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ISPOL-Logbuch1: 8. November 2004

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 23.08.2007 14:45

Es macht einen Unterschied, von wo aus man einen Berg sieht. Beim Tafelberg, dem mythenumwehten Granitriegel am Südende Afrikas, spürt man die Magie am eindringlichsten von der Hafenseite aus, besser noch von den Planken eines Schiffes.

Auf dem Hubschrauberdeck von Polarstern, drängen sich am 6.11. gegen 20 Uhr Ortszeit ein paar Dutzend Wissenschaftler aus Belgien, Griechenland, Holland, Frankreich, Kanada, Finnland, England/Wales, USA, Australien, Brasilien und Deutschland, um für rund zweieinhalb Monate Abschied zu nehmen vom festen Untergrund.

Gedanken sind - anders als feinste Spurenstoffe, für die es auch einen Spezialisten an Bord gibt - keine messbaren Einheiten; und doch meint man, in den Gesichtern lesen zu können, während die Polarstern sich mit den kräftigen Seitenstrahlern von der Pier wegdrückt: hier etwas Melancholie, da deutlich mehr "Jetzt-geht's-los!"- Stimmung. Eis-Routiniers und Teilnehmer, denen noch kein Seebein gewachsen ist, prosten sich aufmunternd zu. Jemand verteilt Cap-Erdbeeren; eine Kleingruppe vertreibt die Gedanken an das kommende Eis mit small talk über die besten tropischen Tauchreviere.

Und dann auch noch das - als Polarstern die Hafenzone schon zwei drei Seemeilen hinter sich hat und die Dünung den fast 120 langen Stahlleib erstmals schwingen lässt: ein Feuerwerk. Nicht für uns, aber wir annektieren es mit den Augen. Erste gute Erfahrungen an Bord. Die Küche ist offenbar so gut, wie der Ruf, der ihr vorauseilt. Und der Blick in das kleine Trimm-Studio lässt Hoffnung aufkommen, dass man mit etwas Disziplin verhindern kann, demnächst wie eine Presswurst in seinem Kälteschutzanzug zu stecken.

Die Sicherheitseinweisung am ersten Tag, bestätigt einem, was inzwischen unübersehbar ist: rundum Wasser, das zwar noch freundliche 18 Grad warm ist, dem man ansonsten aber nur sehr kontrolliert nahe kommen sollte. Apropos nahe kommen: Die internationale Gemeinde der Eis- und Kaltmeer-Forscher ist keineswegs frostig, ganz im Gegenteil: Zwei interessierte Fragen - woher, was machst du hier - und man ist in jeder Beziehung im Boot. Und man ist sich, dafür sorgt allein schon die Enge, ja in jedem Fall nah. Allerdings gab es auch schon eine Situation, in der sich jeder selbst der Nächste war. Bei der Verteilung der Laboratorien (drei Kategorien: nass, trocken, Chemie) an die 19 unterschiedlichen Einzelgruppen spürt man durch alle artige Freundlichkeit hindurch doch schon so etwas wie Selbstbehauptungswillen: Survival of the fittest. Und fit kann man nur sein, wenn man seine Gräte optimal positionieren kann.

Der wissenschaftliche Fahrtleiter, Michael Spindler, hob denn auch "hörbar" die Augenbrauen: Die Vorab-Anmeldungen in Bremerhaven waren doch etwas moderater als der jetzt verkündete Bedarf. Aber man hat vorsorglich etwas Überkapazität gebunkert. Bei den transportablen Container-Laboratorien sollten denn auch alle Wünsche in Erfüllung gehen. Lediglich bei den zwei Chemie-Labors wird man sich arrangieren müssen. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass nicht die eine Gruppe - etwa durch Lösungsmitteleinsatz - die Messergebnisse der benachbarten verfälscht.

Den gesamten zweiten Tag hindurch wird verschoben, gewuchtet, gezerrt und bisweilen dezent geflucht. Die Container voll wissenschaftlichem Gerät konnten beim Beladen in Bremerhaven natürlich nicht nach Nutzergruppen vorsortiert werden - Vorrang hat die rationelle Ausnutzung des Stauraumes. Und seit Stunden verdicken sich die Spülsäume aus Kisten, Hartkartons und der Gleichen in den Gängen. Dringender Aufruf des verantwortlichen Offiziers Steffen Spielke, das Material in die Laboratorien oder den ausgewiesenen Stauraum zu bringen, damit die restlichen Container geleert werden können. Der staunende Laie begreift, dass Logistik sehr viel mit Logik zu tun hat. Was zuerst gebraucht wird, muss auch zuerst wieder zugänglich sein. Zudem hat die Polarstern, tiefer im Bauch, schon das Material eingelagert, das für die nachfolgende Expedition gebraucht wird, die ebenfalls von Kapstadt starten wird. Mit Ausnahme brennbarer Stoffe, dürfen auf Polarstern keine Chemikalien in Containern untergebracht werden. Die Stoffe sind, wie international üblich, in einzelne Gefahrgutklassen unterteilt - wie Klasse 1 (explosiv), 6 (giftig) oder 7 (radioaktiv).

Und dann war da noch die Sache mit dem Laborcontainer der Belgier, der auf dem wetterumtosten Achterschiff zu weit von allen Arbeitsmöglichen entfernt steht und sobald wie möglich unter Deck soll. (Ein an Deck stehender Container der Belgier wurde sogar von einem überkommenden Brecher in der Biscaya hart angeschlagen - sieht aus als wäre ein Lastwagen in die Leitplanke gefahren). Da man das schwere Teil nicht durch das ganze Schiff verschieben kann, wird man das Mordstrumm in ein paar Tagen mit einem der Bordkräne auf eine Scholle setzen, das Schiff ein Stück achteraus ziehen (rückwärts fahren) und dann die Last wieder auf dem Vorschiff an Bord hieven. Auch für die Eis-Veteranin Polarsten keine alltägliche Aktion, auf die sich insbesondere der Fotograf Ingo Arndt freut. Vorerst arbeitet er noch - wie manch anderer, den die Seekrankheit erwischt hat - mit halber Kraft.

Den ersten Wal haben die meisten verpasst. Aber die ersten Albatrosse, die mit Grazie die Wellenkämme abreiten als gelte die Erdanziehungskraft nicht für sie, lösen fachübergreifende Diskussionen aus: Waren das nun Riesensturmvögel oder schon Mollymauks, die eher für die Roaring Fourties typisch sind, die wir erst knapp erreicht haben. Und die schwarzen fingerlangen Staatsquallen ("Segler im Wind" ihr romantischer Populärname), die wie blaue Kondome im aufgequirrlten Wasser unterhalb der Reling aufploppen, wären kaum jemandem aufgefallen, wenn Markus Esser, von der Universität Köln, sie nicht freundlicherweise publik gemacht hätte.

Zitat des Tages (anlässlich der Kurzvorstellung der einzelnen Wissenschaftlergruppen untereinander) Michael Spindler, Fahrtleiter: "Wer Probleme hat, sei es mit Material oder mit Kollegen, kann sich jederzeit an mich wenden. Und falls einer Probleme mit sich selbst hat ... ich habe auch einen Doktortitel in Psychologie ..."

Claus-Peter Lieckfeld