEOR im Aquarium. Alle sechs  bis zwölf Stunden werden sie mit frischem Seewasser versorgt. Da diese Korallen noch nie lebend in einer Region mit so geringen Sauerstoffgehalten im Wasser gefunden wurden wie hier vor Angola, stellt sich natürlich die Frage, wie sie damit klarkommen. Unsere Biologen hier an Bord wollen nun den Metabolismus der Korallen unter verschiedenen Sauerstoffbedingungen erforschen, um herauszufinden, was die Korallen hier anders machen als ihre Verwandten im Nordatlantik.

Behutsame Beprobung eines Seeigels. (Bild: MARUM)Am nächsten Tag mussten wir feststellen, dass der am Tag zuvor aufgetretene Schaden am Unterwasserpositionierungssystem POSIDONIA, ohne dass wir gar nicht wüssten, wo am Meeresboden das ROV gerade herumfliegt, nicht mehr zu reparieren ist. So mussten wir auf das Back-up System GAPS umstellen, was aber für das ROV-Team einen ganzen Tag rumschrauben und Software-Adaption bedeutete. Dafür konnte das Geo-Team wieder die Kontrolle über das Arbeitsdeck übernehmen und den Tag damit verbringen, die Korallenhügel in unterschiedlichen Wassertiefen mit dem Backengreifer und dem Schwerelot zu beproben. Auch beim Rauspicken der lebenden Organismen aus den Backengreiferproben zeigte sich, dass hier das Leben vielfältiger ist, als noch vor Namibia.

Der „Coral Garden“ auf den Buffalo Mounds vor Angola. (Bild: MARUM)Am Dienstag konnten wir dann wieder tauchen – um nicht zu sagen: eintauchen in die wunderschöne Welt der Kaltwasserkorallen: rote Korallen, weiße Korallen, bunte Schwämme und Weichkorallen, Fische und Krebse, und, und, und … Aber natürlich stellte sich dann auch die Frage, warum hier so viele Korallenhügel sind. Da mussten dann unsere Seismiker wieder ran, die mit Schallwellen den Aufbau des Meeresbodenuntergrundes erkunden. Deren Daten zeigen, dass es hier in der Region schon seit langem immer wieder vertikale Bewegungen im Untergrund gegeben hat, bei denen die Schichten gegeneinander verschoben wurden. Das passiert entlang von sogenannten Störungen, die auch dazu führen können, dass am Meeresboden durch so eine Bewegung plötzlich steile Kanten entstehen können. Und steile Kanten können mehr Strömung und Turbulenz bedeuten und das ist genau das, was die Korallen lieben.

Die Morphologie der Scary Mounds. (Bild: MARUM)Der nächste Tauchgang führte uns zu einer der flachsten Stellen in diesem Korallenhügelgebiet. Aber schon gleich zu Beginn des Tauchgangs, noch lange vor dem Gipfel, war das Geschrei im Labor groß: Auf dem Bildschirm tauchte plötzlich die Tiefseeauster Neopycnodonte auf, die bisher noch niemals auf der Südhalbkugel beobachtet worden ist – schon wieder eine Entdeckung! Aber das war noch nicht alles: Als wir an der flachsten Stelle ankamen fanden wir dort zwar nur ganz wenige Lophelia, diese aber bei über 14 Grad Wassertemperatur – ein neuer Rekord für diese Kaltwasserkorallenart. Was außerdem merkwürdig war, waren die vielen Felsen die wir dort oben fanden. Bis jetzt haben wir noch keine gute Erklärung dafür, wie die dort hingekommen sein könnten.

Acesta angolensis in ihrer neuen Umgebung an Bord. (Bild: K. Matsuyama)War das Geschrei bei der Auster schon groß, so wurde es am nächsten Tag noch lauter, als beim Tauchgang zu den Buffalo Mounds plötzlich Acesta angolensis auftauchte. Von dieser Muschel sind bisher gerade einmal 60 Exemplare bekannt, von denen 55 in Museen liegen. Das heißt in freier Wildbahn sah man diese Muschel bisher eher selten. Umso größer war das Glücksgefühl, als es auch noch gelang, eine sehr schöne Videosequenz aufzunehmen, die Acesta beim Öffnen und Schließen ihrer Klappe zeigt.

In den Tropen ist es ja nicht nur schön warm (jeden Tag über 28 Grad), sondern auch gerne mal feucht und auch so ein tropischer Regenguss ließ sich jetzt ab und an mal sehen – aber das war zum Glück immer ein warmer Regen. Glücklicherweise zog dieser am nächsten Tag aber durch, als das ROV gerade über die Scary Mounds tauchte, so dass in dem Moment keiner unbedingt auf dem Arbeitsdeck sein musste. Das etwas wechselhafte Wetter dieser Tage führte uns aber auch noch ganz andere Wetterphänomene, wie z.B. eine Wasserhose, vor Augen. Die Scary Mounds, die ihren Namen aufgrund ihrer recht eindrucksvollen Morphologie bekommen haben, boten aber trotz dieses Namens auch wieder sehr schöne Einblicke in das hiesige Kaltwasserkorallen-Ökosystem.

Wasserhose über dem Südost-Atlantik. (Bild: F. Mienis)Viel langweiliger waren dagegen die Snake Mounds, die auch bis in rund 250 Meter Wassertiefe aufragen. Dort gab es nur sehr wenige Korallen und somit auch nicht so viele andere Tierarten. Dieser Zusammenhang ergibt sich daraus, dass die Korallen auch als Ökosystem-Ingenieure bezeichnet werden. Durch ihr vielverzweigtes, hartes Kalkskelett bieten sie ganz viele kleine ökologische Nischen, die vielen anderen Tieren z.B. Schutz vor Räubern bieten. Zwischen all den Tauchgängen und den Sedimentbeprobungen, die auch täglich nach den Tauchgängen durchgeführt wurden, mussten wir auch regelmäßig Wasserproben nehmen, um die Korallen im Aquarium zu versorgen, die alle sechs Stunden „die Windeln gewechselt“, also Wassertausch bekommen und dafür spätestens alle zwei Tage frisches Wasser aus der Tiefe brauchen.

Weiterhin genießen wir das tropische, warme Wetter mit viel Sonnenschein und ein paar tropischen Schauern. Der Wind ist schwach, die See ist ruhig – also alles beste Voraussetzungen für gute Stimmung an Bord.


FS METEOR im Hafen von Walvis Bay, Namibia. (Bild: MARUM)Im Rahmen der Ausfahrt M122 suchen Meereswissenschaftler vor Angola und Namibia nach Korallenvorkommen. Sie wollen herausfinden, welchen Umweltbedingungen Kaltwasserkorallen ausgesetzt sind und wie sie in der Vergangenheit auf Klimaänderungen reagiert haben. Maren Bender, Studentin an der Universität Bremen, und Dierk Hebbeln, Expeditionsleiter vom MARUM, berichten im Logbuch auf planeterde von Bord. Mehr Informationen zur Ausfahrt finden Sie auf den Seiten des MARUM.