29. Jun. 2017

Screenshot aus der Visualisierung "A Year in the life of Earth's CO2".

Die Welt braucht Hochgeschwindigkeits-Handeln, um den globalen Ausstoß von Treibhausgasen zu senken und unser Klima zu stabilisieren, erklären führende Experten. Wird das Verfeuern fossiler Brennstoffe rasch reduziert, können verheerende Hitze-Extreme und der Anstieg des Meeresspiegels wirksam begrenzt werden, schreiben die Autoren in einem Kommentar, der diese Woche in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift "Nature" veröffentlicht wird.

Wenige Tage vor dem G20-Gipfel der führenden Wirtschaftsmächte setzen die Experten sechs Meilensteine für eine saubere industrielle Revolution. Dieser Aufruf zu starken kurzfristigen Maßnahmen ist das Gegenstück zum langfristigen Ansatz des "Carbon Law", den einige der Autoren – darunter der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber – kürzlich in dem ebenso bedeutenden Journal Science veröffentlicht haben. Zusammen zeigen sie den Weg in die Dekarbonisierung auf.

"Wir stehen kurz davor, die Wende in der Kurve der Treibhausgas-Emissionen bis 2020 hinbekommen zu können – so wie es die Wissenschaft rät, um die UN Nachhaltigkeitsziele zu schützen, zu denen vor allem auch die Ausrottung extremer Armut gehört", sagt Christiana Figueres, Leitautorin des Nature-Kommentars und frühere Chefin der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC). "Diese monumentale Herausforderung fällt zusammen mit einer noch nie dagewesenen Bereitschaft, sich selbst Ziele zu setzen; auf der Ebene der sub-nationalen Regierungen in den USA, der Regierungen auf allen Ebenen außerhalb der USA, und dem privaten Sektor. Diese Chance für die nächsten drei Jahre ist historisch einmalig." Figueres führt die "Mission 2020" an, eine breite Kampagne, die sich dafür stark macht, Kohlendioxid-Emissionen ab 2020 zum Sinken zu bringen.

Zu den Autoren und Mitunterzeichnern der Veröffentlichung in Nature zählen mehr als 60 Wissenschaftler, Entscheider aus Politik und Wirtschaft, Ökonomen und Analysten, einschließlich Gail Whiteman von der Universität Lancaster; Sharan Burrow, Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes (International Trade Union Confederation); Paul Polman, Chef von Unilever plc; Anthony Hobley, Leiter des Carbon Tracker; Christian Rynning-Tønnesen, Vorsitzender von Statkraft; und Jonathan Bamber, Präsident der European Geosciences Union.

Große Transformation zur Nachhaltigkeit

Die Autoren sind zuversichtlich, dass sowohl der technologische Fortschritt als auch das politische Momentum einen Punkt erreicht haben, der den Beginn der "großen Transformation zur Nachhaltigkeit" ermöglicht. 2020 ist wichtig, weil in diesem Jahr die USA rechtlich die Möglichkeit zum Austritt aus dem Pariser Klimavertrag haben. Noch wichtiger als die politischen sind aber die physikalischen Erwägungen. Die jüngste Forschung zeigt: Wenn wir das Verringern der CO2-Emissionen bis in die Zeit deutlich nach 2020 verzögern, dann wird es schwer, den weltweiten Anstieg der Temperaturen auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Ein Überschreiten dieser Grenze ist riskant, weil eine Reihe von Kippelementen im Erdsystem, etwa die großen Eisschilde, dann destabilisiert werden könnten.

"Wir sind in den vergangenen hundert Jahren gesegnet gewesen mit einem bemerkenswert widerstandsfähigen Planeten, der einen Großteil unserer Klimasünden noch verkraften konnte", sagt Johan Rockström vom Stockholm Resilience Centre, er ist Ko-Autor des Kommentars in Nature wie auch der Veröffentlichung in Science. "Jetzt erreichen wir das Ende dieser Ära und müssen die globale Emissionskurve unverzüglich nach unten biegen, um die größten Auswirkungen auf unsere moderne Welt noch zu verhindern."

"Die Klima-Mathematik ist brutal klar"

Tatsächlich kommt ein gesellschaftlicher Kipppunkt in Sicht, so zeigen die Experten. Die Energieerzeugung aus Wind und Sonne boomt bereits. In Europa zum Beispiel beruhten 2016 drei Viertel des Zubaus an Energiekapazitäten auf den Erneuerbaren. China baut sehr schnell ein nationales System für den Emissionshandel auf. Zugleich werden Finanzmarkt-Akteure wie BlackRock aus den USA bei fossilen Investitionen zunehmend vorsichtig.

Die sechs Meilensteine der Experten für 2020 reichen vom Energiesektor (Erhöhung des Anteils der Erneuerbaren an der globalen Stromversorgung auf 30 Prozent und Ausstieg aus allen Kohlekraftwerken) bis hin zum Transportsektor (Erhöhung des Marktanteils der Elektrofahrzeuge an den Neuwagenverkäufen auf 15 Prozent weltweit, gegenwärtig beträgt er grob 1 Prozent) und zum Finanzsektor (Mobilisierung von jährlich einer Billion US Dollar für Klimaschutz).

"Die Klima-Mathematik ist brutal klar: Die Welt kann zwar nicht innerhalb von wenigen Jahren geheilt werden, aber wenn wir nichts tun, dann können wir sie durch Fahrlässigkeit bereits bis 2020 tödlich verwunden", sagt Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut, Ko-Autor sowohl des Kommentars in Nature als auch des Artikels in Science. Entschlossenes Handeln bis 2020 ist notwendig, aber natürlich nicht hinreichend – es muss die Richtung vorgeben, um dann jedes Jahrzehnt die CO2-Emissionen zu halbieren. So wie das legendäre "Moore’s law", demzufolge sich die Rechenkraft von Computerprozessoren ungefähr alle zwei Jahre verdoppelt, kann das "carbon law" eine sich selbst erfüllende Prophezeiung sein, die Innovation und Marktkräfte mobilisiert, so Schellnhuber. "Das wird dann nicht mehr zu stoppen sein – aber nur, wenn wir jetzt die Welt in Bewegung setzen."


Quelle: Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Juni 2017