POSEIDON-Blog 2. und 3. Juni: Volles Rohr im Schlammgürtel
Seit dem 3. Mai ist das deutsche Forschungsschiff POSEIDON im Rahmen des Internationalen Graduiertenkollegs EUROPROX auf Forschungsexpedition. Über den dritten und letzten Fahrtabschnitts berichtet von Bord Fahrtleiter Tilo von Dobeneck und sein Team. Über die ersten zwei Tage auf See schreibt Daniel Rey.
Poseidon-Logbuch P363/3
Vigo - Vigo
Autor 2. und 3. Juni:
Daniel Rey, Stratigraph und Sedimentologe der "Grupo GEOMA" an der Universität Vigo
2. Juni: Leinen los!
Nach der ersten
gemeinsamen Nacht an Bord legen wir bei sonnigem Wetter gegen neun Uhr morgens
in Vigo ab. Während die übernächtigten Akustiker noch tief in ihre Tests
versunken sind, laufen andere Fahrtteilnehmer wie aufgescheuchte
Hühner herum, machen die Labors seefest und erkunden das noch wenig vertraute
Schiff. Die auf dem Heckgalgen versammelte Möwenschar beweist
dagegen südländische Gelassenheit….
Kapitän Michael Schneider navigiert die POSEIDON souverän aus dem emsigen Hafen der malerisch gelegenen Stadt - hinaus in die sich nach Westen weitende Ría de Vigo. Rías sind 'ertrunkene' Flusstäler, die die zerklüftete Küstenlandschaft Nordwestspaniens prägen. Zu Zeiten des tieferen eiszeitlichen Meeresspiegels haben sie sich tief ins Binnenland hinein geschnitten und in den vergangenen 10.000 Jahren mit tonigen und sandigen Ablagerungen verfüllt. Ein flaches Sedimentbecken im Ausgang der Ría mit einer Wassertiefe von etwa 50 Metern ist ideal, um das Fächerecholot 'Multibeam' zu kalibrieren. Wir nutzen diese geschützte Lage zudem, um das von Bootsmann Frank Schrage entwickelte Konzept zum Aussetzen und Einholen des Shark zu erproben. Am frühen Nachmittag legt ein Shuttleboot an, um Wilhelm Weinrebe nach erfolgreicher Inbetriebnahme der Akustik zurück nach Vigo zu bringen und verspätete Schiffslieferungen abzugeben.
Das Shuttleboot im Hafen von Vigo.
Für einige Minuten kehrt Beschaulichkeit ein. Rechts von uns liegen der Naturpark der Islas Cíes, herrlich grün bewaldete, von idyllischen weißen Stränden gesäumte und bis zu 150 Meter hoch aus dem blauen Meer ragende Granithügel, die die Ría vor den Stürmen des Atlantiks schützen. POSEIDON lässt dieses letzte Stückchen Land zwischen uns und New York steuerbords vorbei gleiten und sticht ins endlose Blau des Atlantiks hinaus. Doch nur wenige Seemeilen weiter beginnt das erste Akustikprofil und damit der nie abreißende Arbeitsbetrieb einer Forschungsfahrt.
Ein Blick zurück: Der Naturpark der Islas Cíes
3. Juni: Volles Rohr im Schlammgürtel
Auch die Sedimentologen haben nur zwölf Stunden Muße, denn bereits am nächsten Morgen folgt auf das traditionell deftige Bordfrühstück ein bis Sonnenuntergang dauerndes intensives Kernprogramm. Während mancher Wissenschaftler erst auf Touren kommen muss, zeigt die Deckmannschaft ihr beachtliches Können. Kastengreifer, Schwerelot und Vibrolot werden in schnellem Takt mit Großkran und Schiebebalken auf dem schmalen Deck rangiert, zu Wasser gelassen und aus nur 100 Meter Tiefe gut gefüllt mit Meeresschlamm geborgen. Wir beproben den etwa 30 Kilometer der Küste vorgelagerten 'mud belt', der aus den Ausfällungen der südlich gelegenen Flüsse Duoro und Minho gespeist wird. Diese Sedimente verdanken ihr Verbleiben auf dem Schelf küstenparallelen Strömungen und einer außergewöhnlich hohen Zähigkeit (Kohäsivität), mit der wir bald Bekanntschaft machen: Eine Schwerelot-Banane (Aufgrund der Ähnlichkeit des verunstalteten Schwerelotrohres mit der gelben Frucht so von Geologen benannt. Anm. d. Red.) und ein verbogener Fuß am Vibrolot zeugen von unsanften Bodenkontakten, dennoch sammeln wir im Laufe des Tages eine ordentliche Probenkollektion.
