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Orient droht Klima-Exodus

erstellt von eschick zuletzt verändert: 02.05.2016 14:33

Die Zahl der Klimaflüchtlinge könnte künftig dramatisch steigen. Wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Chemie und vom Cyprus Institute in Nicosia berechnet haben, dürfte es im Nahen Osten und in Nordafrika so heiß werden, dass Menschen dort in vielen Gegenden nicht mehr leben können. Das Ziel, die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, was auf den jüngsten UN-Klimakonferenzen beschlossen wurde, wird nicht ausreichen, das zu verhindern.

Sandstürme wie hier über Kuwait dürften im Nahen Osten und in Nordafrika häufiger werden. (Bild: Molly John, Flickr)Die sommerliche Durchschnittstemperatur in den bereits heute sehr heißen Regionen des Orients wird mindestens doppelt so schnell ansteigen wie global. Das hätte zur Folge, dass die Temperaturen südlich des Mittelmeers schon Mitte des Jahrhunderts an besonders heißen Tagen etwa 46 Grad Celsius erreichen werden. Und von diesen Tagen wird es dann mehr als fünfmal so viele geben wie noch zur Jahrtausendwende. Zusammen mit einer steigenden Luftverschmutzung durch Wüstenstaub, könnte die zunehmende Hitze das Leben vieler Menschen dort so unerträglich machen, dass sie sich zur Flucht gezwungen sehen dürften.

Über 500 Millionen Menschen leben im Nahen Osten und in Nordafrika – einer Region, die bereits jetzt vom Klimawandel stark betroffen ist. So hat sich dort die Zahl der extrem heißen Tage seit 1970 verdoppelt. „Das Klima in weiten Teilen des Orients könnte sich in den kommenden Jahrzehnten so verändern, dass es geradezu lebensfeindlich wird“, sagt Jos Lelieveld, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie und Professor am Cyprus Institute.

Er und seine Kollegen haben jetzt detailliert ermittelt, wie sich die Temperaturen im Nahen Osten und in Nordafrika im 21. Jahrhundert entwickeln werden. Heraus kam Erschreckendes: Selbst wenn sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit im Schnitt nur um zwei Grad Celsius erwärmt, steigt die Temperatur dort im Sommer um mehr als das Doppelte. In den wärmsten Zeiten werden die Thermometer schon Mitte des Jahrhunderts nachts nicht unter 30 Grad fallen und am Tag auf 46 Grad Celsius ansteigen. Bis Ende des Jahrhunderts könnte die Mittagstemperatur während heißer Tage sogar bei 50 Grad Celsius liegen. Ein weiteres Ergebnis: Hitzewellen können zehnmal häufiger auftreten.

Mitte des Jahrhunderts 80 statt 16 extrem heiße Tage


Naher Osten/Nordafrika, Temperaturanstieg bis 2050: Winter um 2,5 - Sommer um 5 Grad, bei gleichbleibender Emissionszunahme. (Bild: MPI für Chemie)Zudem wird sich die Dauer der Hitzeperioden in den besonders betroffenen Gebieten Nordafrikas und des Nahen Ostens dramatisch verlängern. War es in den Jahren von 1986 bis 2005 durchschnittlich 16 Tage lang sehr heiß, wird es Mitte des Jahrhunderts an über 80 Tagen und Ende des Jahrhunderts an mehr als 118 Tagen ungewöhnlich heiß sein, selbst wenn die Treibhausgas-Emissionen ab 2040 wieder sinken. „Wenn die Menschheit weiter wie bisher Kohlendioxid freisetzt, müssen die Menschen im Nahen Osten und Nordafrika sogar mit etwa 200 ungewöhnlich heißen Tagen rechnen“, sagt Panos Hadjinicolaou, Professor am Cyprus Institute und Klima-Experte.

Dass die absehbaren Klimaveränderungen massive Auswirkungen auf die Umwelt und die Gesundheit der dort lebenden Menschen haben werden, davon ist Atmosphärenforscher Jos Lelieveld überzeugt. „Der Klimawandel wird die Lebensumstände im Nahen Osten und in Nordafrika weiter deutlich verschlechtern. Langandauernde Hitzewellen und Sandstürme werden viele Gebiete unbewohnbar machen, was sicher zum Migrationsdruck beitragen wird“, sagt Jos Lelieveld.

Das Forscherteam hat kürzlich auch Ergebnisse zur steigenden Feinstaubbelastung im Nahen Osten veröffentlicht. Demnach hat diese seit Anfang des Jahrhunderts in Saudi-Arabien, im Irak und in Syrien bis zu 70 Prozent zugenommen. Sie ist vor allem auf vermehrte Sandstürme aufgrund zunehmender Dürre zurückzuführen. Auch hier erwarten die Forscher bedingt durch den Klimawandel einen weiteren Anstieg, was die Lebensbedingungen in der Region zusätzlich erschwert. Für die jetzt veröffentlichte Studie verglichen Lelieveld und seine Kollegen zunächst Klimadaten der Jahre 1986 bis 2005 mit den Vorhersagen von 26 Klimamodellen für den gleichen Zeitraum. Da die Messdaten und die Prognosen sehr gut übereinstimmten, nutzten die Wissenschaftler die Modelle, um die Klimadaten für die Zeiträume 2046 bis 2065 und 2081 bis 2100 zu berechnen.

Stärkster Temperaturanstieg im ohnehin heißen Sommer


Dabei legten sie ihren Rechnungen zwei Zukunftsszenarien zugrunde: Das erste Szenario, wissenschaftlich RCP4,5 genannt, geht davon aus, dass der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen etwa um das Jahr 2040 wieder abnimmt, und die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts einer Erwärmung von 4,5 Watt pro Quadratmeter ausgesetzt wird. Das RCP4,5-Szenario entspricht in etwa dem Zwei-Grad-Ziel, das auf den jüngsten UN-Klimakonferenzen beschlossen wurde und demzufolge die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius begrenzt werden soll. Im zweiten Fall (RCP8,5) nimmt man an, dass die Treibhausgase weiter ansteigen wie bisher. Daher wird diese Annahme auch als Business-as-usual-Szenario bezeichnet. Hiernach würde sich die Erdoberfläche global durchschnittlich über vier Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit erwärmen:

In beiden Szenarien ist der stärkste Temperaturanstieg im Nahen Osten und in Nordafrika in den ohnehin heißen Sommermonaten zu erwarten und nicht, wie in den meisten anderen Regionen der Erde, im Winter. Dies ist in erster Linie auf die Wüstengebiete wie etwa die Sahara zurückzuführen, da Wüsten Wärme sehr schlecht puffern und sich heiße Luftmassen an der Oberfläche nicht durch die Verdunstung von Bodenwasser abkühlen können. Da über der Wüste in die Verdunstung keine Energie des Sonnenlichts fließt, sondern dieses weitgehend in Wärme-Strahlung umgewandelt wird, ist der Treibhauseffekt durch Kohlendioxid und Wasserdampf auch überproportional stark.

Egal, welches Szenario des Klimawandels eintreten wird: Lelieveld und Hadjinicolaou sind sich darüber einig, dass der Klimawandel zu einer deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Bewohner Nordafrikas und des Nahen Ostens führen wird, sodass viele Menschen diese Region früher oder später verlassen könnten.


Quelle: Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz, Mai 2016