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Eine Stadt in China als Vorbild für die Zukunftsfähigkeit von Megastädten

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:32

Immer mehr Menschen auf der Welt leben in Großstädten. Waren im Jahre 1975 nur 38 Prozent der Menschen Stadtbewohner, so werden bereits 2007 mehr als die Hälfte und spätestens 2030 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Dieser globale Trend zur Verstädterung (Urbanisierung) stellt insbesondere die Entwicklungs- und Schwellenländer vor große Herausforderungen. Vor allem die wachsende Zahl so genannter Megastädte, das sind je nach Definition Städte mit mehr als fünf bis zehn Millionen Einwohnern, verlangt, im Sinne der Vorsorge für nachfolgende Generationen, nach neuen Konzepten für eine nachhaltige Entwicklung.

Diesen Strömungen trägt ein neues Forschungsprogramm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) Rechnung. In dessen Mittelpunkt steht die "Forschung für die nachhaltige Entwicklung der Megastädte von morgen", also Forschung für Großstädte, die sich gegenwärtig zur Megastadt entwickeln. Einem Verbund von Wissenschaft, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung der Metropolregion Rhein-Neckar ist es gelungen, in diesem Rahmen erfolgreich ein Kooperationsprojekt zu starten. Insgesamt werden vom Ministerium 16 Projekte für zunächst zwei Jahre gefördert. Damit viel versprechende Projekte tatsächlich in die Praxis umgesetzt werden können, ist eine anschließende finanzielle Unterstützung von bis zu neun weiteren Jahren möglich.


(c) Urumqi - Dryland Megacity Development

Im Fokus des Projektes "Urumqi: Steuerung umweltsensitiver Stoffkreisläufe zur nachhaltigen Stadtentwicklung in einem Trockengebiet", mit Koordination durch das Geographische Institut der Universität Heidelberg, steht die Hauptstadt der autonomen Provinz Xinjiang im trockenen Nordwesten Chinas. Fernab von den Metropolen der Küstenregion konnte sich hier entlang der alten Seidenstraße seit Jahrhunderten ein Band von Siedlungen entwickeln. Die Gletscherregion des Tien-Shan-Gebirges versorgt die am Rand der Gurbantünggüt-Wüste liegenden Oasenstädte mit dem lebensnotwendigen Wasser. Diese Verbindung bildet die natürliche Voraussetzung für die Landwirtschaft und die Entwicklung von Städten in einer hoch empfindlichen Umgebung.

Die autonome Region Xinjiang zeichnet sich durch ein rasantes Wirtschaftswachstum von 17 Prozent in den Jahren 2003 und 2004 aus; dieser Wert liegt weit über dem chinesischen Durchschnitt. Die Basis der Entwicklung ist der immense Ressourcenreichtum der Provinz: Kohle, Erdgas und Erdöl. Diese Rohstoffe werden bis heute kaum in Xinjiang weiter verarbeitet, sondern in andere Regionen Chinas transportiert. Um zusätzliche Wachstumsmotoren in Xinjiang in Gang zu setzen, soll dies in Zukunft anders werden und die verarbeitende Industrie wird verstärkt aufgebaut. Aufgrund der günstigen Rohstoffbasis und den darauf beruhenden Diversifizierungsanstrengungen wird sich das Wachstum dieses urbanen Ballungsraumes in den nächsten Jahren ungebremst fortsetzen und sogar noch verstärken.

Das Zentrum der wirtschaftlichen Entwicklung in Xinjiang ist Urumqi, eine alte Oasenstadt und heutige Industriemetropole. Rasch wachsende Industrieflächen, verbunden mit den stark steigenden Einwohnerzahlen führen zur Ausdehnung der Siedlungsfläche. Urumqi wächst mit den Nachbarstädten der umgebenden Region Changji zusammen. Bereits heute ist dadurch eine Agglomeration von circa vier Millionen Einwohnern entstanden. Bis ins Jahr 2020 wird mit fünf bis acht Millionen Einwohnern gerechnet. Seit dem Frühjahr 2005 ist dieser Verschmelzungsprozess auch politisches Ziel, und die Stadt wird zunehmend unter ihrer neuen Bezeichnung "U-Chang" geführt.

Diese für die Menschen der Region zunächst sehr positiven Entwicklungen vollziehen sich in einem ökologisch hochsensiblen Trockengebiet. Trockenräume zeichnen sich durch beschränkte ökologische Ressourcen sowie eine große Sensitivität und Reaktivität gegenüber natürlichen (Global Change) und anthropogen verursachten (Human Impact) Veränderungen aus. Mit dem Wachstum der Agglomeration Urumqi sind daher Umweltprobleme verknüpft, die typisch für viele Städte in den trockenen Regionen der Erde sind. Auch zukünftig die Bedürfnisse von wachsender Bevölkerung, Wirtschaft und Landwirtschaft befriedigen zu können, stellt die Region und ihre Menschen in den nächsten Jahren vor ganz besondere Herausforderungen.

