Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Logbücher FS SONNE: Indischer Ozean LOGBUCH FS SONNE #4: Der erste Tauchgang

LOGBUCH FS SONNE #4: Der erste Tauchgang

erstellt von eschick zuletzt verändert: 12.12.2013 12:08

Jetzt geht es los: Zum ersten Mal auf der diesjährigen INDEX2013-Expedition kommt der ferngesteuerte Tauchroboter ROV Kiel 6000 zum Einsatz. Im Bordlabor sitzen die Wissenschaftscrew und planeterde-Autor Holger Kroker mit gespannten Blicken vor den Bildschirmen.

Das ROV an Bord. (Bild: Kroker)Kurz nachdem der Kranz-Wasserschöpfer wieder an Bord ist, tritt der Heckgalgen in Aktion und schwenkt ROV Kiel 6000 aus. Der erste Tauchgang beginnt. Im Steuercontainer des Fahrzeugs sitzen die Piloten des Fahrzeugs und zwei Wissenschaftler - sonst niemand. Die 20-Fuß-Stahlkiste ist so vollgestopft mit Elektronik, dass der Zutritt streng limitiert ist. Aber im Seismiklabor sind Bildschirme aufgebaut, auf die die Bilder des ROV übertragen werden.

Hier sitzen Harold Gibson, Professor an der Laurentian University im kanadischen Sudbury und seine Doktorandin Meg Engelbert. Gibson ist Lagerstättenkundler und Spezialist für die Rohstoffvorkommen an Land, die einst aus gewaltigen Hydrothermalfeldern entstanden. An Bord der "Sonne" will er die heutigen Black-Smoker-Felder mit diesen früheren vergleichen. Jetzt sitzt er vor dem Bildschirm und diagnostiziert, was der Tauchroboter am Meeresboden vor die Kamera bekommt, Meg protokolliert es.

Blick auf die Bilder der unterschiedlichen Kameras von ROV Kiel-6000. (Bild: Kroker)Es fängt unspektakulär an: Einzelne Brocken von dunklem Gestein liegen in hellem Sand. Harold diagnostiziert: "Schutt auf dicken Sedimentpaketen, verändertes Gestein." Verändert ist das Gestein durch die Einwirkung der heißen Wässer, denen wir auf der Spur sind - also ist der Kurs genau richtig. An einer Stelle drückt das ROV mit seinem unglaublich beweglichen Roboterarm einen Pushcorer - ein verschließbares Plastikrohr - in den Boden, um eine Sedimentprobe zu nehmen. Die Leichtigkeit, mit der das geht, überrascht alle im Labor. Nach dem sedimentgefüllten Rohr wandern auch noch ein paar Gesteinsproben in die Ablagefächer des Roboters. Dann geht es weiter und die Szenerie wandelt sich zunehmend. Der helle Sand wird immer seltener, dunkles Gestein taucht auf, erst handliche Brocken von zehn oder 20 Zentimetern, doch je weiter Kiel-6000 fährt, desto größer werden die Blöcke. Harold Gibson diagnostiziert: "70 Prozent verändertes Gestein, Sulfid-Blöcke…" Diese Sulfid-Blöcke sind genau das, was die Geologen sehen möchten: Teile von Black-Smoker-Schloten.

Nach und nach wird es immer zerklüfteter, das ROV manövriert über große Sulfidblöcke hinweg, auf denen vereinzelte Anemonen sitzen und mit ihren schwankenden Fangarmen nach Beute fischen. Dann fährt der Roboter über eine Schulter, und da stehen sie: drei, vier, fünf Schlote, die aussehen, als seien sie mit einem hellgrauen, zottigen Fell bedeckt. Das "Fell" besteht aus Abertausenden von Garnelen, die sich an die Schlote drängen. "Sie leben in Symbiose mit Bakterien", erklärt Senckenberg-Biologe Klaas Gerdes, "die den Schwefelwasserstoff als Energiequelle nutzen und die Garnelen mit Nährstoffen versorgen."

