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Wachstumsregion Alpen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 23.08.2007 14:40

Geologen haben einen Forschungsgegenstand, der ihrem direkten Zugriff weitgehend verschlossen ist. Viel mehr als ein bisschen an der Oberfläche kratzen können sie nicht, also müssen sie auf raffinierte technische Hilfsmittel zurückgreifen. So rekonstruiert die Thermochronologie mit Hilfe von Veränderungen in der Kristallstruktur von Mineralen die Entwicklung von Gebirgen. An der Universität Bremen fand in dieser Woche die Europäische Thermochronologentagung statt.

Es klingt paradox, doch die besten Informationen über die Entstehung von Gebirgen erhalten die Geologen aus dem Schutt, den die Flüsse aus den Bergen heraustragen. Mit Hilfe der Spaltspurenanalyse können die Wissenschaftler jetzt genau klären wie etwa die Alpen entstanden sind. Ursache ist auch hier der Zusammenstoß zweier tektonischer Platten. Die Alpen sind sozusagen die Knautschzone zwischen Europa und Afrika, denn Italien und die Adria sind Teil der afrikanischen Platte, die sich hier über Europa schiebt und so noch heute die Alpen um rund einen Millimeter pro Jahr wachsen lässt.

"Die volle Kollision hat vor rund 35 Millionen Jahren stattgefunden", erklärt Dr. Joachim Kuhlemann, Privatdozent am Institut für Geowissenschaften der Universität Tübingen. Der Alpenbogen ist hat sich allerdings nicht so einfach gebildet: Der Zusammenstoß findet tief im Inneren der Erde statt, und erst danach hebt sich das Gebirge an. Der Grund liegt darin, dass das Gestein des Gebirges leichter ist als das umgebende Material und daher langsam nach oben steigt. "Wir haben eine starke Hebungsphase vor ungefähr 30 Millionen Jahren, die dann auch verbunden war mit einem starken Vulkanismus im Süden", so Kuhlemann, "dann begann vor 21 Millionen Jahren eine Phase des Kollapses, in der sich die Alpen ins Ost-West-Richtung gedehnt haben, und vor 17 Millionen Jahren wieder eine Hebungsphase." Damit war die Bildung des europäischen Hochgebirges immer noch nicht beendet, denn vor höchstens fünf Millionen Jahren beschleunigte sich der Aufstieg der Berge erneut dramatisch.

Bislang war allerdings nicht klar, ob dieser Aufstieg tatsächlich stattgefunden. Denn auch diese Information gewinnen die Geologen aus dem Schutt, den die Erosion im Gebirge produziert. Steigt die Erosionsrate an, so kann das zwei Ursachen haben: Entweder wachsen die Gebirge schneller und bieten dem Wetter mehr Angriffsfläche, oder die Umweltbedingungen verändern sich und gehen rabiater mit dem Gestein um. Hier erweisen sich die Tunnelprojekte als wahrer Glücksfall, die in jüngster Zeit in den Alpen begonnen wurden. Denn in ihnen kommen die Wissenschaftler an Material, das erst in Hunderttausenden von Jahren an die Oberfläche gelangt sein wird. "Wir haben an Proben aus dem Lötschbergtunnel gesehen, dass diese jüngste Hebung tatsächlich ein tektonischer Impuls war und frühestens vor fünf Millionen Jahren begann", erklärt Cornelia Spiegel, Chefin des Thermochronologielabors in Tübingen. Ihre Ergebnisse vom Lötschberg zeigen, dass dieser vorerst letzte Schub für die Alpen sich sogar bis vor drei Millionen Jahre hinzog. Warum sich die Bildung der Alpen in mehreren Schüben vollzog, und warum sich das Gebirge einmal sogar gedehnt und damit abgeflacht hat, das können die Thermochronologen aus ihren Daten freilich nicht herauslesen.