Der globale Klimawandel wird darüber hinaus wahrscheinlich weitreichende Veränderungen des Naturhaushaltes in der Region zur Folge haben. So muss damit gerechnet werden, dass große Teile der Gletscher und des Schnees im Tien-Shan-Gebirge schmelzen werden. Damit würde der Wasserfluss in die Stadt dramatisch abnehmen, mit unübersehbaren Konsequenzen für die Trinkwasserversorgung sowie für Landwirtschaft und Industrie. Bleiben die gegenwärtigen Nutzungsbedingungen unverändert bestehen, wäre die zukünftige Wirtschaftsentwicklung hochgradig gefährdet.

Hier setzt das Kooperationsprojekt an. Unter der Federführung des Heidelberger Geographischen Instituts haben sich mehrere Institute der Universitäten Heidelberg und Tübingen, die Stadt Heidelberg und Firmen der Metropolregion Rhein-Neckar im Projekt zusammengeschlossen. Sie sind gemeinsam im UKOM, dem Umweltkompetenzzentrum Heidelberg Rhein- Neckar e.V., aktiv und werden ihr geballtes Know-how für die Unterstützung einer nachhaltigen Entwicklung von Urumqi einsetzen.

Die Schlüsselkreisläufe Wasser, Abfall und Energie sowie deren Wechselwirkungen mit dem Querschnittsthema Gesundheit stehen im Zentrum der Aktivitäten des Projektteams. Alle Bereiche sind eng und vielfältig miteinander verknüpft. So führt beispielsweise die wenig effiziente Nutzung der fossilen Energieträger Kohle und Öl zu einer gravierenden Luftverschmutzung und einer auffälligen Häufung von Atemwegserkrankungen in der Region. Des Weiteren ist die flächendeckende Versorgung mit sauberem Trinkwasser in ausreichender Menge eine entscheidende Voraussetzung für die Gesundheit der Bewohner Urumqis.

Es besteht großer Handlungsbedarf zur Optimierung der Stoffkreisläufe und zum schonenden Umgang mit den Ressourcen, denn Konzepte zum effizienten Umgang mit den Rohstoffen oder zur Kreislaufwirtschaft gibt es bislang kaum. Urumqi hat jedoch gute Voraussetzungen auf diesem Weg. Das gilt zum Beispiel für den Energiesektor, denn Wind- und Sonnenenergie werden bereits heute genutzt, aber die Möglichkeiten sind längst nicht ausgeschöpft und bieten enormes Entwicklungspotenzial.

In Zusammenarbeit mit den chinesischen Partnern soll in den nächsten Jahren das Wachstum der Region begleitet und gesteuert werden, so dass es auf einem langfristig tragfähigen Fundament aufgebaut wird. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen politischen und infrastrukturellen Verschmelzungsprozesse in der Region Urumqi steht für dieses Vorhaben ein sehr günstiges Zeitfenster offen. Es erlaubt, die Weichen in Richtung einer zukunftsgerichteten Entwicklung der zukünftigen Megastadt U-Chang grundlegend neu zu stellen.

Damit diese außergewöhnliche Möglichkeit tatsächlich genutzt werden kann, bedarf es nicht nur einer fundierten Sachkenntnis, sondern ebenso eines intensiven Miteinanders zwischen allen Akteuren auf deutscher und chinesischer Seite. Die mittelfristige Finanzierungsperspektive des "BMBF-Mega-Cities-Programms" bietet den geeigneten Zeitrahmen, um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufzubauen und zukunftweisende Veränderungen für Urumqi gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Von besonderer Bedeutung für die potenzielle Strahlkraft des Fallbeispiels Urumqi ist die Tatsache, dass die Millionenstadt nicht alleine dasteht. In vielen Trockengebieten der Erde entwickeln sich gegenwärtig Großstädte zu Megastädten und ihr Wachstum vollzieht sich unter vergleichbar schwierigen ökologischen Rahmenbedingungen. Sind die im Projekt entwickelten Strategien und Instrumente übertragbar, kann Urumqi einen Vorbildcharakter annehmen und damit helfen, die Zukunftsfähigkeit von Trockengebietsmetropolen zu sichern. Dies eröffnet letztlich auch vielen Firmen die Möglichkeit, ihr Know-how in den Prozess einzubinden.

Ausführliche Informationen zu den Partnern und den Inhalten des Projektes

Pressemitteilung der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Dr. Michael Schwarz, Dezember 2005