15. Okt. 2017

Dennis Hagedorn und Dr. Ingo Heyde von der BGR holen die Magnetometer mit einer Kabelwinde ein.

Die letzte von 109 Messstationen im deutschen Lizenzgebiet liegt hinter uns. Elf Tage Transit bis nach Kapstadt liegen noch vor uns. Während der Fahrt dorthin hat die Sonne drei Magnetometer-Sonden im Schlepptau. Die Messungen werden rund um die Uhr am Computer überwacht. Nach drei Tagen stoppt die Aufzeichnung plötzlich.

Hektisch eilen die Mitarbeiter des Teams um BGR-Geophysiker Dr. Ingo Heyde zum Achterdeck. Was war passiert? Sofort beginnen sein Kollege Dennis Hagedorn und er mit dem Einholen des gelben Kabels, an dem die Magnetometer angebracht sind. Das dauert eine Weile, weil die Sonden in 700 Meter Entfernung hinter dem Schiff in einer Tiefe von ca. 20 Metern hergezogen werden. Der große Abstand ist nötig, um den magnetische Einfluss des verbauten Stahls während der Messung zu minimieren. Die drei torpedoförmigen, 1,3 Meter langen, orangenen Magnetometer sind in einem Abstand von jeweils 75 Meter hintereinander angeordnet.

Zunächst ist alles noch in Ordnung. Doch auf den letzten 100 Metern kommt das Kabel komplett verdreht aus dem Wasser. Dann kommt die erste Sonde. Eine der zwei Kunststoffflossen fehlt. Die hintere Kabelverbindung der Sonde ist an mehreren Stellen messerscharf eingeschnitten. Die schwarze Sonden-Kappe hängt noch daran. Aber auch sie weist deutliche Bissspuren auf. In den Vertiefungen stecken noch die weißen Reste: Dies war zweifelsfrei ein Hai-Angriff.

Das ist eigentlich kein Wunder und kommt häufiger vor. Die Form der Sonden passt genau in das Beuteschema eines Hais. Er hat die erste Sonde schlichtweg mit einem Fisch verwechselt. Leider hat er die Sonde an ihrem hinteren Ende erwischt und dabei das erste Zwischenkabel durchbissen. Die andern beiden Sonden sind somit verloren. Das ist leider das Risiko bei der Meeresforschung.

Die erste und dritte Sonde messen die Totalintensität des Erdmagnetfeldes. Faszinierend am Magnetfeld der Erde ist beispielsweise, dass es auf eine Kompassnadel solange ein Drehmoment ausübt, bis sie in die magnetische Nordrichtung zeigt. Das Magnetfeld resultiert zu ca. fünf Prozent aus dem Anteil der magnetischen, eisenhaltigen Minerale in der Erdkruste (vor allem Magnetit) und zu 80 Prozent aus der langsamen Konvektion des flüssigen äußeren Erdkerns, welche das erdmagnetische Hauptfeld erzeugt. Der Einfluss des Sonnenwindes durch Wechselwirkungen mit der elektrisch geladenen hohen Atmosphäre zeigt periodische Variationen, die ca. zehn Prozent der Gesamtintensität ausmachen. Am Tag, wenn die Sonne scheint, ist deren Intensität höher als in der Nacht. Aufgrund der Messung mit der ersten und der dritten Sonde lassen sich die zeitliche und räumliche Variation im Erdmagnetfeld voneinander trennen. Das Magnetfeld ist ein Vektorfeld. Es lässt sich somit durch eine horizontale und eine vertikale Komponente beschreiben. Die mittlere Sonde misst diese Komponenten getrennt. Der Teil des Magnetfeldes, der nach Abzug des Hauptfeldes und der zeitlichen Variationen übrig bleibt, wird magnetische Anomalie genannt.

Die Kappe der Magnetometersonde mit Bissspuren und weißen Haizahnspitzen.
Bild: BGR
BGR-Geophysiker Dr. Ingo Heyde hält die vom Hai zerbissene Kabelverbindung und die Kappe mit den Haizahnresten in der Hand. An der Seilwinde lehnt die attackierte Magnetometer-Sonde. Die Kappe der Magnetometersonde mit Bissspuren und weißen Haizahnspitzen.
Bild: BGR

Die Basaltgesteine an den Mittelozeanischen Rücken und vor allem hier im Indischen Ozean enthalten relativ viel Magnetit. Sie zeichnen sich deshalb durch eine höhere Magnetisierung aus und zeigen eine positive Anomalie der Intensität. An den hydrothermalen Quellen hingegen wird Magnetit häufig in andere Eisenerzminerale umgewandelt und die Gesteine werden dadurch teilweise entmagnetisiert. "Messen wir negative Anomalien, könnte dies ein Hinweis auf Schwarze Raucher am Meeresboden sein. Da kann es lohnen, diese Areale mit anderen Messgeräten genauer zu untersuchen", erklärt Dr. Ingo Heyde und zeigt mir erste Anomalie-Karten von Cluster 11. "Die genaue Interpretation der detaillierten Daten in Kombination mit den hochauflösenden bathymetrischen Karten des Meeresbodens ist allerdings aufwendig und erfolgt erst nach Beendigung der Fahrt", räumt er ein. Und die Bestellung neuer Magnetometersonden für die Ausfahrt nächstes Jahr steht auch schon auf seinem Programm.

Die INDEX2017-Ausfahrt ist beendet. Heute am frühen Morgen sind wir in den Hafen von Kapstadt, Südafrika, eingelaufen. Damit verabschiede ich mich von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser und bedanke mich für Ihre Treue. Wenn ich in meinen Blogs über "Forscher" oder "Wissenschaftler" geschrieben habe, so war dies allein der besseren Lesbarkeit geschuldet. Selbstverständlich waren damit "Forscherinnen" und "Wissenschaftlerinnen" genauso gemeint. Die Blogs sind aus zahlreichen, fruchtbaren Gesprächen mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Bord entstanden, bei denen ich ich mich hiermit ganz herzlich für die vielen Informationen und Hinweise bedanken möchte. Stets haben sie sich Zeit für meine Fragen und für Anregungen genommen, neben ihrem stressigen 24 Stunden-Einsatz. Jede und jeder von ihnen hat Eingang in meine Blogs gefunden.

Ganz besonders bedanken möchte ich mich auch bei Kapitän Lutz Mallon und seiner Crew. Sie haben es mir ermöglicht, bei der Stationsarbeit immer an vorderster Front mit meiner Kamera dabei sein zu können. Dabei waren sie stets umsichtig, professionell und freundlich. Schließlich gebührt ein großer Dank dem Fahrtleiter Dr. Ulrich Schwarz-Schampera, der mir beim Schreiben vertrauensvoll freie Hand gelassen hat. Mir war es ein Vergnügen!

Viele Grüße aus Kapstadt

Bettina Landsmann