Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite News ISPOL-Logbuch10: 7.12.2004

ISPOL-Logbuch10: 7.12.2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Das Ungeheuer von Loch "Steuerbord voraus". Polarstern , 68.43 S/55.17 W, langsame Schollendrift, mäßige Sicht, gedrückte Stimmung. Es ist von zwei gewaltsamen Todesfällen zu berichten. Den einen habe ich aus allernächster Nähe "augenzeugenhaft!" beobachtet. Ein feuerrotes Monster mit fiesen Fresswerkzeugen hat einen vegetarischen Verwandten hinterrücks überfallen, in Stücke gerissen und eingestrudelt.

Anklagend, ja bedeutungstief, sinken Brösel ins antarktische Salzwasser. Allerdings nur wenige Millimeter tief, denn all das geschah in Laborcontainer Nr.035 in einer Petrischale, die mir Jan Michels, Doktorand am Alfred- Wegener-Institut, zuvor liebevoll in den Schärfebereich seines Binokulars gerückt hatte. Der Täter ist ein räuberischer Copepode (Ruderfußkrebs) namens Paraeuchaeta Antarctica. Das Opfer konnte nicht mehr identifiziert werden.Jan Michels kann den Verlust verschmerzen, und im Grunde genommen interessiert ihn ein Detail, das fast jeder andere übersehen hätte, mehr als die Tat; ein winziger länglicher Krümel schwimmt neben den Leichenteilchen. Nicht dem Krimistoff sondern einem Verdauungsüberrest gilt Jans Aufmerksamkeit. Die kleinen Kotballen, die Paraeuchaeta und andere Vertreter des antarktischen Zooplankton-Zoos absondern, sollen nach Möglichkeit ihren individuenreichen Produzenten zugeordnet werden können. Eine wahre Augiasarbeit, der sich besonders Jan Michels' Doktormutter, Sigi Schiel (derzeit ebenfalls an Bord von Polarstern), verschrieben hat. Wenn man Kotballen per Bestimmungsschlüssel exakter den Organismen zuordnen kann, von denen sie stammen, lassen sich Energieflüsse in Eis und Wasser genauer beschreiben und quantifizieren.

Der zweite Todesfall ereignete sich nicht im Millimeterbereich. Ein Wachoffizier sah von der Brücke wie ein Seeleopard, der Polarsterns Eistaucher-Crew schon seit einigen Tagen aus dem Wasser vertrieben hat, eine kleine Krabbenfresserrobbe an der Eiskante zerschmetterte, bevor er sie sich einverleibte. Der Tatort blieb eine Weile blutgefärbt. Rotes Menetekel auf weißem Schnee! Seit das Raubtier das Umfeld von Polarstern auf und ab patroulliert, reißen die Diskussionen an Bord nicht ab. Einerseits gibt es nur einen einzigen seriösen Bericht über eine fatale Begegnung Schnorchlerin-Seeleopard (wohl aber etliche unseriöse, die im Übrigen viel mehr Nachrichtenwert haben!) Andererseits: Ein Fall ist mehr als keiner. Die Meereisbiologen barmen ein wenig der nun fehlenden, gezielten Untereis-Ernte durch Taucher hinterher. Zumal der Fall in der Schwebe bleibt. Denn ab wann darf man davon ausgehen, dass das Ungeheuer von Loch "Steuerbord voraus" sich verzogen hat? Wenn man es drei Tage nicht gesehen hat, ist es dann weiter gezogen oder nur kurzfristig anderweitig beschäftigt? Zeitdruck ist zwar noch kein Thema an Bord. Aber immerhin: In rund einer Woche ist Bergfest, das heißt, es ist die Hälfte der Zeit verstrichen, die für ISPOL 2004/2005 eingeplant ist.

Es wurde schon viel Eisernte in die kühlen Scheuer an Bord eingefahren, viel Brine (sprich: Brein; Salzlauge) rinnt durch Schläuche oder diffundiert durch Siebe, viele Kurven auf zahllosen Laptop-Schirmen beschreiben Eisdicken oder Wassertemperaturen sowie Salzgehalt in Tiefen von Null bis 1500 Metern - (nur 1500 Meter, weil wir am schrägen Hang des antarktischen Festlandsockels dahin driften).

Nur die Kaiserpinguine, die noch vor wenigen Tagen jedem Forscherteam auf dem Eis fast auf Schulterschluss nahe kamen, sind so gut wie verschwunden. Wenn es denn stimmt, dass sie neugierig sind, wäre die adäquate Erklärung für ihr abruptes Desinteresse einfach: Der Neuigkeitswert von bunten, schwimmuntüchtigen Riesenpinguinen hat sich aus ihrer Sicht verbraucht.

Claus-Peter Lieckfeld