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Meeräsche auf Melone und Rotalgen: "Ferner Osten" liegt in List auf Sylt

erstellt von redaktion zuletzt verändert: 23.08.2007 14:42

Forscher des Alfred-Wegener-Instituts untersuchten Nahrungstauglichkeit von Nordseealgen - DBU förderte

List. Meeräsche auf Melone - und Rotalgen! Wer dabei an fernstöstliche Küche denkt, muss den Fernen Osten demnächst in deutschen Küstenregionen suchen. Denn wenn es nach den Visionen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in List auf Sylt geht, werden Algen zukünftig auch auf traditionellen Speiseplänen in heimischen Gefilden häufiger zu finden sein. "Gesund, nahr- und schmackhaft und vor allem das einzige Gemüse, für dessen Erzeugung wir kein Süßwasser benötigen. Und Süßwasser ist ein knapper Rohstoff," weiß Prof. Dr. Klaus Lüning, der die Tauglichkeit von Nordseealgen für die menschliche Nahrung untersucht hat. Gefördert wurde das nun abgeschlossene Projekt mit 100.000 Euro durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU).

40.000 Algenarten sind auf der gesamten Welt bekannt, 160 zum Essen geeignet. Und gegessen werden sie! In Südostasien gehen jährlich neun Millionen Tonnen durch die hungrigen Kehlen. "Algen haben eine Nährstoffgehalt wie keine andere Nahrung auf der Welt und eignen sich hervorragend als Nahrungsmittel sowie als Rohstoff für Schönheits- oder Medizinprodukte", sagt DBU-Pressesprecher Franz-Georg Elpers. Angesichts ausgelaugter Böden und belasteter Nahrungsmittel biete es sich an, Algen in Massenkultur zu erzeugen, zu verwerten und so ganz nebenbei auch noch Nährstoffe aus angekoppelten Fisch-Wasserkulturen im Kreislaufsystem zu verwerten. Lüning: "Eine ideale Ergänzung: Die Abfallstoffe des Tieres werden zum Nährstoff der Pflanze und umgekehrt." In diesem Sinne erkundeten Lüning und sein Team vor Sylt schwerpunktmäßig, welche Rot- und Braunalgen sich unter welchen Bedingungen für die geschlossene Wasserkultur eignen.


Abb.: Mit Begeisterung bei der Sache: Sternekoch Jörg Müller bereitet in Westerland seinen Sylter Fischersalat mit Algen zu. Interessierte Redaktionen können das Rezept bei der DBU anfordern.
© Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) Osnabrück

In 2.000-Liter-Meerwasser-Tanks in zwei Gewächshäusern der Wattenmeerstation Sylt wurde zunächst die Kulturtechnik für die Algen getestet. Zum Ende des ersten Jahres hatten sie ca. 130 Kilogramm Rot- und 30 Kilogramm Braunalgen geerntet, wobei die Rotalgen komplett an zwei deutsche Firmen verkauft wurden, die sie vor allem an Restaurants lieferten. Im zweiten Jahr waren es schon insgesamt 280 Kilogramm. Zusätzliches Wertschöpfungs-Bonbon für die Rotalge: Mit der Zucht der Hochpreis-Meeresschnecke Abalone wurde begonnen, die am liebsten frische Rotalgen frisst. Diese sogenannten Sylter Meerohren kommen nach vier Lebensjahren auf ein Körpergewicht von 80 Gramm und werden für 20 Euro je Kilogramm nach Südostasien verkauft.

Die Methodik der ganzjährigen Massenkultivierung von Rot- und Braunalgen hält der Wissenschaftler jedenfalls für "gesichert und aussichtsreich". In fünf bis acht Wochen verdoppele sich die Algenbiomasse. Die Züchtung im Gewächshaus ermögliche ganzjährig Algenproduktion, wenn auch im Winter nur durch gelbes Langtag-Zusatzlicht ermöglicht. Um zukünftig größere Braunalgenmengen kostengünstig parat zu haben, soll eine Schwimmseil-Meeresfarm in unmittelbarer Strandnähe an der Wattenmeerstation entstehen: Wie in Fernost erprobt, sollen von zwei je 100 Meter langen, verankerten, im Labor mit Sporophyten bewachsenen Schwimmseilen in drei bis vier Monaten 600 Kilogramm Braunalgen geerntet werden. Sporophyten sind Zellen, die Sporen produzieren, über die durch geschlechtliche Fortpflanzung neue Algen entstehen. Für die Züchtung von Rotalgen soll die Seil-Meeresfarm direkt im Meer erprobt werden. Elpers: "Die Freilandproduktion von Makroalgen schont Süßwasserreserven, vermeidet das Sammeln der Algenbiomasse in der Natur und schont damit die Algenbestände im Meer, die Lebensraum für eine vielfältige Tierwelt sind."


Weitere Informationen unter...


Pressemitteilung
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)
12.04.2006