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Indexlog #8: Vermessung der Unterwasserwelt

erstellt von eschick zuletzt verändert: 28.09.2017 10:05

In der Kabine knarzt es. Dann ein Rums, gefolgt von einem schnellen Rütteln des Schiffs. Am Schreibtisch sitzend, schwanke ich mal nach links und danach gleich nach rechts oder nach vorn und wieder nach hinten. Die Richtung folgt scheinbar keine Regeln. Erstmals ist das Hangartor geschlossen und das Hauptdeck gesperrt.


Blick vom Achterdeck der SONNE auf die ersten Sturmwolken. (Bild: BGR)

Blick vom Achterdeck der Sonne auf die ersten Sturmwolken. (Bild: BGR)

Hinter den zwei Bullaugen meiner Kajüte toben Wind und Wellen um die Wette. Windstärke 10 auf See ist eine Hausnummer. Es regnet in Strömen. Nach fast 70 Explorations-Stationen im 24-Stunden-Betrieb müssen die Forscher eine Zwangspause einlegen. Auch das geplante Bergfest, nach dreieinhalb Wochen auf See, musste wegen des Sturms verschoben werden. Enttäuschung auf allen Gesichtern. Für die Crew von Kapitän Lutz Mallon gehört diese Wetterlage mit zur Routine. Die "alten Seebären" im Forschungsteam nutzen den Leerlauf dazu, ihre bisher gewonnen Proben und Messdaten weiter zu dokumentieren und zu analysieren. Andere hoffen nur, dass diese Schaukelei über sieben Meter hohe Wellen endlich wieder aufhören möge.

Dr. Ralf Freitag (v.h.), Henning Wedemeyer (BGR) und Dilip Adhaikari (HCU Hamburg) steuern HOMESIDE vom Labor aus. (Bild: BGR)Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Zwar treiben noch stattliche Wellenberge von hinten das Schiff mit voran, aber das Programm kann fortgesetzt werden – mit der Vermessung des Meeresbodens. Ich besuche das Bathymetrie-Labor. In dem großen fensterlosen Raum leuchten mir viele bunte Farben und Formen aus 40 Monitoren entgegen. Elf davon haben der Geologe Dr. Ralf Freitag und Elektroingenieur Henning Wedemeyer von der BGR mit an Bord gebracht. Sie steuern gerade die zweite Fahrt ihres Echolot-Gerätes HOMESIDE. Es befindet sich in 2800 Metern Tiefe im Schlepptau des Schiffes. Ralf Freitag verfolgt den Flug seines "Fisches" auf den Monitoren in Echtzeit mit. Er hält über Funk Kontakt mit dem Operator an der Seilwinde: "Labor an Winde. Hieven mit null vier". Der Operator bestätigt und zieht den "Fisch" mit 0,4 Meter pro Sekunde hoch, bis zur nächsten Ansage. Während der gesamten Fahrt steuern beide das Gerät so, dass es einen Abstand von 100 Meter über dem Meeresboden einhält. Dies gelingt nur, wenn die Sonne sehr langsam fährt. Bei einem schnelleren Tempo würde es nach oben gezogen werden. Wir schippern also ganz gemächlich mit 1,5 Knoten über das Meer, was einem Spaziergang entspricht und sich an Bord auch so anfühlt.

 3D-Blick auf Meeresboden-Landschaft: 220 Meter hoher Berggipfel (re.) in 2700 Meter Tiefe. (Bild: BGR)HOMESIDE kartiert derweil die Meeresbodenoberfläche auf 10 Zentimeter genau und über eine Breite von 420 Metern. Aktuell scannt es die Oberfläche in fünf Profillinien mit jeweils etwa 13 Kilometern Länge fast lückenlos ab. In 24 Stunden entsteht so eine topografische Karte über ein Gebiet von circa 30 Quadratkilometern. Karten in dieser hohen Auflösung liegen bisher von weniger als einem Prozent des Meeresbodens vor. Selbst gröbere, mit dem Schiffsecholot vermessene Karten, die frei verfügbar sind, decken weniger als 10 Prozent der Meeresbodenfläche ab.
Auf einem der Monitore verfolgen wir in einer 3D-Ansicht den Flug des "Fisches" mit. Wir erblicken als erste die bizarre vulkanische Grabenlandschaft eines bislang unentdeckten Meeresbodens. Mit der Maus vom Computer spazieren wir über einen 220 Meter hohen Vulkan und schauen von dort in ein langes Tal mit mehreren steilen, gestaffelten Abbruchkanten und auf Lavafelder mit finger- und kissenartiger Struktur.

Meike Klischies, Sebastian Graber (GEOMAR) mit Uli Schwarz-Schampera vor neuer topografischer Karte. (Bild: BGR)Aber HOMESIDE kann noch mehr. Auch die Wassersäule wird durchschallt. Bläst ein Schwarzer Raucher seine eisenhaltigen Partikel in das Wasser, werden die Schallwellen an diesen reflektiert und HOMESIDE meldet ein Signal nach oben. Zusätzlich wird die chemische Zusammensetzung im Wasser gemessen. Zeigt diese Unregelmäßigkeiten, könnte dies auch ein Hinweis auf einen Schwarzen Raucher sein. So ausgerüstet und in Kombination mit dem "Schnüffelschlitten" SOPHI kann uns eigentlich gar kein Raucher durch die Lappen gehen. Doch das Lizenzgebiet ist groß und bei diesem Einsatz bleibt unsere Suche vorerst erfolglos. Dafür besitzen die Lagerstätten-Experten eine hochauflösende Karte, die sie als nächstes genauestens analysieren. Die Jagd geht damit weiter.

Viele Grüße von der Sonne,

Bettina Landsmann, BGR-Geologin


Das neue Forschungsschiff SONNE trat seinen Dienst im Frühjahr 2014 an. (Bild: M. Hartig/Meyer Werft)Im Rahmen der Ausfahrt SO259 begibt sich ein Forschungsteam mit Fahrtleiter Ulrich Schwarz-Schampera (Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe) in das deutsche Lizenzgebiet im Indischen Ozean. Dort wollen sie Metallsulfidvorkommen an Schwarzen Rauchern aufspüren.

Im Logbuch für planeterde berichtet das Team direkt von Bord der SONNE.

Eine Kooperation mit der BGR.