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Klimawandel mit historischer Rolle

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:33

Klima und Umwelt werden in der Geschichtsschreibung in der Regel nur als Kulisse für das menschliche Treiben wahrgenommen. In jüngster Zeit setzt sich jedoch die Einsicht durch, dass sie wichtige Rollen spielen. In Gebieten, die sehr empfindlich auf klimatische Änderungen reagieren, kann daraus schon einmal eine Hauptrolle werden. Die Ostsahara ist so ein Gebiet, und deutsche Forscher haben die Besiedlungsgeschichte in Abhängigkeit vom Klima herauspräpariert.

Die erste Hochkultur des Mittelmeerraums ist auch das Produkt einer existenziellen Notlage. Die Entstehung des pharaonischen Ägyptens vor rund 5500 Jahren fällt zusammen mit der endgültigen Austrocknung der östlichen Sahara. Wer sich damals noch in dem ehemals blühenden Areal von der Größe Westeuropas aufhielt, musste sich vor den vorrückenden Sanddünen schleunigst in die verbliebenen bewohnbaren Gebiete zurückziehen. Das waren neben dem Niltal nur noch die Oasen des ägyptischen Westens und das Wadi Howar im nordwestlichen Sudan. Deutsche Forscher vom Sonderforschungsbereich ACACIA (Arid Climate, Adaptation and Cultural Innovation in Africa - Kultur- und Landschaftswandel im ariden Afrika) haben jetzt in der Fachzeitschrift "Science" zum ersten Mal einen Überblick über den engen Zusammenhang zwischen Klimaschwankungen und der Entwicklung der menschlichen Kultur in der Ostsahara gegeben.

"Die Ostsahara ist das trockenste Warmgebiet der Erde", erklärt Dr. Stefan Kröpelin, einer der Autoren. Etwa zwei Millimeter Niederschlag fällt hier im Durchschnitt, während die Verdunstungsrate bei ungefähr 6000 Millimetern liegt. Vergleichbar trocken ist es nur noch auf dem innerantarktischen Hochplateau. In einer solchen Umgebung können natürlich kleinste Klimaveränderungen große Wirkungen haben. Insgesamt drei deutsche Großprojekte haben sich seit 1980 der Besiedlungsgeschichte in diesem empfindlichen Gebiet gewidmet und dabei in Hunderten von Orten nach den Spuren der ehemaligen Bewohner und der Umgebung, in der sie lebten, gesucht. "Wir haben so ein relativ genaues Bild von den Vorgängen in diesem Gebiet erhalten", so Kröpelin, der von Anfang an dabei war.

Eine vergleichsweise geringe Klimaänderung steht am Beginn vor 10.500 Jahren. Innerhalb kurzer Zeit drangen die feuchten Monsunwinde vom Indischen Ozean 800 Kilometer weiter nach Norden als zuvor und verwandelten die bis dahin extrem trockene Sandwüste in eine fruchtbare Savanne mit ausgedehnten Wiesen. Diese Zeit wird als klimatisches Optimum des Holozäns, der jüngsten Phase der Erdgeschichte, bezeichnet. Tiere und in ihrem Gefolge auch Menschen drangen aus dem Südsudan rasch nach Norden vor, denn hier konnten sie sich besser versorgen als in den dichten Wäldern des Südens. Für das Niltal bedeuteten die Monsune allerdings eine Verschlechterung. Die fruchtbare Gegend, die nach zahlreichen Ausgrabungen zu urteilen besiedelt und bewirtschaftet war, verwandelte sich in Sumpf- und Marschland, das zudem regelmäßig von starken Überschwemmungen heimgesucht wurde. Nur wenige Menschen blieben unter diesen Umständen, die meisten zogen weg in die attraktiveren Savannen der Umgebung.

Die Monsunwinde blieben die nächsten 3000 Jahre stabil und die Menschen begannen in dem Gebiet mit der Viehhaltung. Ziegen und Schafe wurden wohl aus der Levante eingeführt, die Rinder kamen aus lokalen Wildrassen. Der Einfluss sowohl aus dem Mittelmeerraum als auch aus dem Süden lässt sich ebenfalls aus Steinwerkzeugen und Keramik rekonstruieren. Vor 7300 Jahren setzte ein erneuter Klimawandel ein. Die Monsune wurden wieder schwächer und die Vegetation zog sich zurück. Die harscheren Umstände zwangen die Menschen zur Umstellung ihrer Lebensweise. Es entstand eine bis heute in Afrika enorm erfolgreiche Wirtschaftsform: das Nomadentum. Die Menschen konnten nicht mehr an einem Ort siedeln und dort ihr Vieh und sich selbst ernähren, sondern mussten umherziehen, damit die Tiere satt wurden.

Die Wüste drang wieder vor, die Bevölkerung verschwand zunächst aus der Fläche und blieb nur in einigen Rifugien, wo Grundwasser oder günstige klimatische Umstände noch Bewuchs ermöglichten. Jetzt begann auch das Niltal wieder attraktiv zu werden. Vor 5500 Jahren waren die Bedingungen dann nahezu wieder so trocken, wie am Anfang: Ein Leben in der Wüste war nicht mehr möglich, nur das Niltal, die Oasen im ägyptischen Westen und das Wadi Howar in Nordsudan waren die einzigen Stellen in der Ostsahara, wo Menschen noch dauerhaft leben konnten und eine der ersten Hochkulturen der Erde entwickelten. Dieser Vorgang dürfte anfangs aufgrund der starken kulturellen Unterschiede, die sich inzwischen ausgebildet hatten, nicht einfach gewesen sein. Archäologischen Funden aus der Frühzeit des Alten Reiches zufolge, gab es gewaltige Anstrengungen, die unterschiedlichen Kulturen in ein Gemeinwesen zu integrieren.

Von den weitaus älteren Siedlungen des klimatischen Optimums blieben nur wenige Spuren, die Erinnerung verschwand völlig. Dennoch haben Forscher wie Stefan Kröpelin die Erfahrung gemacht, dass ihre Forschungsergebnisse gerade vor Ort begierig aufgenommen werden: "Für das Selbstwertgefühl und die Identität der Menschen ist das Wissen extrem wichtig, dass es schon vor Tausenden von Jahren in ihrem Land Menschen mit Kultur gab."