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POSEIDON-Blog 11. Juni: Hinter dem Schelf in den Tiefsee-Canyon

erstellt von aahke zuletzt verändert: 17.11.2016 13:35 — abgelaufen

Seit dem 2. Juni ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX in spanischen Küstengewässern auf Expedition. Till Hanebuth nimmt uns mit auf eine sedimentologische Reise- kontinentalhangabwärts in Canyons, die kilometertief unterseeische Schluchten in den Meeresboden schneiden.

Poseidon-Logbuch P363/3

Vigo - Vigo



Thilo von DobeneckFahrtleiter und Geophysiker, Tilo von Dobeneck führt mit seinem Team im POSEIDON-Logbuch durch die Tage im letzten Fahrtabschnitt dieser Forschungsreise. Am Zentrum für Marine Umweltwissenschaften MARUM koordiniert er den Forschungsbereich „Sedimentationsprozesse“ und bestimmt an der Universität Bremen die Geschicke in der Abteilung Marine Geophysik.






Autor: Till Hanebuth



11. Juni:  Was befindet sich eigentlich hinter dem Schelf?

Wenn man so am Strand steht und aufs Meer schaut, dann ist dort hinten irgendwo am Horizont der offene Ozean zweieinhalb Kilometer tief. Jedenfalls vor Galizien ist das so. Für die so genannte Tiefsee ist das nicht sonderlich tief, denn die hat im Durchschnitt viereinhalb Kilometer Wasser über dem Meeresboden stehen. Dennoch mag sich die Frage stellen: Wie sieht es denn zwischen der Küste und der Tiefsee aus, wie geht es dort eigentlich runter? Zunächst kommt der Schelf, auf dem wir nun schon seit zehn Tagen intensiv Vermessung und Beprobung betreiben.

Sediment-Bobbahn

Als Schelf wird in der Regel der Bereich beschrieben, der sich von der Küste bis zu den ersten 150 Meter Wassertiefe erstreckt. Hier mag es noch einige untermeerische Felsaufragungen geben, aber generell ist das Gefälle zur Tiefsee hin sehr gering. An der äußeren Kante des Schelfs vollzieht sich dagegen eine entscheidende Änderung: Das Gefälle nimmt deutlich zu, wir befinden uns nun am Kontinentalhang. Dieser Hang verbindet nicht nur den Schelf mit der Tiefsee. Alles Sediment, das erst einmal geschafft hat, durch den Schelf hindurchtransportiert zu werden, kommt hier noch einmal richtig in Fahrt. Der steile Abhang mag wie eine Rutsche wirken. Zudem sind nahezu überall auf unserer Welt entlang dieses Hanges tiefe Einschnitte zu finden, die Canyons, die erst recht wie eine Bobbahn für Sedimente wirken können. Und so ist der obere Teil des Hanges zumeist frei von Ablagerungen - hier finden sich häufig sogar alte Gesteine direkt am Meeresboden. Dafür sollte all das "abgerutschte" Material im unteren Abschnitt des Hanges wieder zu finden sein.

Auf Kernjagd

Wenn es uns also gelingt, dieses Material dort unten aufzuspüren und dort einen Sedimentkern zu ziehen - so die Überlegung unsererseits als Sedimentologen, die verstehen wollen, wie der Transport von Material vor Galizien funktioniert, müsste doch zu rekonstruieren sein, wann, wo und welches Sediment hier bis in die Tiefsee gelangt. Umgekehrt könnte es sogar möglich sein, damit zu verstehen, welche Prozesse zu welcher Zeit eigentlich auf dem Schelf gewirkt haben mögen.

Unser Jagdgerät: Das Schwerelot 

Heute wollen wir daher versuchen, den einen oder anderen Sedimentkern vom Kontinentalhang zu ziehen. Dazu haben wir uns Lokalitäten ausgesucht, an denen wir besondere Bedingungen erwarten. Als geeignetes Gerät wählen wir ein Schwerelot. Dieses besteht aus einem senkrecht hängenden, drei Meter langen Stahlrohr mit einem Bleigewicht von eineinhalb Tonnen oben drauf. Das ganze hängt an einem Kabel und wird einfach in den Meeresboden gesteckt. Allerdings wissen wir nicht, was wir auf dem Weg nach unten und dann dort am Meeresboden antreffen werden: Gibt es starke Strömungen? Gibt es dort überhaupt Sedimente? Kann das Schiff trotz des Windes und der Wellen auf Position gehalten werden? Zumindest letzteres ist dank der beeindruckenden Professionalität der Besatzung selbst bei 2000 Metern Wassertiefe auf 10 bis 20 Meter genau machbar.

