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"Geowissenschaften haben deutlichen Nachholbedarf gegenüber anderen Naturwissenschaften!"

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2008 zum Internationalen Jahr des Planeten Erde ausgerufen. Eine der treibenden Kräfte hinter dieser globalen Aktion ist der deutsche Geowissenschaftler Dr. Wolfgang Eder, bis 2005 Direktor der Abteilung Geowissenschaften bei der UN-Agentur für Erziehung, Wissenschaft und Kulturor Unesco. Holger Kroker sprach für "planeterde.de" mit dem Experten auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien.

Frage: Warum wird es ein Internationales Jahr des Planeten Erde geben?

Eder: Wir haben in der internationalen Szene gespürt, dass die Geowissenschaften einen deutlichen Nachholbedarf gegenüber anderen Naturwissenschaften haben, sei es im Vergleich zu Weltraumforschung, Biologie oder Nuklearphysik. Um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu wecken, sind wir dann Ende der 90er Jahre auf die Idee gekommen, so etwas wie ein "International Year of Planet Earth" zu starten. Wir verstehen Geowissenschaften dabei nicht als die zentrale Disziplin, die alle Probleme der Welt erklärt, sondern wir bieten sie als eine wichtige Komponente an zum Verständnis des System Erde. Man kann halt nur in Zusammenarbeit mit Hydrologen, mit Ozeanographen, mit Biologen, mit Kollegen aller Geo-Disziplinen und Atmosphärenforschern, die auf uns zu kommende schwierige Zeit bewältigen. Witzigerweise hat sich parallel dazu auch eine ähnliche Initiative national in Deutschland entwickelt und die führte - wie manche Deutsche ja noch wissen - im Jahr 2002 zur Organisation des Deutschen Jahres der Geowissenschaften.

Frage: Was ist auf nationaler Ebene geplant?

Eder: Es ist ganz konkret schon losgegangen, dass man Ausstellungen, die sich Geothemen widmen, organisiert, zum Beispiel zu Risiken der Naturkatastrophen. Es gibt das Projekt GEOTECHNOLOGIEN, finanziert vom BMBF. Und das hat eine Wanderausstellung konzipiert, die jetzt durch Deutschland tourt und sich mit dem Thema Naturkatastrophen, Risiken von Naturkatastrophen, Vulkanausbrüchen, Erdrutschen, Erdbeben befaßt. Anhand dieser Ausstellung werden dann geowissenschaftliche Themen dem Publikum näher gebracht. Andere Planungen befassen sich dann mit der Organisation von Konferenzen, von öffentlichkeitswirksamen Veranstaltungen wie Kunst, Geschichte und Geologie. Denkmäler und historische Bauwerke in den Städten sind ja immer mit bestimmten Steinen aufgebaut worden und haben insofern einen Bezug zur Geologie. Und dann gibt es also einen speziellen Bereich, der sich der Ausbildung, im UN-Jargon "capacity building" widmet, das heißt also, wir versuchen, alle Schichten der Gesellschaft weiter zu bilden: die breite Öffentlichkeit, Schüler vor allem, Politiker, Entscheidungsträger, aber auch die Journalisten. Als ein ganz, ganz wichtiges Element, wie man Öffentlichkeit erreicht, haben sich die sogenannten Geoparks entpuppt. Das sind geologisch oder geomorphologisch ausgezeichnete Landschaften, die attraktive Elemente aufweisen, seien es Berge oder Schluchten oder Wasserfälle oder auch einfach reiche Mineral- oder Fossillagerstätten. Anhand dieser geologischen, mineralogischen oder geomorphologischen Besonderheiten, die sich auch als attraktive Ziele für einen neuen, nachhaltigen Tourismus eignen, will man versuchen, Geologie, Erdgeschichte, Industriegeschichte, Kulturgeschichte miteinander zu verbinden und immer auf die wichtigen Komponenten hinweisen, die durch die Geologie und Geographie geschaffen wurden. Es gibt in Deutschland beispielsweise mittlerweile sieben oder acht Geoparks, von der Eifel, den Odenwalld, über die Schwäbische Alb und den Harz bis nach Mecklenburg-Vorpommern. Dort führt man, sozusagen in einem offenen Museum, die Öffentlichkeit, Schüler, Studenten und Wissenschaftler und die Politiker an die Schönheiten der Geologie und Geographie heran.

