Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Vermischtes Internationales Jahr des Planeten Erde 2008 (planeterde log) Den Geowissenschaften auf der Spur...live aus der Antarktis

Den Geowissenschaften auf der Spur...live aus der Antarktis

erstellt von aahke zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Das Forschungsschiff Polarstern ist seit 25 Jahren im Dienst der Forschung in den Polargebieten unserer Erde unterwegs. Anläßlich des Internationalen Polarjahres 2008 berichtet der Fahrtleiter der aktuellen Forschungsreise, Dr. Eberhard Fahrbach, vom 1. bis zum 7. März für planeterde täglich von der Polarstern. Das Schiff ist vom 10. Februar bis 16. April in der Antarktis. In seinem Tagebuch werden die tägliche Arbeit des Expeditionsleiters und seine persönlichen Eindrücke geschildert. Ziel in dieser Woche: die Forscher-Basis Neumayerstation.

Geowissenschaften eiskalt serviert

Forscher auf wogenden Wellen

Portrait von Dr. Eberhard Fahrbach, Expeditionsleiter auf der Polarstern und wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsschiffes

Er liebt die Stürme und brausende Wogen. Dr. Eberhard Fahrbach ist ein wahrer Seebär, der schon viele Meere gesehen hat. Mehr als zwei Jahrzehnte trotzt er eiskalten Winden, um die Ozeane der Polarregionen zu erforschen. Dabei wurde ihm ein Schiff zur zweiten Heimat: die Polarstern. Seit vier Jahren koordiniert der passionierte Meeresforscher die wissenschaftlichen Expeditionen des deutschen Forschungsschiffes. Darüber hinaus ist er Sektionsleiter der messenden Ozeanographie am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung.

Eberhard Fahrbach im Portrait

Der geborene Stuttgarter entdeckte bereits als Kind seine Begeisterung für die Natur. Ihn interessierte vor allem ihre Vielfalt. Als Junge fragt er sich, welche Vögel und Pflanzen in seiner Umwelt leben oder woher eigentlich Versteinerungen kommen. „Damals wollte ich noch Förster werden“, erinnert sich Fahrbach. In seiner Jugend überwog dann seine Faszination für die Lösung technischer Probleme, so dass er zunächst Physik, Mathematik und Chemie an der Universität Heidelberg studierte. Da ihn die Meereswissenschaften bald mehr reizten als Elementarteilchenforschung, wechselte er nach dem Vordiplom in Physik 1970 an die Universität Kiel, um dort Ozeanographie, Meteorologie und Geophysik zu studieren. Er verbrachte ein Semester seines Ozeanographiestudiums in Frankreich, das er 1974 mit einer Diplomarbeit über interne Gezeitenwellen am Kontinentalrand vor Sierra Leone abschloss. Mit seiner anschließenden Arbeit am Institut für Meereskunde in Kiel wuchs sein Interesse an den Geowissenschaften. Während seiner Doktorandenzeit erweiterte er seine Fächerkombination auf die Geologie und wurde 1983 an der Universität Kiel promoviert.

Seine Passion für Forschungsreisen entwickelte sich schon während der Studienzeit. 1972 ging er an Bord der „Anton Dohrn“, auf der Fahrbach als junger Student seine erste Schiffsexpedition in die Norwegische See erlebte. Auf zahlreichen weiteren Reisen vertiefte der Ozeanograph seine Forschungsarbeiten über Zirkulationssysteme und Wassermassen, beispielsweise in den nordwestafrikanischen, peruanischen und brasilianischen Küstenauftriebsgebieten oder im Nordatlantischen Strom. Die Arbeit auf dem Schiff ist für ihn eine besondere Herausforderung. „Die Messung auf See stellt eine Verbindung von minutiöser Planung, zielbewusster Durchführung und phantasievoller Anpassung der Messstrategie an die sich ständig ändernden Verhältnisse und die Erkenntnis aus den gewonnenen Daten dar“, erklärt Fahrbach. Von den Widrigkeiten der Natur lässt sich der energische Meeresforscher gar nicht erst abschrecken: „Ich erkenne ein Problem, ich fasse es an und ich versuche eine Lösung zu finden.“ Deshalb forscht er hartnäckig daran, Strategien und Methoden zu entwickeln, mit denen die Lücken in den Datensätzen in der Zukunft verkleinert werden können.

Seefahrten leisten einen entscheidenden Beitrag zu dieser Weiterentwicklung. Die Analyse von Daten fordert von einem Wissenschaftler, auch über den eigenen Tellerrand blicken zu können. „Die Seereisen haben mich geprägt und mir neue Felder erschlossen, von tropischen Strömungssystemen bis zu polaren Wasserbildungsprozessen. Und sie brachten mich in engen Kontakt mit erfahrenen Kollegen der eigenen Fachrichtung sowie mit Kollegen aus ganz anderen Disziplinen“, betont Fahrbach. Durch die Reisen konnte er sich ozeanographisches Spezialwissen aneignen und ein überdisziplinäres Verständnis entwickeln.

