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Die Mär vom tumben Tor ist überholt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:33

Die Paläoanthropologie nimmt Abschied von einem lang gepflegten, von manchen auch heiß geliebten Klischee: Der Neandertaler war nicht der tumbe Tor, als der er häufig hingestellt wurde. Er kannte Bestattungsriten, hatte also auch eine Vorstellung vom Jenseits, auch Anzeichen von Kunst hat man bei Neandertalern inzwischen gefunden.

Die spektakulären Höhlenzeichnungen von Chauvet in der französischen Dordogne zählen zum Weltkulturerbe und die im schwäbischen Donautal gefundenen Elfenbeinfigürchen beeindrucken auch mehr als 30.000 Jahre nach ihrer Entstehung noch. "Diese Kunst ist sehr gelungen, sehr schön und präzise hergestellt worden und wesentlich weiterentwickelt ist, als man vielleicht erwarten würde für Funde, die zu den ältesten Beispiel für figürliche Kunst auf Erden gehören", schwärmt Nicholas Conard, Professor für Urgeschichte an der Universität Tübingen, der die Stücke betreut. Bisher wurden sowohl die Zeichnungen als auch die Skulpturen eindeutig dem modernen Menschen zugeschrieben - wem sonst?

Faustkeile gehören zum üblichen Bild, das wir uns vom Neandertaler machen. Foto: Neanderthalmuseum

Denn der Neandertaler war dafür zu primitiv. Waffen, ja, die hatte er in Form von Faustkeilen oder Speeren, doch Kunst, vielleicht auch noch Sprache, Religion oder Musik? Lange Zeit wurde dies als Zeichen des eigentlichen, des modernen Menschen angesehen. Doch spätestens seit etwa zwei Jahren ist das gar nicht mehr so klar. Denn den Paläoanthropologen sind die Künstler der französischen Zeichnungen und der deutschen Skulpturen abhanden gekommen. Das Alter der Elfenbeinfiguren wurde zwar mit naturwissenschaftlichen Datierungsmethoden auf 30.000 bis 35.000 Jahre festgelegt. Doch die menschlichen Überreste, die zusammen mit den Elfenbeinfigürchen gefunden wurden und folgerichtig als Überreste ihrer Schöpfer angesehen wurden, sind viel zu jung.

"Wir haben sie datiert und festgestellt, dass sie neolithisch sind, etwa 5000 C-14-Jahre alt", erklärt Conard, "damit haben sie überhaupt keine Relevanz für unsere Frage." Auch beim "Alten von Cro-Magnon", dem Fossil, das dem modernen Steinzeitmenschen seinen Namen gab, ging es den Forschern nicht anders. Der ist mit 25.000 Jahren viel zu jung, um irgendetwas mit den ein paar Tausend Jahre älteren Höhlenzeichnungen zu tun zu haben. . "Dieses Skelett stammt also aus der nachfolgenden Gravettien-Kultur", erklärt Olaf Jöris vom Forschungsbereich Altsteinzeit des Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Neuwied. Dass er in der älteren Schicht gefunden wurde, liegt offenbar daran, dass die Gravettien-Menschen ihre Toten in Gruben beerdigten.

Die Elfenbeinfiguren von der Schwäbischen Alb, hier ein Vogel von der Fundstätte Hohlefels, sind die früheste Kunst. Foto: Universität Tübingen/Nature

Wer also war es? "Es fehlt eigentlich nur noch der kleinen Sprung, dass wir zugeben oder ernsthaft diskutieren, ob nicht schon der Neandertaler Felszeichnungen angelegt hat", meint Radiokarbon-Fachmann Bernhard Weninger von der Universität Köln. Eine komplett neue Sicht der Altsteinzeit zeichnet sich ab. Denn das Bild vom tumben Neandertaler ist offenbar falsch. "Wir wissen aufgrund der archäologischen Hinterlassenschaften, dass sie zwar archaisch ausgesehen haben, dass ihre Technologie und ihre Kultur aber so modern war wie die des technisch modernen Menschen auch. Also kulturell gibt es nach unserem heutigen Stand keine Unterschiede", meint Gerd-Christian Weniger vom Neanderthal-Museum in Mettmann. Andere sind da vorsichtiger, wollen aus der Tatsache, dass wir bislang für den fraglichen Zeitraum nur Neandertaler- und keine Fossilien von modernen Menschen gefunden haben, nicht schließen, dass ersterer dann auch die Kunstwerke geschaffen hat.

Dennoch differenziert sich das Bild immer weiter: Die Urmenschen hatten auch die anatomischen Voraussetzungen für Sprache - wieder so ein menschliches Attribut, das man ihnen früher konsequent verweigerte. Ein 1983 in Israel gefundenes Fossil hatte ein Zungenbein, so dass die Neandertaler Laute hätten formen können. Ob sie es dann auch taten und ob daraus so etwas wie eine Sprache wurde - das kann man freilich nach Zehntausenden von Jahren nicht mehr sagen. Tatsächlich gibt es auch bei den kulturellen "Errungenschaften", die man dem Neandertaler zuschreiben könnte, ein Problem: Sie stammen alle aus der Endphase dieser Menschenform, aus der Zeit also, als der Neandertaler bereits mit dem aus Afrika eingewanderten Konkurrenten konfrontiert war. Könnte es sich dabei also um Nachahmung, vielleicht sogar um simple Aneignung handeln? Die Diskussion um das Verhältnis zwischen Neandertaler und modernen Menschen wird so schnell nicht abreißen - doch der tumbe Tor gehört der Vergangenheit an.