Frage: Ist das Jahr jetzt eine öffentlichkeitswirksame Veranstaltung mit wissenschaftlichem Beiprogramm oder eher umgekehrt?

Eder: Uns ist es ganz, ganz wichtig, die Öffentlichkeit zu erreichen, und insofern ist dieses "Outreach" Programm gleichgewichtig zu sehen im nationalen aber auch im internationalen Bereich. Aber wir wollen andererseits Wissenschaftsprojekte fördern und damit auch laufende Programme unterstützen; es gibt beispielsweise ein internationales geowissenschaftliches Programm, das "International Geosciences Programme" (IGCP). Und dieses Programm, von der UNESCO und der internationalen Union für Geowissenschaften gemeinsam betrieben, soll gestützt werden auch durch Projekte des IYPE, die zum Teil auch als Initialzündung für neue IGCP-Projekt gestartet werden sollen.

Frage: Ist das deutsche Jahr der Geowissenschaften Vorbild gewesen?

Eder: Beide Projekte wurden im Grunde parallel entwickelt, das deutsche ist aber schneller umgesetzt worden. Inzwischen ist es so, dass die ausgezeichneten Erfahrungen, die im deutschen Jahr der Geowissenschaften gemacht worden sind, modellhaft genutzt werden für andere nationale und internationale Projektplanungen. Immerhin sind im Jahr 2002 ungefähr eine Million Leute mobilisiert worden in den verschiedenen Bereichen von Feuer, Wasser, Erde, Luft, und das buchstäblich auf den Märkten, in den Bahnhöfen, auf den Flughäfen. Durch ausgesprochen attraktive Veranstaltungen. Insofern kann man sagen, die deutschen Erfahrungen werden angewandt und es wird versucht, etwas Ähnliches auch im internationalen Bereich zu konzipieren. Aber jede Nation hat eigene Ideen und jede Nation versucht natürlich auch, ihre bestimmten Qualitäten zu nutzen. In Österreich sind zum Beispiel Bestrebungen im Gange, das Neujahrskonzert in Zusammenhang mit dem Internationalen Jahr des Planeten Erde zu stellen.

Frage: Haben Sie denn beim Jahr der Geowissenschaften, das ja 2002 stattfand, auch Langzeiteffekte festgestellt?

Eder: Das deutsche Jahr hat mit Sicherheit eine Langzeitwirkung gehabt. Eine der Zielsetzungen war es ja auch, die Geowissenschaften wieder als attraktive Studiendisziplin bekannt zu machen. Die Zahl der Studenten ist deutlich angestiegen. Es gibt absolute Zahlen von einzelnen Universitäten, z.B hat sich die Zahl der geo-wissenschaftlichen Studienanfänger an der Universität Tübingen vervierfacht. Aber auch bundesweit gab es sicherlich einen Anstieg.

Frage: Was wünschen Sie sich für das kommende UN-Jahr?

Eder: Wir sind bestrebt, aktive und kompetente Geowissenschaftler zu finden, die einen Draht haben, die Geowissenschaften auch außenwirksam zu verkaufen, denn wenn wir nur eben immer in unserem Elfenbeinturm sitzen, dann kommt es zu der Situation, dass "Geo" vernachlässigt wird im Vergleich zu anderen Disziplinen. Diese Kollegen sollten zu einem höheren Bekanntheitsgrad, zu einem besseren Verständnis der Geowissenschaften in der Gesellschaft beitragen. Wir haben eine Botschaft, die leider nicht immer gehört oder beachtet wird; wir sind halt der Meinung, dass ohne geowissenschaftlichen Hintergrund die Wirtschaft nicht laufen kann, keine vernünftige Umwelt- oder Klima-Politik betrieben werden, aber auch die Kultur- und Industriegeschichte der Menschheit nicht begriffen werden kann. Und dazu wollen wir innerhalb der nationalen und internationalen Aktivitäten unsere Beiträge liefern.