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Keine leichte Beute – wie sich Stegosaurier zur Wehr setzten

erstellt von Lutz_Peschke zuletzt verändert: 11.07.2011 14:09

Der im Museum für Naturkunde Berlin ausgestellte tansanische Dinosaurier Kentrosaurus aethiopicus besaß einen mit Stacheln bewehrten Schwanz. Bisher wurde angenommen, dass der Schwanz nicht beweglich genug zur Verteidigung war. Zwei neue Studien am Museum für Naturkunde widerlegen dies. Dazu wurden hochauflösende Laser-Scans der einzelnen Knochen des im Museum ausgestellten Skeletts in einer CAD Software zu einem digitalen Skelett montiert und die Beweglichkeit eines jeden Gelenks einzeln gemessen. Mit einer Physik-Software wurde ausgerechnet, dass Kentrosaurus sich durchaus mit peitschenartigen Schlägen verteidigen konnte, die Geschwindigkeiten von mindestens 70 km/Stunde erreichten.

Wie sein besser bekannter Verwandter Stegosaurus aus Amerika steht der am Berg Tendaguru gefundene tansanische Dinosaurier Kentrosaurus aethiopicus im Ruf, ein ziemlich wehrhafter Zeitgenosse gewesen zu sein. Doch obwohl er einen mit abschreckenden Stacheln bewehrten Schwanz hatte, argumentierten vor 100 Jahren die Leiter der Berliner Ausgrabungskampagne, Werner Janensch und Edwin Hennig, in ihren wissenschaftlichen Schriften, dass der Schwanz nicht beweglich genug gewesen sei, um sich eines Angreifers zu erwehren. Ganz im Gegensatz zu Stegosaurus, dessen amerikanische Erforscher den Schwanz deutlich mobiler interpretierten. Als US-Wissenschaftler dann zu Lebzeiten abgebrochene Schwanzstacheln fanden und einen Raubsaurierwirbel, der mit einen Stachel zertrümmert worden war, stand fest: Stegosaurier verteidigten sich mit dem Schwanz gegen Angreifer.

Zwei neue Studien am Museum für Naturkunde in Berlin zeigen nun, dass der Schwanz von Kentrosaurus durchaus sehr beweglich und kräftig war. Dazu wurden hochauflösende Laser-Scans der einzelnen Knochen des im Museum ausgestellten Skeletts in einer CAD Software zu einem digitalen Skelett montiert und die Beweglichkeit eines jeden Gelenks einzeln gemessen. Mit einer Physik-Software konnte auch ausgerechnet werden, wie schnell und mit wie viel Kraft Kentrosaurus zuschlagen konnte. „Je nachdem, mit wie viel Muskulatur man den Schwanz rekonstruiert und welches Bewegungsmuster man annimmt, kommt eine breite Spanne an möglichen Geschwindigkeiten heraus,“ sagt Heinrich Mallison, Wissenschaftler am Museum für Naturkunde. „Aber selbst bei vorsichtig gewählten Werten sind es schnell 70 km/h, und das über einen Winkel von fast 90 Grad. Wie Krokodile oder auch Warane und andere Reptilien heute benutzte der Dinosaurier aus Afrika vermutlich eine Peitschenbewegung. Damit lassen sich schnell sehr hohe Geschwindigkeiten erzeugen. Kentrosaurus konnte mindestens so viel Kraft aufbringen wie nötig gewesen wäre, um einem Menschen mehrere Rippen zu brechen – wenn es denn schon Menschen gegeben hätte.“ Gut gezielte Volltreffer brachten wohl ein Vielfaches an Kraft auf, und konnten die Stachelspitzen tief in den Körper eines Angreifers treiben. Nur aus dem Hinterhalt oder zu mehreren hatten Raubsaurier eine Chance gegen einen Stegosaurus, folgert der Paläontologe Mallison.

Die neuen Studien am Kentrosaurus zeigen deutlich, wie wichtig moderne Techniken in der Paläontologie geworden sind. „Das digitale Zeitalter in unserer Wissenschaft ist längst angebrochen, und wir finden ständig neue Wege, spannende Fragen über das Wachstum, die Lebensweise und das Verhalten der Dinosaurier zu beantworten“, sagt Daniela Schwarz-Wings, Saurier-Kuratorin am Museum für Naturkunde. Obwohl seit ihrer Ausgrabung ein Jahrhundert vergangen ist, bleiben an den Funden aus Tendaguru noch viele Aspekte für zukünftige Forschung.


Pressmitteilung des Museums für Naturkunde - Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin, Juli 2011