Wissenschaftlicher Fortschritt in dem Hochtechnologieforschungsfach Messtechnik ist für den Ozeanographen deshalb nur durch Teamarbeit zu erreichen. „Als Einzelkämpfer hat man keine Chance wesentliche Fortschritte zu erzielen“, so Fahrbach.

Mit dem Wechsel an das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung begann für den Meeresforscher ein neuer Lebensabschnitt. Im Jahr 1986 nahm er an einer der ersten Forschungsexpeditionen der FS Polarstern in die Antarktis teil, mit der er fortan verbunden bleiben sollte. Seine Untersuchungen der polaren Zirkulation und Wassermassenbildung führten ihn mehrfach in arktische Gewässer, in denen er seine ersten Erfahrungen auf See sammelte, dennoch besucht er bevorzugt die Südhalbkugel: „Ich reise lieber in die Antarktis, da es dort noch mehr offene Fragen und weniger Anstrengungen, sie zu klären, gibt.“

Seit Beginn der Neunziger Jahre leitet Fahrbach wissenschaftliche Expeditionen auf dem Forschungsschiff Polarstern. Im Jahr 2002 übernahm der erfahrene Fahrtleiter auch die wissenschaftliche Koordination „seiner“ Polarstern, die ihm zur zweiten Heimat geworden war. Ein verantwortungsvoller Job, dessen organisatorische Arbeiten viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Teilnahme an Besprechungen, Seminaren und Planungssitzungen gehört für den Meeresforscher zum Arbeitsalltag an Land. Als wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsschiffes managt er wissenschaftliche Anträge, erstellt Fahrtpläne und editiert die Expeditionsprogramme und Fahrtberichte des Schiffes. „Den Wissenschaftlern diene ich als Ansprechpartner und Vermittler zwischen wissenschaftlichen Träumen und logistischer Realität“, beschreibt Fahrbach seine Aufgaben.

In der Fahrtleiterkabine












Dr. Fahrbach in seinem "schwimmenden Büro" auf der FS Polarstern

Und auf welche logistischen und technischen Unwägbarkeiten die Wissenschaftler an Bord treffen können, weiß der erfahrene Fahrtleiter, der auf der aktuellen Forschungsreise ANTXXIV/3  mittlerweile zum zwölften Mal das wissenschaftliche Ruder der Polarstern in der Hand hält.  Auf dem Schiff ist er allerdings nicht von seinen organisatorischen Pflichten entbunden. Dennoch konzentriert er sich als Fahrtleiter vor allem darauf, die verfügbare Schiffszeit optimal auszunutzen, um den Messansprüchen der 53 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gerecht zu werden. „Das erfordert eine exakte Planung der Geräteeinsätze und Kommunikation mit der Besatzung. Als Fahrtleiter bin ich auf der ständigen Suche nach Kompromissen, die jedem Fahrtteilnehmer das Gefühl vermitteln, in seinen Ansprüchen Ernst genommen und angemessen berücksichtigt zu werden“, so Fahrbach. Durch die Unvorhersehbarkeit der Wetter- und Eisbedingungen muss die Planung stets an die aktuelle Situation angepasst werden. Diplomatisches und logistisches Geschick sind hier gefragt. Darüber hinaus steht Polarstern stets im Blickpunkt der Öffentlichkeit, die er als Fahrtleiter mit wöchentlichen Berichten über das wissenschaftliche Geschehen an Bord auf dem Laufenden hält.

Polarstern vor Spitzbergen im arktischen Sommer 2002












Seit 25 Jahren im Dienst der Forschung unterwegs in den Polarmeeren: ein schwimmendes Großlabor

Am 10. Februar ist die Polarstern erneut in die Antarktis aufgebrochen.

Ziel dieser Expedition wird die Versorgung der Neumayer-Station und des Dallmann-Labors sein sowie Forschungsarbeiten im Rahmen des Internationalen Polarjahres (IPY). Das Hauptanliegen des IPY ist eine möglichst umfassende Bestandsaufnahme des aktuellen Zustands der Polargebiete, an der Wissenschaftler auf internationaler Ebene zusammenarbeiten. Sie soll als Grundlage dienen, um zukünftige globale Veränderungen beurteilen zu können. „Wir sehen, dass die globalen Veränderungen mittlerweile auch die Polargebiete erfasst haben. Deshalb ist diese groß angelegte Initiative jetzt notwendig“, erläutert  Fahrtleiter Fahrbach den akuten Handlungsbedarf. Mit den neu gewonnenen Daten dieser Expedition erhoffen sich die Wissenschaftler ein besseres Verständnis der Rolle, die der Südliche Ozean im globalen Klimasystem spielt. „Wir werden physikalische Größen wie Zirkulation und Wassermasseneigenschaften messen, aber auch biogeochemische Stoffkreisläufe, die letztlich das Leben im Ozean bestimmen“, so Fahrbach, der mit seiner Arbeitsgruppe an den physikalischen Messungen beteiligt ist. Schwerpunktprogramm der aktuellen Reise sind die IPY-Projekte CASO und GEOTRACES.

