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ISPOL-Logbuch11: 12.12.2004

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:29

Abfall ist nicht der letzte Dreck.<br> Angeblich waren Männer, als ihre Frauen noch mit gutem Gewissen Pelze trugen, so ziemlich alle Jäger und Sammler. Jäger haben in modernen Zeiten, in denen Eiweiß nicht mehr in sättigenden Mengen frei herumläuft, nur noch wenig Sympathien.

Und in der Antarktis sind sie sogar strikt verboten. Sammler aber gibt es auf unserer antarktischen ISPOL-Forschungsscholle derzeit gleich dutzendweise. Gesammelt wird allerhand Kleinzeugs von Ruderfuß- zu Flohkrebsen, von Tiefen- bis Oberflächenwasser, von Eisalgen bis Helium, das in homöopathischen Verdünnungspotenzen aus den Tiefen herauf gehievt wird. Besonders bemerkenswert scheinen mir unter all den Sammlern aber die Abfallsammler zu sein. Ehe Protest aufbrandet (es darf keinen Müll in der Antarktis geben, und es gibt seitens Polarstern auch keinen!) sei versichert: Es geht um den hier landesüblichen Abfall, um den organischen, von Biologen auch "Detritus" genannt. Die Frage lautet, und es ist eine sehr ernsthafte Frage: Was fällt von der Scholle, wenn in und unter ihr das Leben tobt - Leben, das bekanntlich aus Fressen- und Gefressenwerden besteht.

Gerhard Dieckmann vom AWI, einer aus der Vierergruppe derer, die ISPOL geplant haben, interessiert sich unter anderem für "Sediment". Das heißt in seinem Fall, für all das, was vom weiß gedeckten Tisch in die Ozeantiefen krümelt. Im Wesentlichen werden seine Sammelobjekte abgestorbene oder "angebissene" Algen sein, Kot von Angehörigen des Planktonzoos im und unterm Eis. Und des Krills nicht zu vergessen, der lange vermisst wurde und schließlich mit Hilfe eines filmenden Untereis-Tauchroboters gesichtet wurde.

Die Fangvorrichtung der Sedimentfalle besteht in diesem Fall aus zwei über einander befestigten Einheiten: zylindrischen, senkrecht im Wasser hängenden Röhren, in die von oben lebendes und totes Material fällt. Nach unten abgeschlossen werden die langen Zylinder jeweils durch einen Drehkranz, der alle sechs Tage (die Wahl der Zeitsprünge kann natürlich auf jedes beliebige Intervall eingestellt werden) eine neue Flasche unter den Fangzylinder klemmt. In den Plastikflaschen nimmt eine mit Quecksilberchlorid behandelte Salzlauge das wissenschaftliche Material auf und konserviert es auf der Stelle für spätere Analysen.

Aber es kann auch mal Störungen der Probennahme geben, die man nicht auf der Rechnung gehabt hat. Nicht haben konnte! In Gerhards rechteckigem Eisloch (durch das die voluminöse Sedimentfalle, mit Gewichten beschwert und zusätzlichem Strömungsmesser ausgestattet, herabgelassen wurde) hat sich eine junge Weddellrobbe eingerichtet. Sie hatte den Einschlupf wohl als Verbesserung ihrer Jagdmöglichkeiten erkannt "...und sie wird mir die Fallen darunter etwas untypisch voll rieseln lassen mit ihrem Hin- und Hergerödel an der Eiskante", so der Versuchsleiter Gerhard Dieckmann, der im Übrigen natürlich nichts gegen Robben hat. GEO-Fotograf Ingo Arndt profitiert von der Irritation: Die junge Schöne ist gut für eine ganze Serie betörender Portraitaufnahmen.

Claus-Peter Lieckfeld