Der wuchtige
Großkastengreifer bildet die Vorhut jeder Kernstation. Zuverlässig 'stanzt' er
ungestörte Sedimentwürfel von 50 Zentimeter Kantenlänge aus dem Meeresboden. Für
deren Beschreibung und Beprobung sind die Geochemikerin Belén
Rubio und der Stratigraph Daniel Rey zuständig. Der oberste Zentimeter wird
in Petrischalen gesammelt und dient der Untersuchung der
heutigen Fauna und Sedimentation. Vier PVC-Rohre werden zum Grund des Kastens
versenkt, verschlossen und anschließend ausgegraben (siehe Bild).
Diese Abfolgen geben Auskunft über den Wandel der Umwelt in den letzten
Jahrhunderten bis Jahrtausenden sowie über chemische Umwandlungsprozesse nach der Ablagerung. Jeweils einer wird sofort eingefroren, um
den Chemismus der Porenwässer für spätere Analysen in Vigo zu
erhalten.
Unser Star : das Vibrolot
Der Star unter der Beprobungsgeräten ist Till Hanebuth's Vibrolot. Mit weit ausladenden Standbeinen und einem starken Rüttlermotor ausgerüstet ist das System in der Lage, fast sechs Meter tief in schwer zu beprobende sandige Sedimente einzudringen. Das ausgeklügelte Manöver beim Aussetzen und Einholen der Riesenspinne beschäftigt drei Kräne und das gesamte Können der routinierten Deckmannschaft. Hendrik Lantzsch, Ángel Mena und Hendrik Müller führen mit geballter Manneskraft das schwere Stromkabel des Rüttlermotors nach. Wenn das Vibrolot endlich geborgen und wieder sicher an seinem Platz vertäut ist, wird das stählerne Kernrohr geöffnet und bis zu 50.000 Jahre Sedimentgeschichte entnommen. Wir verfügen an Bord leider nicht über den Platz und die Zeit, die Kerne näher zu untersuchen, sondern zerteilen, beschriften und verpacken sie für zukünftige Laborstudien. Alba Andrade aus Vigo führt auf unserer Fahrt das Stations- und Probenregister und ist zudem für die Aufzeichnung der Fahrtroute zuständig.
Tatkräftig: Die Mannschaft der POSEIDON beim Bergen des Vibrolots.
Jedes aus verschiedenen Forschergruppen neu zusammengestellte Expeditionsteam benötigt eine gewisse Zeit, sich mit dem Ablauf der verschiedenen Operationen und den Konventionen der Verarbeitung und Dokumentation der Proben vertraut zu machen. Am Abend sind alle erschöpft, doch für die Geophysiker Arne Schwab und Bastian Wichand schließt sich noch eine lange Nacht am Bildschirm an, denn vor den geologischen Untersuchungen des nächsten Tages steht eine detaillierte akustische Vermessung des Meeresbodens. Viel Grüsse,
Daniel Rey
Geophysiker Arne Schwab in seinem Labor.
Weitere Informationen:
Wo ist POSEIDON jetzt?
Zur aktuellen Position des Forschungsschiffes hier.
Mehr über den offiziellen Träger der Fahrt EUROPROX:der European graduate school - proxies in
earth history unter www.europrox.de.








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