International besetzt ist auch die wissenschaftliche Crew auf der Polarstern: sie besteht zur einen Hälfte aus deutschen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, die andere Hälfte der Kollegen kommt aus acht Nationen – den Niederlanden, Frankreich, China, Italien, Mexiko und Neuseeland. Multikulturelles miteinander Arbeiten und Leben – auf dem Forschungsschiff kein Problem. Zusammen mit den 43 Mitgliedern der seemännischen Besatzung der Polarstern bilden die 53 Fahrtteilnehmer aus aller Welt eine interkulturelle Schiffs-WG. Und wenn man einmal eine Pause vom Forscher-Camp nötig hat? „Da unser Schiff relativ groß ist, kann man sich auch einmal  zurückziehen, wenn man das Bedürfnis hat“, so Fahrbach, der die sozialen Kontaktmöglichkeiten auf dem Schiff jedoch schätzt. „Andererseits gibt es mit fast einhundert Personen an Bord sehr viele interessante, engagierte und freundliche Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen und Ländern. Mit denen möchte man auch einmal privat zusammen sein, ohne zu arbeiten.“ Dafür bleibt dem sympathischen wissenschaftlichen Leiter durch seine organisatorischen Aufgaben oft viel zu wenig Zeit.

Im Namen der Forschung verbringt Fahrbach ein bis drei Monate im Jahr auf See. Seine Frau, von Beruf Realschullehrerin, unterstützt ihren Mann. „Sie weiß, dass es mir besser geht, wenn ich von Zeit zu Zeit den heimischen Schreibtisch für eine Forschungsreise verlassen kann“, schmunzelt er. Dennoch beschäftigt sich der sechzigjährige Meeresforscher mit dem absehbaren Ende seiner beruflichen Laufbahn. So möchte er seine Projekte soweit organisieren, dass sie durch ihn erfolgreich abgeschlossen oder von Kollegen übernommen werden können. „Dazu gehört, dass ich meinen Teil dazu beitragen möchte, in den polaren Ozeanen Beobachtungssysteme zu installieren. Sie sollen zukünftigen Forschergenerationen ermöglichen, eine Diagnose des Systems Erde auf der Grundlage von möglichst lückenlosen Datensätzen durchzuführen“, so die Vorstellung des Ozeanographen. „Dadurch werden sie genauere Antworten liefern, als wir das heute können.“ Derartige Meßsysteme müssen genau durchdacht, finanzierbar und auch für zukünftige Fragestellungen einsetzbar sein.

Für seine Zukunft wünscht sich Fahrbach, seinen über die Jahre erworbenen Erfahrungsschatz in wissenschaftliche Erkenntnisse umsetzen und veröffentlichen zu können. Reisen werden für ihn dann eher eine sekundäre Rolle spielen. In diesem Lebensabschnitt möchte er vor allem seine Aufgabe als Wissenschaftler erfüllen.   Er möchte den Menschen unserer Gesellschaft die Mittel in die Hand zu geben, ihre Umwelt und sich selbst als Teil des Systems Erde verstehen zu können. Erst durch dieses Verständnis wird den Menschen ein verantwortungsvoller Umgang mit ihrer Umwelt möglich sein. „Andererseits soll das Verstehen auch das Gefühl vermitteln, nicht irgendwelchen dunklen Mächten hilflos ausgeliefert zu sein. Verbesserte Vorhersagemöglichkeiten ermöglichen gezieltes Handeln. Es kann den Menschen ihre Zukunftsängste nehmen, soll ihnen Sicherheit vermitteln und damit die Lebensqualität erhöhen.“

AA, iserundschmidt, Februar 2008


Fahrtleiter-Logbuch

Für planeterde.de berichtet Dr. Fahrbach vom 1. bis zum 7. März von seinen persönlichen Eindrücken aus der Antarktis. Polarstern erreicht in dieser Woche die Neumayerstation. Dort versorgt sie die Wissenschaftler und Techniker der Forscher-Basis mit Vorräten für die kommenden Monate.

Zum Fahrtleiter-Logbuch auf planeterde.de


Polarstern in der Antarktis


















Polarstern versorgt regelmäßig Forschungsstationen wie die Neumayerstation oder das Dallmannlabor


Berichte und Aktuelles von Polarstern

Weitere Berichte können Sie auf der offiziellen Seite des Internationalen Polarjahres lesen:

Offizielle Wochenberichte der Expedition ANTXXIV/3

Berichte der zwei mitreisenden Lehrer, Charlotte Lohse und Stefan Theisen aus Norddeutschland.

Wo ist Polarstern? Kursplot des Schiffes.

"Polarstern - 25 Jahre Forschung in Arktis und Antarktis" im Delius Klasing Verlag erschienen. Für Hintergrundinformationen siehe auch hier.