poseidon 11. Juni: Schwerelot kommt an Deck












Ein Schwerelot wird an Deck der POSEIDON gehievt

Bohren bis China

Wir beginnen ganz im Norden, wo wir anhand der nicht sonderlich genauen Seekarte eine dieser Canyon-artigen Strukturen vermuten. Die Seekarte sagt eine Wassertiefe von 1700 Metern voraus. Eine halbe Stunde dauert es, bis das Schwerelot in 1600 Meter Tiefe hängt. Wir halten die Kabelwinde an, um das Rohr ein wenig auspendeln zu lassen. Dann beschleunigen wir es und erwarten das Auftreffen auf den Meeresboden. Bei 1800 Metern passiert noch immer nichts. Das Lot rauscht weiter in die dunkle, kalte Tiefe. Bei 2000 Metern Tiefe beginnen wir, uns verwundert anzugucken. Was ist denn da unten bloß los? Der Bootsmann vermutet uns bereits in einem Vorgarten in China. Während wir weiterhin Draht rausgeben, macht sich langsam eine gewisse Spannung breit. Sollte es dort unten wirklich soviel tiefer sein, als die Seekarte verspricht?

Dann endlich, bei 2200 Metern Tiefe setzt das Gerät auf. 500 Meter tiefer als erwartet. Jetzt müssen wir weitere 35 Minuten warten, bis wir sehen können, was im Rohr gefangen sein mag. Ist das Gerät dann endlich an der Wasseroberfläche, müssen es der Bootsmann und seine Deckscrew erst einmal mit viel Geschick und Erfahrung sicher auf Deck bringen (siehe oberes Bild). Auch das mag eine echte Herausforderung sein, wenn das Meer so ruppig und aufgewühlt ist, wie es sooft der Fall ist hier vor Galizien... Als das Schwerelot endlich wieder festgeleint ist, können wir einen Blick nehmen. Und? Wir nehmen die verschließende Spitze ab - das Rohr ist leer. Alles umsonst? Nein, es ist nicht ganz leer. Wir finden eine Hand voll pflaumengroßer Steine. Damit ist für uns eine plausible Erklärung gefunden: Wir befinden uns genau über einem gigantischen, bislang unergründeten Canyon, in dem die Strömung so groß ist, dass selbst große Kiesel noch auf die Reise in die Tiefe geschickt werden. Der Sand muss an dieser Stelle viel weiter draußen wieder zu finden sein.

poseidon 11. Juni: Was ist im Schwerelot ?












Was ist wohl drin, im Schwerelot? Das Kernteam, Doktorand Hendrik Lantzsch, Kollege Ángel Mena aus Vigo und Till Hanebuth, ist gespannt.


Auf zur nächsten Station. Insgesamt schaffen wir heute vier Kerne auf diese Weise an Deck und haben die ganze Vielfalt, die ein Kontinentalhang zu bieten hat, heraufgeholt: Steine aus einem Canyon; zwei Meter fast zementartig harte, weiße Kalkschlämme von einer Erhebung; drei Meter sehr weiche, dunkelgraue Tonschlämme aus einer Senke; ein verbogenes Rohr mit ein wenig Sand aus einem weiteren, kleineren Canyon. Damit haben wir uns einen guten Überblick verschafft, wie dieser Hang an verschiedenen Stellen vom Schelf aus mit Material versorgt wird (der Ton), und dass es hier Canyons gibt, die vor allem Sand und Kies in die Tiefe transportieren. Und dass es Regionen gibt, an denen kein Material vom Schelf ankommt - dort befinden sich die reinen weißen Kalkschlämme.

Die große Aufgabe zuhause wird es nun sein, diese Erkenntnisse mit allen den Proben, die wir auf dem Schelf gesammelt haben (werden) zu kombinieren, um übergeordneten Muster erkennen zu können.

 Nach so einem Tag Deckarbeit sind wir abends zufrieden und müde, gucken zusammen in der Dämmerung etwas sehnsüchtig aufs zwei Meilen entfernte, rötlich leuchtende Kap Finisterre. Die Wellen schlagen nun wieder einmal hoch gegen den Bug unserer treuen Poseidon und wir müssen uns beeilen, alle Dinge an Deck festzuzurren, bevor die ersten Gischtduschen übers Deck rauschen. Dann dürfen wir kleines Kernteam, mein Doktorand Hendrik Lantzsch, unser Kollege Ángel Mena aus Vigo und ich (zu sehen auf dem oberen Bild), endlich aus den schlamm- und fettverschmierten, salzdurchtränkten Klamotten heraus und ab unter die Dusche!

Viele Grüße von Bord,
Till Hanebuth




Weitere Informationen:


Wo ist POSEIDON jetzt?

Zur aktuellen Position des Forschungsschiffes hier.

Mehr über den offiziellen Träger der Fahrt EUROPROX:der European graduate school - proxies in
earth history
unter www.europrox.de.


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