Livebilder des Geomar-ROV: Terue Kihara identifiziert Lebewesen, die in 2500 m Tiefe einen Schwarzen Raucher bewohnen. (Bild: Kroker)Am Fuß der Schwarzen Raucher haben die zahllosen Krebstiere eine dicke Schicht Garnelenhäute hinterlassen, die bei jedem Wachstumsschub abgeworfen werden. Diese "Abfallschicht" durchwühlen Krabben und Würme auf der Suche nach Essbarem. Noch etwas weiter entfernt am Meeresgrund wachsen die Anemonen, die auch Garnelen und andere größere Tiere nicht verschmähen. So funktioniert hier, weitab vom Sonnenlicht, ein lebendiges Ökosystem auf der Basis der aggressiven Fluide, die aus der Erdkruste herausströmen.

Turm nach Turm kommt ins Blickfeld der hochauflösenden ROV-Kamera und die Wissenschaftler im Seismiklabor sind ganz aufgekratzt. Vor allem Terue Kihara hält es nicht auf ihrem Platz. Sie springt auf, bestimmt die Arten, die auf dem Bildschirm gezeigt werden und erklärt sofort, was sie tun und welche Rolle sie spielen. Ihr Enthusiasmus steckt alle an. Schließlich saugt der Tauchroboter eine Anemone und etliche Garnelen ein, um sie in der Biobox nach oben zu transportieren. Wie sich herausstellen wird, ist die Anemone ein gewaltiges Tier mit etwa 20 Zentimeter Durchmesser. Eine der Garnelen hat sogar den Transport an die Wasseroberfläche überlebt und macht ein paar Schwimmbewegungen in einem Wasserbecken. Das geht allerdings nicht lange gut, schon nach wenigen Minuten stirbt das Tier, vermutlich war der gewaltige Druckunterschied zu viel.

Nachdem der Roboter auch ein paar kapitale Gesteinsproben von den Schloten selbst aufgeklaubt hat, fährt er an einem dieser Gebilde in die Höhe. Der eingeblendete Höhenmesser zeigt sechs, sieben, acht Meter. Bei 9,70 Meter ist die Spitze des Schlotes erreicht. Er ist bereits verstopft, denn Garnelen bedecken ihn bis oben hin. Nur an der Seite hat sich noch eine Öffnung aufgetan, aus der schwarzer "Rauch" dringt. "Der wird bald ganz verstopft sein und umfallen", meint Harold Gibson. Doch noch raucht der Kamin und schon diese Fahrt mit dem ROV hat das bisherige Bild vom Kairei-Feld wesentlich verändert. Statt nur weniger und kleiner Schlote stehen hier relativ viele, die beachtliche Größe erreichen. Vom rücksichtslosen Absaugen der Garnelen, das die Japaner angeblich gemacht haben, war übrigens auch nichts zu sehen. Die sichtbaren Spuren eines alten Kastengreifereinsatzes waren die einzigen Zeichen, dass hier schon einmal Menschen waren.

Fast wie Weihnachten: Fahrtleiter Uli Schwarz-Schampera (l.) und Harold Gibson (r.) begutachten die Gesteinsproben. (Bild: Kroker)Am Ende einer langen Tauchfahrt kommt der Roboter reich beladen wieder an die Oberfläche. Nachdem er gesichert und der Starkstrom abgeschaltet worden ist, dürfen die Wissenschaftler an ihre Beute. Kiste nach Kiste wird abtransportiert, bezeichnet und dann abgespült. Und natürlich können die Geologen nicht widerstehen, die Proben aus 2500 Metern Tiefe anzufassen, anzuschauen und grob einzuordnen. Am Vorabend des Nikolaustages wirkt das fast wie die Bescherung zu Weihnachten.

 


FS Sonne. (Foto: B. Grundmann, GEOMAR)

planeterde-Autor Holger Kroker ist mit dem Forschungsschiff SONNE in See gestochen. Gemeinsam mit Geowissenschaftlern der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe befindet er sich auf einer Expedition in den Indischen Ozean, um das Auftreten metallreicher Ablagerungen entlang ozeanischer Spreizungszonen zu untersuchen. Für planeterde berichtet Kroker im LOGBUCH FS SONNE über seine Zeit an Bord. Zu einem weiteren Fahrt-Tagebuch, betrieben von der BGR, geht es hier.